Der okkulte Charme der Bourgeoisie bei der Erzeugung von Reichtum


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Fahren als Lebenskonzept

"Meine Identität speist sich aus den Ebay-Bewertungen. Sinkt die Anzahl der Sternchen, verliere ich das Vertrauen der Anderen. Gilt das auch für meine Liebesbeziehungen? Oder hört hier ebenfalls die Solidarität auf, wenn der Verlobungsring und die Espressomaschine zum letzten Geburtstag bei Ebay versteigert werden? Wo finde ich meine Heimat, meinen verlässlichen Ruhepol, wenn alle die totale Flexibilität von mir fordern? Wie kann ich gleichzeitig den für ein Unternehmen wichtigen Wiedererkennungswert garantieren, wenn alles fließt? Das ständige im Auto Weiterfahren wird zum Lebenskonzept. Vielleicht erfinden wir so eine neue zeitgemäße Kommunikationsform für dieses Leben?"

Pollesch' Figuren stecken in der Lebenskrise. Selbst die neureiche Bourgeoisie flüchtet sich in das Okkulte, weil die Vernunft ihr im Sinne der Aufklärung nicht mehr die richtigen Antworten zu geben vermag. Das Übersinnliche soll nun helfen die Welt zu verstehen. So werden Menschenopfer dem goldenen Geldhund gebracht und die entsprechende materielle Entlohnung aus seinem Maul herausgezogen. Das Leben gleicht einem elektrischen Stuhl, der auf einem Glücksrad steht. Nur wenn die Götter günstig gestimmt sind, hat man Erfolg. Die einzig verlässlichen Maßstäbe sind die Bewertungspunkte bei Ebay geworden.

Catrin Striebeck, Caroline Peters und Bernd Moss sind die drei wackeren Reiter für die entschwindende Gerechtigkeit. Rene Pollesch treibt sie auf der Jagd nach den neuen Wahrheiten durch ein Wörtergestrüpp. In immer neuen Verknüpfungen seiner Schlagwortversatzstücke probieren sie aus, ob sie zeitgemäße Erkenntnisse erhaschen können. Jeder Zuschauer im Malersaal wird andere Botschaften gehört haben. Pollesch bietet einen gut durchgerührten Satzsalat an, aus dem jeder Zuschauer sich seinen Teller zusammenstellen muss. Pollesch spielt wie immer geschickt mit Schlagworten, Fremdwortkaskaden und Schimpfwörtern. Er enttäuscht somit jede Erwartungshaltung: weder die nach intellektuellen Analysen noch oberflächlicher Unterhaltung, weder die nach individuellen Personen noch erzählten Geschichten, weder die nach leicht verständlicher, eingängiger Sprache noch wissenschaftlicher Ausdrucksweise werden erfüllt. Und er vollbringt so das Wunder, alle zu enttäuschen und doch jedem etwas zu geben.

Birgit Schmalmack vom 19.4.05