NSU 2.0, Thalia in der Gaußstraße

Wirklich alles Einzeltäter?


Noch sind die vier weißen, nur mit dem nötigsten eingerichteten Podeste einzelne, voneinander getrennte Inseln. Auf jeder von ihnen wird im Folgendem einem rechtsradikalen Verbrechen nachgespürt. Die Stationen sind Eisenach, Kassel und Hanau. Doch im Laufe des Abend wird klar: Es gibt Verbindungen. Denn die Einzeltätertheorie, die die Ermittlungen und die Gerichtsurteile postulierte, überzeugt nicht mehr. Die Äußerungen der Täter in ihren Traktaten, Briefen und Vernehmungen offenbaren die Kontinuität ihres Gedankenguts. Zudem manifestieren sich inzwischen die Verdachtsmomente, dass sie Unterstützer hatten, nicht nur aus ihrem Gesinnungsumfeld sondern auch aus der rechten Politikszene, der Polizei und dem Verfassungsschutz.
Das jedenfalls ist die These von Nuran David Calis in seiner Arbeit "NSU 2.0". Um das Netzwerk, das die Taten des NSU erst möglich machte, geht es ihm. Und um die beunruhigende Erkenntnis, dass mit dem Selbstmord zweier Täter des NSU-Trios und der Verurteilung der dritten im Bunde das Kapitel NSU keinesfalls abgeschlossen ist. Denn schon wenige Wochen nach der Verkündung des Urteils gegen Beate Schäpe bekam die Opferanwältin im NSU-Prozess Seda Başay-Yıldız Drohbriefe, unterschrieben mit "NSU 2.0". Wenig später erhielten auch andere Adressatinnen wie die Vorsitzende der Linkspartei Janine Wissler und die Kabarettistin Idil Baydar Post. Dass ihre privaten Adressen aus polizeilichen Meldesätzen der hessischen Polizei stammten, beweist, wie weit das rechte Gedankengut in staatliche Institutionen Eingang gefunden hat.
Auf der Bühne agieren drei Ensemblemitglieder (Torsten Flassig, Lotte Schubert, Mark Tumba). Sie schlüpfen in die Rollen von Berichterstatter:innen, Polizist:innen, Bürger:innen. Und den Täter:innen. Schlagen die drei Schauspieler:innen ihre Augen nieder, zeigen sie ein zweites Gesicht. Auf ihre Augenlider sind zwei weitere Augäpfel aufgemalt. Nur scheinbar schauen sie ihr Publikum an, während sie von der Überlegenheit der eigenen Rasse schwadronieren, um zu begründen, dass Deutschland von allen anderen gesäubert werden muss. Unablässig werden sie dabei gefilmt und die Aufnahmen auf die Wände der vier Podestkuben projiziert. Einerseits Zeichen der behördlichen Protokollierung und andererseits der gezielten medialen Verbreitung ihrer Thesen. Interviewaussagen von Politikern wie Cem Özdemir oder Jutta Dittfurth, die die Ereignisse kommentieren, zeigen die Hilflosigkeit der Öffentlichkeit.
Anders als in seinen vorherigen Arbeiten zu Rechtsradikalismus und Rassismus inszeniert Calis dieses Mal keinen Dialog zwischen den Meinungsträgern aus der Mehrheitsgesellschaft und den eingewanderten Communities. Nein, dieses Mal konfrontiert er das Publikum gnadenlos mit der Sprache der Täter. Wo er sonst gekonnt alle Schattierungen der Meinungsträger aufgriff, gegeneinander stellte und dem Publikum gerade durch die Freiheit der eigenen Einsortierung etliche Aha-Erlebnisse bescherte, setzt er in dieser Arbeit klar auf Schwarz-Weiß. Wer hier auf der Seite der Bösen und wer auf der Seite der Bösen steht, wird mit viel Emphase deutlich gemacht. Hat Calis etwa die Hoffnung auf den Fortschritt durch Verständnis, Einfühlung und Dialog aufgegeben und setzt dagegen auf Wut und Empörung? Wenn, wie im Stück zu sehen ist, selbst staatliche Funktionsträger den staatlichen Institutionen misstrauen, dann ist die Zeit vielleicht dafür gekommen. Doch was hilft dann noch ein Theaterstück auf einer Staatstheaterbühne?
Beim Gastspiel im Thalia in der Gaußstraße fassten zwei Zuschauerreaktionen (beide mit selbst erklärtem Migrationshintergrund) im anschließenden Publikumsgespräch diesen Spagat bestens zusammen: Das war einerseits ein Zuschauer, der sich darüber beklagte, dass in diesem Stück leider nur die Täter mit ihrer Nazisprache und nicht die Opfer eine Bühne bekommen hätten. Und andererseits eine Zuschauerin, die darüber freute, das endlich mal jemand so klar und unmissverständlich die von der deutschen Mehrheitsgesellschaft gerne verdrängte Tatsache des immer noch virulenten Rassismus in diesem Land auf einer Theaterbühne formuliert hätte.
Es bleiben jedoch eine Menge spannender Fragen offen: Welche Gemengelage bereitet eigentlich die Grundlage für die Unterstützung rechtsradikalen Gedankenguts gerade in Deutschland? Die zitierten Aussagen der AfD-Politiker sind hier wohl eher das Symptom als die Ursache. Wo liegen die Gründe für die Anfälligkeit etlicher Gruppen in der Gesellschaft, sogar innerhalb von Institutionen, die die Grundwerte der deutschen Verfassung schützen sollen? Doch wenn man in Calis Werkverzeichnis schaut, erkennt man: Genau zu diesen Komplexen hat der Regisseur mit armenisch-türkischen Wurzeln schon etliche Theaterstücke erarbeitet. Vielleicht hält er genau jetzt die Zeit für eine Schocktherapie durch reine Konfrontation gekommen.
Birgit Schmalmack vom 8.11.22


(C) 2006 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken