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Platonow

Platonow, Schauspielhaus Zürich

Die Welt der Idioten

Die Generalin und Gutsbesitzerin Anna (Friederike Wagner) ist wie jeden Sommer wieder auf ihr Gut zurückgekehrt. Sie erwartet ihre Gäste. Im enganliegenden rosafarbenen Kostümchen schlägt ihre langen Beine elegant übereinander. Nacheinander trudeln alle ein, doch Anna wartet nur den einen: Platonow. Der erscheint dann auch mit seinem „dummen Gänschen“ Sascha (Ursula Doll) als Anhängsel. Platonow gefällt es sich die Langeweile seines Lebens mit zynischen Bemerkungen über die anderen zu verkürzen. Innerhalb kürzester Frist hat er mehrere beleidigt und eine Frau zum Heulen gebracht. Doch die Aufmerksamkeit aller ist ihm gewiss.
In der ersten Halbzeit breitet Barbara Frey mit ihrem „Platonow“ am Schauspielhaus Zürich die Langeweile und die Unzufriedenheit der russischen Gesellschaft in allbekannter Tschechowtradition aus. Einzig die boulevardeske Überspitzung einiger Charaktere sorgt für kurzzeitige Erheiterung beim Hamburger Publikum. Auch Michael Maertens in der Titelrolle passt mit seiner nöligen, ironischen, gewollt uncharmanten Umsetzung bestens in dieses Konzept. Was allerdings auch intelligente Frauen an diesem so leicht durchschaubaren egoistischen Ekelpaket finden, bleibt bei dieser Interpretation ein Geheimnis.
Erst nachdem in die abgeschrabte, leere Rotunde des Salons eine Schneise aus Bahngleisen in Originalgröße geschlagen wird, gewinnt das Spiel an Spannung, Dramatik und Tiefgang. Auch Maertens gibt seinem Platonow nun die Verletzlichkeit, die ihn von einer Karikatur zu einem Menschen werden lassen. Während die schönen Frauen eine nach der anderen zur offenen Tür hereinkommen und ihm ihr Herz zu Füßen legen, liegt er vom Wein betäubt in schäbigen Klamotten auf seinem Bett und offenbart alle seine Schwachstellen. Die Intellektualität und Überlegenheit, die Platonow erst interessant für seine Umgebung gibt Maertens ihm in seiner Interpretation nicht. Zuerst ist er zu arrogant und dummdreist, danach zu abgehalftert und wehleidig. Zu sehr schimmert hier „Der Parasit“ durch, den Maertens anlässlich der Hamburger Theaterfestivals ebenfalls präsentierte.
Die Frauenfiguren sind wesentlich interessanter angelegt. Sofja ist total unbefriedigt von ihrem treusorgenden, braven Ehemann Sergej (Nicolas Rosat). Yvon Jansen spielt sie kraftvoll, burschikos und durchsetzungsfähig. Friederike Wagner ist die intelligente, überlegte und überlegene Dame, die auf ein wenig Leidenschaft in ihrem gefühlsarmen Leben hofft. Ursula Doll begehrt als Sascha immer wieder vergeblich gegen die Überheblichkeit ihres Macho-Ehemannes auf. Franziska Machens verleiht ihrer Marja Schüchternheit und Intelligenz. Ihre Unerfahrenheit lässt sie schon nach kleinsten Charmeeinheiten seitens Platonow jeglichen Stolz vergessen.
Frey hat kleine Oasen der Hoffnung in dem Tschechowtext aufgetan: Als Sascha dem Tagelöhner und Pferdedieb Ossip (Jan Bluthardt), wie schon so oft, etwas zu essen gibt, entsteht eine Stimmung des zarten Verständnisses und der kurzzeitigen Gemeinsamkeit zwischen zwei Verlierern des System. Mehr dieser Momente der Zartheit hätten den Abend nach interessanter gemacht. Stattdessen setzte Frey aber zugleich auf effektvolle Überzeichnung von Figuren. So hat sie Tschechow zwar seine Schwere und Ödnis genommen, doch auch die Zwischentöne durch Lacher verwischt.
Birgit Schmalmack vom 29.10.11

Zur Kritik von

nachtkritik
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