Als ich im Sterben lag


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Symphonie der Geräusche

Addie, die Sterbende misstraut den Wörtern. Das Wichtige werde ohne Wörter ausgesagt, denn es geschehe im Inneren. Für sie sind auch "Sünde" und "Erlösung", die ihr rechtschaffene Nachbarin (Edith Adam) zum Ende ihres Lebens noch schnell anbieten will, nur Hülsen, die nichts Wahrhaftiges aussagen. Viviane De Muyncks Inszenierung von "Als ich im Sterben lag" ist genau das Gegenteil und beileibe kleine bloße Aneinanderreihung von Wörtern, sondern lässt auf wundersame, sinnliche Weise Geschichten und Gedankenspiele von Menschen lebendig werden. Sie schafft fast Unmögliches: Ein umfangreicher Roman voll psychologischer, philosophischer und metaphysischer Gedanken mit 16 verschiedenen Personen, 59 Kurzsequenzen aus verschiedenen Perspektiven und einem roten Handlungsfaden mit turbulenter Aktion soll auf die Bühne des kleinen Malersaales gebracht werden. Sie macht es zu einem Zauberwerk der Fantasie und Theaterkunst.

Dazu braucht Viviane De Muynck nur drei verschiebbare menschlange Acryltische mit stabilem Stahlrahmen, sieben Plexiglashocker, ein Mikrophon und ein orangener Akzent-Streifen. Und das darstellerische Talent des hervorragendes Schauspielerteams. So wurde die Premiere am Donnerstag zu einem umjubelten Erfolg.

Die Mitglieder der Familie Bundren erscheinen auf der fast leeren Bühnenfläche und schildern ihr Leben auf dem Lande - sowohl aus der distanzierten Perspektive eines scheinbar objektiven Erzählers wie aus ihrer eigenen in der Ich-Person. Anlass ist der Tod der Mutter Addie und ihr letzter Wunsch: Sie möchte in der nächsten Kreisstadt Jefferson begraben werden. So muss sich die Familie bei widrigsten Wetterverhältnissen mit vereinten Kräften an seine Erfüllung machen. Die auftretenden Schwierigkeiten lassen Verletzungen, Enttäuschungen, Misstrauen, Zurücksetzungen, Eifersucht und Gram hervorbrechen. Die verdrängte, vertuschte Vergangenheit sickert durch in die Gegenwart, wie zum Schluss das Wasser, das durch die Betonwand des Malersaales hindurchtropft und die Wand herunterläuft. Der Vater Anse (Martin Pawlowsky) sieht sein Leben als eine Anhäufung von Schicksalsschlägen. Immer zuwenig Geld hat er schon seit Jahre keine Zähne mehr im Mund, so dass er die Nahrung, die Gott eigentlich für den Menschen vorgesehen hat, nicht zu sich nehmen kann. Sohn Cash (Ben Daniel Jöhnk) ist der Fachmann für die Tischlerarbeiten im Haus und demnach der ideale Mann für die Herstellung des Sarges für die Mutter. Auch sonst ist er eher pragmatisch veranlagt: Zuviel Nachdenken schade dem Menschen nur, ist seine Auffassung. Sohn Darl (Bernd Moss) dagegen ist der Philosoph in der Familie. Er weiß nicht, wer er eigentlich ist bzw. ob er überhaupt ist. Erst im Gegenüber könnte er sich verorten. Doch seine Familie ist für diese anspruchsvolle Aufgabe ungeeignet; zu instabil sind ihre eigenen Identitäten. Sohn Jewel mit den schicken Cowboystiefeln (Guido Lambrecht) hat sich statt einer Frau lieber ein Pferd zugelegt, das sein Vater aber im Zuge der dramatischen Entwicklungen ihrer Odyssee kurzerhand versetzt. Tochter Dewey Dell (Anne Weber) fand ein kurzes Glück mit Leif bei der Feldarbeit, die zwangsläufig im schattigen Gebüsch endete und ihr nun die Sorgen einer ungewollten Schwangerschaft beschert. Nachbarin Cora (Edith Adam) versucht dagegen im Eiergeschäft ihre kaufmännischen und erotischen Qualitäten zur Geltung kommen zu lassen. Was ihr nicht immer gelingt. Alle weiteren, für den Handlungsverlauf notwendigen Nebenrollen - Arzt, Pfarrer, Apotheker, Nachbarn - werden souverän von Matthias Breitenbach übernommen, indem er den Bauch mal mehr nach vorne schiebt oder unter einer Weste versteckt.

De Muynck unterlegt den Abend statt mit stimmungsfördernder Musik mit einer virtuosen Komposition aus Geräuschen. Da sägt Cash leise mit seinem Hosenreißverschluss, wenn von seinem Zimmern des Sarges erzählt wird. Da scharrt Jewel mit seinen Cowboystiefeln auf dem Boden, wenn sein Pferdetick von seinen Geschwistern höhnisch ausgebreitet wird. Da tropft Wasser, wenn vom drohenden Regen gesprochen wird. Da gackern die Hühner, wenn die Nachbarin mit ihrem einträglichen Eiergeschäft prahlt. Da zirpen die Grillen und schlagen Flügel, wenn das ländliche Leben illustriert wird. So lässt De Muynck scheinbar unaufwändig Bilder im Kopf entstehen, die die Aufmerksamkeit bis zum Schluss fesseln. Ein herausragendes Theatererlebnis, weit ab von jeder Eventkultur.

Birgit Schmalmack vom 4.10.03