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Isoldes Abendbrot, Staatsoper

Zur Kritik von

SZ
dlf
Welt

Isoldes Abendbrot

Entschwundene

Zum Schluss drehen nur noch die Kleidungsstücke auf den leeren Barhockern ihre Runden. Die Menschen, die gerade noch in ihnen steckten, sind entschwunden. Sie haben den Zwischenraum zwischen Tod und Leben endgültig verlassen. Nur die Barfrau singt noch immer ihre traurig schönen Lieder. Zwei Stunden haben sie zusammen ihre Erinnerungen aufgereiht, haben ihre Songs intoniert und ihre Geschichten erzählt. Wer sich versuchte einen Reim darauf zu machen, musste scheitern. Lieber sollte man sich einfach von ihnen in ihr Zwischenreich entführen lassen.
Der Raum wirkt nobel, düster und gediegen. Wie ein englischer Club ist er dunkel getäfelt und mit braunen, breiten Ledersesseln ausgestattet. Die halbrunde Theke ist das Revier der Frau (Anne Sofie von Otter) in ihrer Runde. Zu Gast bei ihr sind drei mehr und weniger angegraute Herren (Graham F. Valentine, Ueli Jäggi und Raphael Clamer), die sich wie die Orgelpfeifen aufgereiht vor ihr aufbauen.
Es gibt viel Kurioses in diesem Club zwischen Tod und Leben. Ein elektrischer Kamin flackert in einer Nische. Auf Knopfdruck verwandelt er sich in ein Harmonium. Auf der anderen Seite des Raumes gibt es einen sprechenden Zigarrenvitrine mit feuchter Aussprache. Der Klavierhocker sendet unter dem Pianisten Bendix Dethleffsen von Zeit zur Zeit Rauchsignale aus. Es sind die kleinen skurrilen Szenen, die den Charme dieses Abends von Regisseur Christoph Marthaler auszeichnen: Als von Otter sich zum Beispiel den Herren schmachtend als Lady in Red mit dem Lied „Deshabilez-moi“ anbietet, sind diese ausschließlich mit der Inspektion der eigenen Kleidung beschäftigt. Stück für Stück ziehen sie aus und beglückwünschen sich zu der Markenqualität, die sie zu entdecken glauben. Für die sich verausgabende Dame haben sie keinen Blick.
Ein stimmungsvoller, vielversprechender Einstieg in die neue Spielzeit unter Kent Nagano als Generalmusikdirektor, der neugierig macht auf die weiteren Eröffnungsinszenierungen.
Birgit Schmalmack vom 29.9.15

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