Peer Gynt

Peer Gynt, Kampnagel


Gnadenloser Egotrip

Auf der Suche nach dem „Gynthschen Ich“ ist Peer (Jasper Diedrichsen). Er ist unterwegs durch das Norwegen seiner Fantasie, um dieses Ich zu finden. Er ertrinkt fast im Meer seiner Lüste und Launen, denen er sich bedingungslos hingibt. Er schält sich selbst wie eine Zwiebel, um endlich zu seinem Kern vorzudringen. Gnadenlos ist er dabei zu sich und zu den anderen. Er benutzt sie nur, rechtfertigt seine Egomanie aber als notwendig, um zu größerer Selbsterkenntnis vorzudringen.
Geblendet von so viel Selbstbewusstsein ist seine Umgebung gerne bereit sich von ihm täuschen zu lassen. Obwohl er seine egoistischen Absichten kaum verhüllt, lassen sie sich willig verführen. Ob die Braut eines anderen, ob seine Mutter, ob sein Geliebte, alle schmelzen sie unter seinen fantastischen Utopiegebilden dahin.
Bei Johannes Ender ist von Anfang an klar, dass hier alles nur Theater ist: Einzig der goldene Volantvorhang bildet die Landschaft für Peer Fantasiereisen ab. Vor ihm entstehen sowohl goldene Sonnenaufgänge, trübe Nebelabende, kalte Novembertage, glitzernde Fjorde wie sonnige Bergaufstiege. Mit kleiner Personage (Pablo Konrad y Ruopp, Björn Meyer, Lea Nacken), schnellen Kostümwechseln erzählt Ender spielerisch und einfallsreich Peers Egotrip. Er hat tolle Schauspieler gefunden. Mit scheinbarer Leichtigkeit erzeugen sie auf der leeren Bühne Bilderwelten. Diedrichsen zeigt Peers Vielschichtigkeit und scheut sich auch nicht seine unangenehmen Seiten offen zu legen. Ein Held ist er bei ihm nicht. Manchmal treibt die Spielfreude das junge Ensemble in Kapriolen, die verzichtbar gewesen wären. Das „Abspritzen“ Peers mit Hilfe einer Wasserflasche zeigen zu wollen, wirkt eher bemüht als gekonnt.
Doch eines wird klar: Dieser junge Wilde besitzt Talent und Ideen. Oft fühlt man sich an Stil eines Antú Romero Nunes erinnert. Nicht die schlechteste Assoziation bei einem jungen Regisseur!
Birgit Schmalmack vom 17.1.14


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