Miss Sara Sampson
www.hamburgtheater.de
Andreas Kriegenburg hat Gotthold Ephraims Lessings Moral-Drama "Miss Sara Sampson" in seiner Inszenierung, die am Wochenende im Thalia Theater die neue Spielzeit eröffnete, zu einer Vorhöllentragödie der Egozentriker weitergedacht. Wie scheinlebendige Zombies laufen sie durch die verschimmelten, vergammelten, schwarz-grünen Räume und versuchen ein Stück Leben in ihrer einsamen Abgestumpftheit zu erhaschen.
Der vielseitig erfahrene und abgebrühte Mellefont (Helmut Mooshammer) denkt mit der tugendsamen, unschuldigen, vom Vater (Hans Christian Rudolph) behüteten Sara (Maren Eggert) noch ein wenig Sauberkeit und Lebendigkeit in sein verkommenes Dasein zu holen. Seine frühere Geliebte Marwood (die äußerst präsente Natali Seelig) führte ihm doch in ihrer derben, mit allen Wassern gewaschenen Art nur noch seine eigene Verderbtheit vor Augen. Doch so leicht entlässt diese ihn nicht aus ihren Fängen. Sie instrumentalisiert zunächst das gemeinsame Kind als Grund zur Rückkehr, macht sich dann Sara zur Freundin, rät ihr dringend von Mellefont ab und vergiftet sie schließlich, als keine ihrer Interigen Erfolg hat.
Kriegenburg streicht die weiteren tragisch-tödlichen Entwicklungen in Lessings Drama und lässt Saras einsame Sterbeszene als letztes Bild stehen. Hier bekommt Maren Eggert den Raum zur Entwicklung ihrer Rolle, der einer Titelfigur angemessen gewesen wäre. Sie ist hier aber nur das hin- und hergestoßene Opfer in dem Spiel derjenigen, die sich jeder Verantwortung entziehen. Diese Tragödie dreht sich vornehmlich um den männlichen Drahtzieher und alternden Lebemenschen Mellefont und um seine selbstumkreisende Überdrüssigkeit am Leben, die sich in immer neuen Verlockungen ihre immer selteneren Gefühlskicks holen muss.
Das Wirtshaus auf der Drehbühne (Bühne und Kostüme: Johanna Pfau) zeigt zwei gegengleiche, die immer gleiche Wirklichkeit anzweifelnde Foyers und dazwischen zwei Gasträume. Elementarer Bestandteil jedes Raumes ist eine Orgel, auf der beständig (an Trauergottesdienste erinnernde) Kirchenklänge erzeugt werden, die bei Bedarf in einen kitschigen, zukleisternden Popsong hinüberfließen können. Die Eingangshallen halten in Vitrinen Reliquien der Erinnerung bereit, die so konserviert kein Risiko des Verlustes mehr in sich tragen.
Der alte Diener des Sampson (Markwart Müller-Elmau) liefert dazu in einer sehr eindrucksvollen Erzählung die Erklärung. Eine Frau fürchtet sich vor den vielleicht unglücklichen Veränderungen in ihrem Leben so, dass sie sich ihre Körperteile abschneidet und sie in Schachteln aufbewahrt. Er ist es auch, der der versammelten Gruftie-Schar eindringlich zuruft: "Fangt doch endlich an zu leben!"
Doch bei Kriegenburg bekommen sie keine zweite Chance. Sie haben sich selbst in ihr Vorhöllenstadium gebracht, in dem nur noch das Elend der Selbstzerstörung beklagt und die Zerfleischung des Anderen praktiziert werden kann. Kriegenburg rettet so das gut 250 Jahre alte Stück vor der etwas angestaubten Frage der Tugendhaftigkeit und bereichert es um das viel aktuellere Thema der Gefühllosigkeit von überfütterten Egomanen, die sich in ihrer selbstbefriedigenden Oberflächlichkeit aller Menschlichkeit berauben. Ob sie versuchen ihre fehlenden Gefühle im Konsumieren von Drogen, Alkohol, Sex, Events oder Beziehungen zu reaktivieren, erscheint dann lediglich als Geschmacksfrage.
Birgit Schmalmack vom 8.9.02