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  • ab 6.4.26 wieder mit einem Berlin-Special

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Die drei Leben der Hannah Arendt, DT Am Schluss kommt ihre amerikanische Freundin Mary McCarthy zu Wort. Sie bescheinigt Hannah eine Bühnenqualität, die sonst nur wenige Intellektuelle gehabt hätten. Damit sei sie der Schauspielerei schon sehr nahegekommen. Sie sei nicht nur in verschiedene Rollen geschlüpft, sondern hätte auch den Show-Effekt, den gute Bühnenauftritte bräuchten, stets geliefert. Doch die allerletzten Worte gehören der so Beschriebenen selbst. Es sind die letzten Sätze aus dem Gaus-Interview, die filmisch festgehalten sind. Ein Agieren in der Welt sei nur im Vertrauen auf die Menschlichkeit möglich, die allen Menschen zu eigen wäre. Da spürt man unter den Zuschauenden in der Kammer des Deutschen Theaters ein raunendes Innehalten und anschließendes Verstehen, was diese Frau so besonders machte. Ihr unerschütterlicher Mut, ihr Festhalten am Hinterfragen und ihre Weigerung, ihren Glauben an die Radikalität des Guten zu verlieren. Denn das stellt dieser Abend auch klar: Das Böse sei nie radikal, sondern in dem Sinne banal, dass es oberflächlich und nie tiefsinnig sein könne.(Foto: Jasmin Schuller)

Make love not war, Gorki Doch am stärksten sind die Momente, in denen Nahmias die Stimme vor Rührung bricht. Wenn sie merkt, dass ihre Gier nach Sex nicht nur mit ihrer Trennung, sondern auch mit der gegenwärtigen Situation in Israel-Palästina zu tun hat. Erfüllt sie eben eventuell nur den überall lesbaren Klo-Spruch "Fuck Israel!" ? Wohlmöglich nicht nur ihre große Leere wird dann so deutlich, dass sie sich die Tränen von der Wange wischen muss. So ist dieser zu Recht als Stand-Up-Comedy-Show deklarierte Abend zu gleichen Teilen oberflächlich und tiefgründig, Klischee behaftet und Klischees hinterfragend, feministisch und Männererwartungen bedienend. So ist für jeden und jede was dabei. Und keiner muss den Studiobühnenraum verlassen, so wie Nahmias es gleich zu Beginn angeboten hatte, falls jemand sich doch zu stark provoziert fühlen sollte.

Between the River and the Sea, Gorki Der in Israel zum besten Schauspieler des Jahres gekürte Yussuf Sweid betreibt seine Identitätsanalyse ganz alleine auf der großen Bühne des Gorki. Nachdem die kleine Studiobühne bei seiner Show stets ausverkauft war, ist er nun auf die Große Bühne umgezogen. Auch hier sind die Reihen prall gefüllt. Mit viel Humor, Selbstironie und Herz erweiternder Ausstrahlung lässt er die Zuschauenden teilhaben an seinem Versuch für sich zu klären, wo und wie er sich zu Hause fühlen kann. So hat seine Scheidung sehr wohl etwas damit zu tun, was seit dem 7.10. passiert ist. Doch er hält an seiner Vision der Grenzen überwindenden Liebesbeziehung fest. Und fühlt sich bestätigt, als sein Sohn ihm von einer schulischen Schreibaufgabe berichtet. Seine Utopie von einem friedlichen Nahen Osten liest er zum Ende seiner Soloshow vor. Vielleicht kann eine junge Generation, die in einem internationalen Umfeld aufgewachsen ist, doch noch eine Idee vom Zusammenleben umsetzen, die älteren als völlig utopisch erscheint. (© Ute Langkafel MAIFOTO)

Leichter Gesang, DT Ein toller Abend, der das Hingehen unbedingt lohnt. Er ist einladend, umarmend, überraschend erhellend und zum immer wieder zum laut Auflachen. Doch an höchst unterschiedlichen Stellen. Denn er ist keiner, der auf Gags abzielt, sondern die Absurditäten des Menschlichen so liebevoll zeigt, dass es eine Freude ist, dabei zuzusehen, wie das Produktionsteam sich auf dieses Experiment eingelassen und das Publikum dazu eingeladen hat. Wobei "Einladen", wie man erfährt, mit "Ein-Laden" zu tun hat, der ein "Geschäft" ist, zu dem, was "geschafft ist". Und das hat dieses kreative Team hervorragend geschafft. (Foto: Jasmin Schuller)

Liquid Bodies, Lichthof Hier entsteht eine fürsorgliche Gemeinschaft, die sich umeinander sorgt. „Ich-Du“ heißt ein beschwingtes Lied, das die vier Frauen zu allerlei Assoziationen zu Thema Flüssigkeiten anregt. Da entstehen aus Wörtern wie Kita, Alster, Brotdose, Gardasee, Nasenschleimhaus und Vulva Gedankenketten, die irritieren und dennoch einen eigenen Sinn entfalten. Als zwei der vier Frauen sich zum Ende hin in das Bassin begeben und sich über und über mit Wasser überschütten, bis sie triefend nass sind, bekommt der Fürsorgeaspekt noch einmal zusätzliche Notwendigkeit. Sofort sind die beiden Anderen mit Handtüchern zur Stelle und fangen an, ihre Gefährtinnen vorsichtig und behutsam abzutrocknen. Dann werden die Handtücher an die Zuschauenden weitergereicht mit der Andeutung, hier mal einen Arm, hier mal ein Bein, hier den Rücken und dort die Haare trockenzureiben. So entsteht aus der zufällig zusammengewürfelten Zuschauergruppe für eine kurze Zeit eine Sorgegemeinschaft, die sich umeinander kümmert. (© Johanna Baschke)

Zurück zu Ali, Kampnagel Diesen Abend widmet Beyer ganz dem Mut und Widerstandskraft ihres Großvaters. Sie stellt ihre Kunst und Präsenz völlig in den Dienst seiner Vergangenheit. Jede Sentimentalität verbietet sie sich. Ihr Tonfall bleibt stets sachlich und distanziert berichtend. Nur in ihrem Tanz erlaubt sie sich den Ausdruck von Gefühlen, aber stets aus der Sicht ihres Opas. Sein Leben nach dem Krieg und damit auch ihre Beziehung zu ihm erwähnt sie nur an einer Stelle. Auf dem Lamellenvorhang erscheint dazu ein Foto, auf dem sie neben ihrem Opa in einem Strandkorb sitzt. Sie erinnert sich genau: Das war in dem Jahr, als die Katastrophe von Tschernobyl geschah, die für Ali sein Bild von dem überlegenen kommunistischen System in der Sowjetunion schmerzlich und nachhaltig in Frage stellte.

Keine Aufstiegsgeschichte, EDT In EDT wird David gleich von fünf Schauspielenden gespeilt. Wie in einem Computergame geben sie sich die silberne Umhängetasche als Staffelstab von Szene zu Szene weiter. Derweil springen die Übrigen in alle weiteren Rollen. Und singen zwischendurch ihren Frust in Rappsongs (von Disarstar und Luvre47) heraus. Dazu wurde eine Rampe ins Publikum gebaut, damit die Botschaft direkt ins Volk gebracht werden kann. Das funktioniert mit der überbordenden Energie des Ensembles hervorragend. Selten hat man ein Theaterpublikum aus 70+ und 20+ so vereint in einem Theatersaal gesehen. Vereint in einer Begeisterung für einen Stoff, der beileibe keine leichte Kost ist. Doch auf diese Weise, mit so einer großen Spiellust und Ideenvielfalt findet er den Weg in die Herzen der Zuschauenden. © Oliver Fantitsch

Meisterklasse, Schmidtchen Mit Littmanns geschickten Mix aus Ernsthaftigkeit und Komik war im Schmidtchen trotz für den Ort ungewöhnlichen Stoffs für gute Stimmung in den gut gefüllten Zuschauerreihen und begeisterten Applaus gesorgt.

Die kleine Meerjungfrau, Thalia Es wird keinen Moment innerhalb dieser zwei pausenlosen Stunden je langweilig. Und dennoch ist das, was hier geboten wird, nie nur Unterhaltung. Stets schimmert bei allem witzigen Trash der ernste Hintergrund mit auf. Doch der erhobene Zeigefinger fehlt völlig. So wird diese große Feier des Fluiden zu einem perfekten Abend mit Spaß und Botschaft. So lebensbejahend kann Vielfalt aussehen. So unverkrampft können Haltungen übermittelt werden. Wer hier noch einen Gedanken an Kulturkampf verschwendet, der versteht wirklich keinen Spaß. © Kerstin Schomburg

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