Sie sind hier: Thalia Theater
Zurück zu: HH-Theater T-Z
Allgemein: Melissa kriegt alles, DT Against the record, HAU 1 Manifesto, Harake Dance company Salon 89, Sophiensäle Gazino Berlin, Heimathafen Bridge Markland + Gäste: queens + kings, AHA

Suchen nach:

Körber Junge Regie 2013

Zur Kritik von

Abendblatt
Welt
Junge Regie

Körber Studio Junge Regie 2013

Jung, mutig, vielseitig
Die unüberschaubaren Verstrickungen des Kapitals macht das letzte Bild von Maximilian Hanisch Inszenierung „Die Kontrakte des Kaufmanns“ vom Salzburger Mozarteum sehr deutlich. Die rasanten Banker in Radfahrer-Funktionskleidung haben die Fäden der Geldflüsse, an denen die Marken des Kapitalismus aufgehängt werden, gespannt. „Ihr habt ins Nichts investiert. Denn wir sind nicht unser Name. Ihr Geld macht auf unserer Insel jetzt Urlaub. Es macht Sport, es verschlankt sich,“ versprechen sie ihren nichtsahnenden Geldgebern. Die Kleinanleger dagegen sind in den Schlamm gestürzt, ihrer Kraft beraubt und ächzen unter der Last ihrer bodenlosen Verluste. Nackt mit schlammverkrusteter Haut klagen sie ihr Leid. Nach einem Bad im Jungbrunnen steigen sie als junge frische Banker wieder aus der Mülltonne und führen uns mit einem Tänzchen in die heile schöne Welt des Banker-Musicals. Hanisch sprüht über vor Ideen zu dem mäandernden, höchst aktuellen Text von Jelinek. Sie setzen nicht immer wie im letzten Bild auf Inhalte sondern liebäugeln auch gerne mit ihren Effekten.

„Lasst uns ihn im Keim ersticken“ von Vincent Thepaut, Sacha Todorov und Thomas Pondevie aus Strasbourg stellt die Fragen dem Wert von Revolutionen für die Weiterentwicklung von Gesellschaften. Wer weiß denn nun besser, was fürs Volk gut ist: der Herrscher oder das Volk selber? Auch die Experten, die zur TV-Talkshow geladen sind, scheinen sich da nicht ganz einig zu sein. Zum Beweise ihrer jeweiligen Thesen haben sie Szenen aus Stücken von Shakespeare und Victor Hugo zu den historischen Figuren Julius Cäsar und Oliver Cromwell mitgebracht. Immer wieder werden sie im Stile von Doku-Film-Material zurückgespult um bestimmte Theorien zu belegen. Klug reden die Experten daher, immer gut getrennt von dem blutigen Geschehen auf dem Spielfeld. Bis das Volk zum Schluss auch ihre Rolle in Frage stellt und in die „Realität“ der TV-Show einbricht. Der inszenatorische Ansatz ist interessant. Er will zugleich politische Entwicklung und ihre auf wenige Thesen vereinfachte Darstellung in die Medien hinterfragen. Leider wird die Konstruiertheit dieser Absicht mitunter zu deutlich.

„Das Projekt bin ich“ von der Ernst Busch Schule aus Berlin stellt die Bedingungen des Schauspielerberufes in den Mittelpunkt. Ulrike Müller hat vier erfahrene Schauspieler für ihr biographisches Projekt gewinnen können. Sie spielen auf der Bühne aus Gruppenseminaren bekannte Spielchen, um etwas über sich zu verraten. Das „Ja-Nein-Frage-Spiel“ oder „Stadt Land Fluss“ dienen ihnen als Anlässe, um von den harten Bedingungen ihres Berufes der ständigen Unsicherheit und Existenzangst zu berichten. Sie erzählen, wie sie sich mit Projekten, Unterricht, Workshops und Zwischenengagements über Wasser halten und ständig in der Angst leben, entweder der Beziehung, der Familie und dem Beruf nicht gerecht werden zu können. Als jedoch die letzte Frage „Wer würde den Beruf wieder wählen?“ gestellt wird, stehen sie alle geschlossen auf. Sympathie, Mitgefühl und Bewunderung ernten die Darsteller beim Publikum alle. Mehr inszenatorischer Zugriff hätte den künstlerischen Wert noch steigern können.

Vor der schwarzen Wand werden sie zur Verantwortung gezogen. Jeder berichtet aus seiner Sicht von den Hintergründen des Vatermordes. Nichts lenkt von ihren Taten ab. Ganz alleine stehen sie da und müssen Rechenschaft ablegen. Katja, die den lebensgierigen, aber charakterschwachen Dmitrij aus Liebe retten will. Gruschenka, die ihren Spaß daran hat, sich ihrer Verführungsgunst mit jedem Mann erneut zu vergewissern. Sie angelt sich Dmitrij, liebt aber eigentlich einen Verflossenen und lässt sich auch vom Vater Angebote unterbreiten. Iwan wiederum ist in Katja verliebt. Der uneheliche Sohn Smerdjakow wird von allen herumgeschubst, bis er sich schließlich zur Wehr setzt. Alle haben sich den Tod des Vaters mehr als einmal gewünscht. Spielt es eine Rolle, wer die Tat schließlich ausführte? Sind sie nicht alle gleich schuldig geworden? Gibt es überhaupt eine Schuld, wenn kein Gott mehr existiert? Ist dann nicht alles erlaubt? Alle diese Fragen werden in „Karamosow-eine Beichte“ vor der leeren Wand zwar nur angerissen. Wer es wagt einen 1200-Seiten-Roman in 80 Minuten verhandeln zu wollen, muss den Mut zur Lücke haben. Josua Rösing vom Max-Reinhardt Seminar aus Wien hatte ihn. Mit seinem energiegeladenen jungen Ensemble kann er eine konzentrierte Eindringlichkeit erzeugen, die beeindruckt, wenn man nicht kurz zuvor Luk Percevals hochgelobte Inszenierung am Thalia gesehen hatte...

Jungs drehen mit heiliger Miene ihre Runden auf dem Fahrrad. Mit ebensolchen Inbrunst zertrümmern sie Möbelstücke, drei pro Vorstellung. Sie erzählen von Männer-WGs, die sich in einen Schrottplatz verwandeln. Von der fruchtbaren Erde in der niedersächsischen Tiefebene, von neuen Waffenentwicklungen und Highway-Fantasien. Und doch lassen sie sich von einer Frau nur mit einer zarten, aber bestimmenden Geste zu einer Runde formieren, um ein sorgsam dirigiertes A-Capella-Gesumme anzustimmen. Dass sie dies schließlich zu einem Backgroundchor für den letzten großen Auftritt dieser Frau machen wird, ahnen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ein neues Männerbild zeichnet die Performance „Argeles-sur-Mer“ von Gesine Hohmann und Jasper Tibbe von der Uni Hildesheim auf unnachahmlich beiläufige, norddeutsch-komische Art und Weise. Ohne sich unnötig mit überflüssigen Positionierungsbemühungen zu plagen, zeigen diese Männer ihr scheinbar unreflektiertes Sosein zwischen Softie, Milchbubie, Dösbaddel, Stratege und Zerstörer.

Gießen schickte das Gegenstück „Der souveräne Mensch“ in Sachen Performance. Hier gab es nicht den Hauch eines Zweifels, dass nicht jede Geste perfekt bis in die letzte Fingerspitze einstudiert war. Denn es ging um die Ausstrahlung der Souveränität des Souveräns. Vor den großen blauen Vorhang wird das In-Szene-Setzen der Seriosität vorgeführt. Sparsame Gesten, gesetzte Reden, dezente Körpersprache. Mit der kleinen Lightshoweinlage zur dramatischen Musikeinspielung wird ein Gang hoch geschaltet. Der Vorhang geht auf und eine Eiswüste mit nackten kahlen Bäumchen straft die Reden von den blühenden Landschaften Lügen. Mit übergroßem Scheinwerfer vor riesenhaftem Rednerpult wird der Souverän zum Zwerg und sein Fuchs-Adlaten übernehmen sein Gestenballett im Duett. Arnita Jaunsubrena, Lea Schneidermann und Kim Willems beeindrucken mit großer Ernsthaftigkeit, hoher Textkonzentration und ihrem Mut Worthülsen und Inszenierungstricks zum Thema auf einem Regiefestival zu machen.

O`Neill dampfte die griechische Tragödie um Elektra schon zu einem amerikanischen Familienmelodram „Trauer muss Elektra tragen“ ein. Regisseur Federerik Tiden nimmt sich nun die Freiheit, die Modernisierungsschraube noch ein wenig weiter zu drehen. Er benutzt heutige Fernsehformate wie die Sitcom und die Soap, um die Story mit weiteren kritischen Untertönen zu versehen. Er scheut sich auch nicht, sie um das Themen 11. September, Nationalismus und Kriegstraumata zu erweitern. Dosengelächter signalisiert im ersten Teil klar die Stellen, die zum Lachen freigegeben sind. Doch es ist verhalten. Denn die Familienzwiste innerhalb der Familie Mannon laden kaum zum Schenkelklopfen ein. Lavina vergöttern den abwesenden Vater und verachtet die Mutter, die sich inzwischen einen Ersatzliebhaber hält. Die Mutter liebt einzig den Sohn, in dem sie auch im Erwachsenenalter noch ihr „Baby“ sieht. Als Vater und Sohn aus dem Krieg heimkehren, eskalieren die Konflikte und die Gewalt. Auf der hölzernen Showtreppe kann bei den Mannons Amerika nicht gefeiert werden. Hier werden nur die Abgründe der Familienshow offenbar. Noch auf dem Totenbett träumt der Vater von den wahren Werten Amerikas. Doch statt zu heulen, bricht die Mutter Christine, ganz wie sie es im Fernsehen gelernt hat, in stummes Gelächter aus. Die Inszenierung der Zürcher Hochschule der Künste war einer der Höhepunkte des Festivals.

Kryptisch bliebt dagegen die geo-kulturelle Spurensuche „Blickakte“ von Daniel Schauf. Ein Journalist will über das Nationaltheater in Somalia berichten. Er nimmt Kontakt mit einem Somali auf, der Myrre aus dem Land nach Deutschland exportieren will. Als dann noch eine taiwanesische Performanerin zum Projekt dazu stößt, wird die Fokussierung immer unklarer. Doch genau darum geht es: Das größtenteils vom Zufall bestimmte Knüpfen globaler Netzwerke ist möglich in Zeiten von Goggle und co. Es erlaubt virtuelle, interkulturelle Begegnungen. Doch viele Kontakte bleiben an der Oberfläche und im Konjunktiv. Halb trockener Vortrag, halb durch expressiven Tanz aufgepeppte Performance kann „Blickakte“ leider nur sehr begrenzt für neue Anregungen sorgen.

Hippolytos ruht in den roten Kissen seines Bettes. Unter ihm auf der schwarzen Erde liegen vier Gestalten. Wie Untote quälen sie sich mühsam strauchelnd in die Senkrechte empor. Maskenhaft sind ihre Gesichter geschminkt, ihre laszive Kleidung bedeckt weniger, als sie freilässt. Als Chor malen sie mit Senecas Worten eine düstere Welt aus, die ohne Liebe auskommen müsste. Genau von so einer Welt erzählt Sarah Kanes Stück „Phaidras Liebe“. In Hippolytos Leben spielt die Sexualität zwar die Hauptrolle, aber seine Begegnungen mit Anderen dienen ausschließlich der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung und Unterbrechung seines Lebensüberdrusses. Seine Stiefmutter Phaidra will ihn nur zu gerne durch ihre unerlaubte Liebe retten, doch wird wie alle übrigen Kandidatinnen in die schwarze Erde zurückgeworfen. Regisseurin Simina German von der Folkwang Uni Essen bezieht in ihrer konsequent gezeichneten Inszenierung klare Position. Sie zeigt eine Gesellschaft, die aus den Fugen geraten ist. Hippolytos ist hier nicht der Sünder sondern der einzig Aufrechte, der bewusst zu seiner Haltung steht. Alle anderen fallen so triebhaft über die Geburtstagstorte her wie über einander. German weist mit der Kontrastierung durch die Chortexte aus Senecas Fassung über Kanes düstere Interpretation des Mythos hinaus und legt so geschickt eine zweite Ebene darüber. Ein weiterer Höhepunkt des Festivals!
Festivals!

„Wir hatten keine Lust das Stück zu spielen.“ Da ist sich das Kollektiv aus Skandinaviern und Ludwigsburgern einig. Also soll es dem Team um Franziska Müller in “fuckKING richard III“ von der Akademie der darstellenden Künste Baden Württemberg eher um die Dekonstruktion des Shakespearestückes gehen. Das Kollektiv nutzt das Material letztendlich um eigene Geschichten zu erzählen. So wird es zur Fundgrube für eine Performance der Clownerien, der Klamauks, der Kostümshow, des Sperrmülltheaters, der Selbsterfahrungsspiele und der Kindheitserinnerungen. Richard wird mal eben zum Therapeuten geschickt. Hasen, Würmer und Ameisen werden gerettet. Eine Liebesaffäre mit Hilary Clinton erfunden. „It’s tower-time“ gerufen, wenn jemand einen Fehler gemacht hat. Dann wird er wahlweise in einen Vogelkäfig oder Einkaufswagen gesteckt. Was das alles mit Richard zu tun hat, bleibt weitgehend unklar, aber für Erheiterung eines Großteils des Publikums war gesorgt.

Im Foyer ist die Welt noch in Ordnung. Ein Trio spielt klassische Kammermusik und Rotwein wird serviert. Doch im Bühnenraum versagen die Sinne. Töne kann das Ohr nicht mehr wahrnehmen. Sprache erfüllt ihre Funktion der Kommunikation nicht mehr. Die drei weißen riesigen Blasen blähen sich in ihrem eigenen Rhythmus auf und ab. Scheinwerfer überstreifen den Raum. Störgeräusche übertönen die Ausdrucksversuche der zwei Sprechenden. Clara Hinterberger von der Theaterakademie August Everding in München hat den Text von Jelinek „Kein Licht“ nach der Katastrophe von Fokushima mit einem klaren inszenatorischen Ansatz für die Bühne gestaltet. Der Raum wird bei ihr zur Maschine. Die Menschen bedienen sich in ihrer Hilflosigkeit der bekannten Mittel der Sprache, des Gesangs und des Tanzes. Doch sie sind nachhaltig gestört. Weder eigenes Verstehen noch Verständnis beim Gegenüber können sie erreichen. Genau dieser Umstand wird auch zum Problem für Hinterbergers klug durchdachtes und strukturiertes Konzept: Auch der Zuschauer muss dieses Nichtverstehen durchleben.

Ganz oben auf ihrem einstigen Gefängnis steht Rodogune zum Schuss. Stolz reckt sie ihren Kopf mit der Krone unter dem Goldregen empor. Weit hat sie sich hoch gearbeitet. Zu Beginn war sie noch die Gefangene in demselben Käfig und die anderen fuhren mit ihr Schlitten. Wie sich Realität und Fantasie verschränken und sich gegenseitig in ihrem Zerrspiegel beeinflussen können, wie ein junges Mädchen unter widrigsten Umständen zur mächtigen Frau wird, wie ein Opfer zur Täterin wird - all das zeigt die Diplomandin Sarah Klöfer in ihrer beeindruckenden Abschlussinszenierung „Rodogune. Verkehrte Welt“.
Von der ersten Szene an nimmt ihre Arbeit gefangen. Die Dienerin Laonike erzählt von den Schrecknissen des Krieges, den Intrigen und den Morden. Hinter ihr zeugen die Schattenbilder von den furchtbaren Geschehnissen. In die holzschnittartigen Verfremdungen platzt das pralle, zupackende Leben in Gestalt der Königin, ihrer beider Zwillingssöhne und ihrer Gefangenen Rodogune herein. Kleopatra klammert sich mit aller Macht an ihre schwindende Herrschaft. Die Söhne kämpfen um die Erlangung der Königswürde und zugleich um die schöne Braut. Nur einer kann sie haben: Der Erstgeborene gewinnt. Doch der schöne Schein trog, die zarte Prinzessin ist nicht die brave Unschuld, für die sie alle hielten.
Klöfer verknüpft geschickt die Stücke „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll und „Rodogune“ von Pierre Corneille. In einem Mash-Up zeigt sie die Entwicklung einer jungen Frau, die beschließt sich nicht mehr unterkriegen zu lassen und dabei den Preis der Korrumpierung durch die Macht zahlt.
Birgit Schmalmack vom 9.5.13

Abbildung: Rodogune - by Krafft-Angerer

Gehe zu: Frühlings Erwachen Kleinbürger