Inselkomödie


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Allzu gefällig

Das Fadenkreuz des Fernrohrs zielt genau auf den Kopf der langmähnigen vollbusigen nackten Frau, die gerade in Missionarinnenstellung auf einem Kriegsschiff sitzt. So illustrierte Tomi Ungerer 1974 die Inselkomödie von Rolf Hochhuth. "Vielleicht etwas zu gefällig", wie dieser im Programmheft kommentiert. Dieses Attribut dürfte aber auf seine diesjährige Umsetzung des Stoffes auf der Bühne des BEs umso mehr zutreffen..

Der Inhalt der Inselkomödie orientiert sich an der 2500 Jahre alten Aristophanes-Komödie. Die attraktive Lysistrate ist eine emanzipierte Frau. Um zu verhindern, dass die Bauern ihr Land an die USA für die Aufstellung von Atombomben verkaufen, organisiert sie unter den Frauen ihrer griechischen Heimatinsel einen Streik. Diese ziehen in das Hotel von Lysitrates Vater und stehen ab sofort ihren Männern nicht mehr zur Verfügung. Touristen statt Bomben, damit will die Athener Parlamentsabgeordnete auf der Insel Arbeitsplätze schaffen. Doch das Engagement der Frauen geht noch weiter. Um ihre Ziele mit Nachdruck zum Erfolg zu führen, stellen sie ihre Sex-Dienste außerhalb des ehelichen Bettes bereitwillig in den Dienst der guten Sache. Mit den griechischen Militärs unter die Bettdecke in einem der Hotelzimmer zu kriechen, sind sie nicht abgeneigt. So scheint sich das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden zu lassen.

Man darf annehmen, dass es Hochhuth um die politische Botschaft des Stücks geht. Er will deutlich machen, dass die NATO ihrer Schutzfunktion nur gerecht werden kann, wenn sie sich nicht in den Einflussgebieten Russlands engagiert. "Sollte ein Musical nur dazu gut sein, überhaupt noch an diese Gefahr zu erinnern, hätte es seinen Zweck erfüllt", so führt er im Programmheft aus. Er hat das Projekt in die Hände von zwei Musical erfahrenen Männern gegeben: dem Komponisten Florian Fries und dem Regisseur Heiko Stang. Leicht eingängig sollten die Botschaften daherkommen. Doch dass sie nun schlüpfrig und deftig geworden sind, dient der Sache nicht unbedingt. Zu viel nackte Haut und zu viele allzu eindeutige Sprüche und Gesten sieht man hier auf der Bühne, als dass sie noch Anlass böten nach ihrer tiefgründigen Bedeutung zu fanden. Die Wortspielereien Hochhuths traut man diesen zum großen Teil schlichten Charakteren auf der Bühne nicht zu.

Das letzte Bild macht es überdeutlich. Im Hintergrund der klischiert gestalteten griechischen Taverne erscheinen große Kanonenrohre, doch statt Raketen feuern sie Konfetti-Bomben ab, die sich glitzernd auf die tanzende Showtruppe ergießen. Jede Doppelbödigkeit und Hintersinnigkeit ist dem Text in dieser Umsetzung abhanden gekommen. Keine Frage: Hochhuths Text bietet viele Anlässe dazu, Stang hat sie jedoch alle weidlich genutzt. Mit der seichten Operetten-Musik von Fries und der aus TV- und Boulevardproduktionen bekannten Schauspielertruppe ergibt dies ein rundes Bild.

Am meisten berühren da dann doch die beiden monologischen Auftritte des greisen Mimen Heesters, der als einziger versucht, Inhalte statt Formen zu vermitteln.

Birgit Schmalmack vom 7.8.10