Gesichter des Krieges


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Der Mensch ist größer als der Krieg

Treffpunkt ist der U-Bahnhof Gesundbrunnen. Es geht hinab in die Unterwelten Berlins. Der gleichnamige Verein hat den ehemaligen Bunker in den U-Bahnschächten der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Zusammen mit dem Dokumentartheater Berlin zeigen sie nun die "Gesichter des Krieges", eine innovative Mischung aus Führung und Theater.

Im Treppenaufgang hocken, stehen und lehnen acht Menschen schweigend mit versteinerten, trüben Blick. Genauso schweigend nehmen sie wenig später in einem schmalen Betongang vor einem Leinentuch mit ihrem Namen Aufstellung. Immer einen Gegenstand nehmen sie mit in die nächsten Räume des Bunkers: ein Buch, eine Schwesternmütze, ein Stück Schnur, ein Paar Stiefel. Im Verlauf des neunzigminütigen Ganges durch den Bunker lernen die Zuschauer ihre Geschichten kennen. Eine Partisanin, die nie weiß ob sie bei einer ihrer Aktionen gerade ihre Mutter erschießt, die die Deutschen als Schutzschild vor sich herführen. Eine Zwangsarbeiterin, die sich bei Salamander blutig schuften musste. "Ich kaufe keine Schuhe bei Salamander mehr", wird sie am Schluss versichern. Ein deutsches Mädel, das bekennt: "Ich liebe Deutschland." Später wird sie sich fragen, warum ihr Bruder kurz vor Ende des Krieges noch hat als Kanonenfutter dienen müssen. Eine jüdische Frau, deren Großmutter nach Theresienstadt abgeführt wird. Eine Rote-Kreuz-Schwester, die ihren ersten Kuss ihrem gerade gefallenen Geliebten geben muss. Ein italienischer Kommunist, der im KZ gefoltert wird. Ein russischer Soldat, der sich dazu entschließt, nicht nur einen der eigenen Kameraden sondern auch einen deutschen Verwundeten zu retten.

"Der Mensch hat nur ein Herz. Wenn er es dem Hass überlässt, hat er keines für die Liebe mehr", ist der zweite russische Soldat überzeugt. Er kam von Rachegedanken getrieben nach Deutschland. Doch nun gibt er den hungernden deutschen Kindern von seiner schmalen Brotration ab.

Die "Gesichter des Krieges" sind ein eindrückliches Theaterstück, das Geschichte lebendig werden lässt. Sorgsam wurden die Geschichten von den Regisseurinnen Marina Schubarth und Natascha Bondar ausgesucht, die Klischees ohne jeden erhobenen Zeigefinger hinterfragen. Denn die Begegnungen mit den Menschen hinter den trockenen Zahlen und Fakten sprechen für sich. Getreu dem Motto, das über der Eingangstür des Bunkers steht: "Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen."

Birgit Schmalmack vom 8.8.10