Die Krönung Richard III.


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Ein politisches Tier

Richard III. hat ständig ein Taschentuch zur Hand. Immer wieder muss er sich sein Gesicht abwischen, seine Kleidung abwedeln oder den Fußboden abwischen. Zwanghaft sorgt er für seine äußerliche Sauberkeit. Er will den Aufstieg. Er will König werden und Macht in den Händen spüren. Die Königin Elisabeth von England geht auf sein Heiratsangebot ein; sie interessiert sein morbider Charakter. Diesen Mann umschwirrt ein Geheimnis, das sie verstehen kann. Schließlich verlustiert sie sich mit den zahlreichen jungen schönen Knaben und empfindet Wollust daran, sie nach ihrem Vergnügen zu kastrieren. Ihre liebste Vorstellung ist sie zu verspeisen. Ein ideales Paar hat sich gefunden. Doch zwei menschliche Monster zusammen ergeben keine harmonische Ehe, sondern ein Gespann aus Misstrauen und Todesangst.

Richard hat also die machtvolle Position erreicht, die er begehrte. Er erlangt Möglichkeiten, die ihm Macht aber auch Verantwortung auferlegen. Doch er kann sich ihr nicht stellen und entledigt sich ihrer. Er delegiert sie an seine Handlanger. Er erteile schließlich nur die Befehle, doch seine Auftragskiller führen sie aus. Als er merkt, wie brüchig dieses Konstrukt ist, muss eine höhere Instanz herhalten: Gott könnte schließlich eingreifen und die Taten verhindern.

Er ist ein verantwortungsloser Mensch, weil er sich weigert für sein Verhalten die Verantwortung zu übernehmen. Indem er sich die Schuldfähigkeit abspricht, degradiert er sich auf die Stufe eines vernunftbegabten Menschen auf die eines instinktgeleiteten Tieres. Richard braucht nun die äußere Form nicht mehr zu wahren. Aus seinem Mund rinnt seine schwarze Seele in schwarzen Strömen über seinen mittlerweile nackten Körper. Er ist ganz auf sich und sein Innenleben zurück geworfen. Ein zerrissener Mensch, der einem Bild hinterher gelaufen ist und zu einem Monster geworden ist, in dem er sich selber nicht mehr wieder erkennen mag.

Sebastian Nübling hat den grausam-gewaltigen Text von Hans Henny Jahnn in eindrucksvolle Bilder gegossen. Vor einer bühnenhohen Wand aus Lautsprechern inszeniert er ein sehr intensives Seelenspiel. Großes ausdruckstarkes Theater im Schauspielhaus!

Birgit Schmalmack vom 16.1.06