White Trash


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Lass es Liebe sein

Die Sechs sitzen in ihren Plastikmarkentüten von Aldi, Penny und Lidl auf dem Sofa und zappen sich durchs TV-Programm. Dazu singen sie inbrünstig den Schmusesong "Lass es Liebe sein" mit. Fast drei Stunden haben sie in den aggressivsten Tönen über die Gewalt, Zukunfts- und Lieblosigkeit in ihrem bisherigen Leben erzählt und den starken Mann und die starke Frau markiert. Statt Liebe bekamen sie in ihrer Kindheit nur vermittelt, dass sie "scheiße" sind. Dieses Grundgefühl werden sie ihr Leben nicht mehr los. Es bestimmt ihr Handeln. Immer bemüht ja keine Schwäche zuzugeben, flüchten sie in die reduzierte SMS-Sprache und die jederzeitige Gewaltbereitschaft. Stärke zeigen ist angesagt, wenn Geld, Karriere, Beruf nicht vorzeigbar sind. Wer nichts tut, kann keine Fehler machen. So sehr an die Misserfolge gewöhnt, fehlt der Mut zum Verfolgen neuer Ziele. Die dritte Generation Stütze in Deutschland ist geprägt von ihrer familiären Geschichte. Wie in der Kloschlüssel geboren fühlen sich diese sechs jugendlichen Verlierer.

Kriegenburg hat mit sechs Diplomanten der Hochschule für Musik und Theater im Thalia in der Gaußstraße ein Projekt mit Texten von Ausreißern, Straßenkindern und Junkies erarbeitet. Gelungen ist ein furioses, nie betuliches Soziogramm, das die Körpersprache, das Tempo und die Sprache seiner Studiensubjekte genau zu treffen versteht. Dabei springt Kriegenburg immer wieder aus der Ebene des Betrachters in die der Betroffenen. Dann sind die Darsteller plötzlich die Schauspielstudenten, die die Jugendlichen spielen. Und die Zuschauer diejenigen, die sich ihr wohlig gruseliges Kribbeln beim Betrachten des fremden Unglücks abholen wollen.

Die Schauspieler (Rolf Bach, Daniel Hoevels, Julia Köhn, Julia Nachtmann, Johannes Schäfer und Anjorka Strechel) haben wahre Höchstleistungen zu vollbringen. In dem grandiosen Bühnenbild einer Wellblechschleife vollbringen atemraubende Akrobatik. Sie rutschen, knallen, stampfen, klettern und krabbeln auf der Rampe und holen sich etliche blaue Flecken.

Akteure, die von endlosen Wiederholungsschleifen und quälender Langeweile berichten und gleichzeitig vor Energie sprühen. Genau diese Tragik lässt den Zuschauer nicht unberührt aus seinen bequemen Stühlen aufstehen.

Birgit Schmalmack vom 4.5.05