Andy Warhols Velvet Underground
Filmregisseur und Rollen- und Gunstverteiler Henry (Thomas Klügel) mit der lässigen, asymethrischen Locke lümmelt sich die meiste Zeit gekonnt blasiert auf dem mit Plastikfolie überzogenen, weißen Sofa und überwacht die Aktivitäten seiner angehenden Stars, die sich auf der Bühne in der "Factory" produzieren. Für ihn werfen sie sich in ihre Stoff sparenden Fummel, singen, tanzen und geben bon mots in bunter Reihenfolge von sich. Immer überzeugt davon, dass der Sprung in die große Karriere nur einen kleinen Schritt entfernt sein kann. Das hat Atmosphäre, weil die vier schwarz gekleideten Musiker (Lieven Brunckhorst, Martin Engelbach, Dirk Ritz, Marco Schmedtje) auf der Bühne perfekt die Songs von Velvet Underground intonieren können; weil auf den weißen Plastik-Bühnenwänden psychedelische Farbverläufe, Filmausschnitte und schwarz-weiße Muster laufen und weil die zwei Damen (Edith Adam, Sarah Masuch) des Vierer-Teams in superschicker, aufreizender, sexy Kleidung sich ebenso bewegen können. Der Transvestit Candy (Bjarne Mädel) tut das ihm Mögliche dazu, indem er unnachahmlich treu und brav den Loser gibt, dem nun wirklich niemand den kommenden Superstar abnehmen mag.
Im Malersaal dabei (Bühne: Lolita Hindenberg) entsteht irgend etwas zwischen Fernsehstudio, Club und Kunstfabrik, ganz nach dem Vorbild von Andy Warhol's Bandprojekt mit Velvet Underground. Zwischen den abwechselungsreichen, rockigen, feinsinnigen Liedern von Lou Reed finden alle gemeinsam Platz auf dem besagten Sofa und lassen sich aus über das Nichts, Meditation, das Hollywood-Business, Kosmetiktipps, Schwulsein, Sex und Gefühle - oder vielmehr ihr nicht mehr Vorhandensein. Und das zeigt sich auch in der Inszenierung: Gefühle sind auch an diesem ungewöhnlichen Theater-Party-Abend rar gesät. Diese Menschen führen eher ihre Künstlichkeit vor Augen und dabei ist etwas, was die Vollendung ihres Kunstwerks "Ich" behindern könnte, nicht erwünscht. "Vielleicht bin ich eigentlich aus Plastik," bekennt Susanna als Ingrid Superstar.
Somit ist das Stück von Jörg Karrenbauer, das sich mit den Sechzigern beschäftigt, wohl immer noch sehr modern. Folgerichtig baut er immer wieder den Sprung in die Gegenwart ein. Dann fragen sich die vier Akteure: "In welcher Zeit lebst du eigentlich?" Als sie in Henry den idealen Kandidaten für den Präsidentenposten in den USA erkennen, ergötzen sie sich an der Vorstellung eines Nicht-Politikers als Obersten der Supermacht und einer Regierung aus lauter Superstars. Irritiert fällt Bjarne Mädel ein, dass dies keine Premiere wäre, sondern bereits existent. Die Bedeutung des stets wirksamen Vitamin B's scheint auch außerhalb des Showbizz nicht zu unterschätzen zu sein.
Ein stimmungsvoller, unterhaltsamer Abend, der gleich am Anfang zugibt, was von ihm zu erwarten ist: "Ich bin einfach nur da und weise nicht über mich hinaus", bekennt Henry schließlich gleich in der ersten Small-Talk-Sequenz.
Birgit Schmalmack vom 18.4.03