Shakespeareriment, Monbijoutheater
Dieses Stück ist natürlich die perfekte Ausgangslage für eine Adhoc-Inszenierung, die Impro-Einlagen aller Schauspielenden erforderlich macht. Die Kostüme sind aus dem Fundus. Als Waffen dienen wahlweise Peitschen oder Schwimmnudeln. Es wird keine Rolle eingespart, auch wenn einige nur einen kurzen Auftritt haben. Es geht um den Spaß an dem gemeinsamen einmaligen Erlebnis. Die Reaktion des Publikums ist Teil des Vergnügens. Doch während von diesem nur ein Einlassen auf den Moment gefordert ist, haben die Schauspielenden eine Menge zu leisten. Sie müssen sich ganz auf ihren Instinkt verlassen können.

Waiting for Godot, Ernst Deutsch Theater
Zum Schluss beugt sich der große Revaov herunter und versucht seinen Kopf auf die Schulter seines Compagnons abzulegen, doch es reicht immer noch nicht. Denn Trush ist um so viel kleiner, dass er sich noch zusätzlich auf die Zehenspitzen stellen muss, um seinen Kopf aufzufangen. So ist dieses Schlussbild eines, das deutlich macht, dass Wladimir und Estragon hier in der Adaption des Hamburger Kammerballetts nicht nur Streithähne, sondern auch Freunde sind, die sich so gut kennen, dass sie gelernt haben mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen umzugehen. Sie necken und provozieren sich, aber sie unterstützen sich auch immer wieder. Das ist die neue Farbe, die sie der Vorlage in ihrem „Waiting for Godot – In the small moments we live“ hinzugefügt haben. Sie betrachten die vielen kleinen Augenblicke, die das Leben ausmachen. Auch für das zweite Männerpaar finden sie eindrückliche Bilder.

Der jüngste Tag, Heizkraftwerk
Regisseur und Intendant Thorsten Diehl hat hier den richtigen Riecher gehabt und ein Stück auf seine Bühne auf dem Postgelände in Altona gebracht, das genau den Nerv der Zeit trifft. Er verzichtet klugerweise auf eine zusätzliche Aktualisierung, denn die braucht das Stück nicht. Er entwickelt zusammen mit seinem Team so viele Ideen für die Inszenierung, dass das Zuschauen eine Freude ist. Da sind nicht nur der kleine Zug, die eingerichtete Wohnung des Stationsvorstehers auf der Galerie, die komplette Ausstattung aus schwarzer Pappe und der ausgefeilte Soundtrack, sondern auch die surreal anmutenden, verfremdeten Live-Projektionen auf die Rückwand. Zusätzlich werden alle vorhandenen Räumlichkeiten voll ausgenutzt. Während des Unglücks ziehen sich die Schauspielenden auf die nebelige Hinterbühne zurück, für die Verzweiflung der Ehefrau nach dem Weggang ihres Mannes wird die Seitenbühne bespielt und für die Suchaktion nach dem vermeintlichen Mörder huschen alle über die Galerie. Um das bisher kaum bekannte Stück „Der jüngste Tag“ zu entdecken, lohnt sich also auf jeden Fall ein Besuch im Alten Heizkraftwerk. Im September sind weitere Spieltermine angesetzt. (Foto: Silviu Garba)

Genealogia in Situ, Wiese
So kann Erinnerungsarbeit aussehen, die nach vorne blickt, weil sie nicht anklagt, sondern gestaltet. Das Performerteam unter der Leitung von Morín González Mena und der Regie von Emilie Girardin sparte nichts an kritischen Aspekten aus, versuchte aber dennoch einen stimmungsvollen, harmonischen Abend der Gemeinsamkeit zu erschaffen, der nicht in Vorwürfen und Schuldzuweisungen steckenbleibt, sondern den Blick auf die Gestaltung der Zukunft schafft. Ein Abend mit Musik, Poesie, Erzählungen und Tanz, der ein Stück chilenischer Geschichte zeigte, von der in Hamburg wohl kaum jemand gehört hatte. Außer vielleicht innerhalb der spanisch sprechenden Community, die zu dieser Gelegenheit zahlreich in der Wiese vertreten war. (© Josué Loayza Velazco )

SCHNACK Stand-Up: BUNKER Open Air
Moderator Lennart Hamann begrüßt zum Sonnenuntergang auf dem Bunkerdach des Heiligengeistfelds. Die Location ist an einem Freitagabend perfekt, um das Wochenende mit einer Openair-Standup-Comedy Show einzuläuten. Mit der Eintrittskarte erhält man auch nach 21 Uhr Zutritt zum phänomenalen Dachgarten auf dem Bunker mit Weitblickgarantie. Die vier Comediens (an diesem Abend alles Männer), die hier auftreten, sind handverlesen und mit eigenen abendfüllenden Shows on tour. (Foto: Simon Redel)

In between wishes, Tonali
Das Fagott, Cello, Akkordeon und die Querflöte erfinden zusammen einen Klangraum, der durch die verschiedenen Gefühlszustände führt, während sich auf der weißen Schnipselfläche verpixelte Bilder zeigen, die zunächst nicht zu erkennen sind. Erst als alle nacheinander den Raum verlassen haben, werden die Bilder scharf. Es sind Rolltreppen zu sehen, auf der Menschen wie in einem Einkaufszentrum rauf- und runterfahren. Wahrscheinlich auf der Suche nach der Erfüllung ihrer nächsten Konsumwünsche. Ein feiner kleiner Performanceabend, der während eines einjährigen künstlerisch-sozialen Stipendienprojekts der Tonali Bühnenakademie erarbeitet und jetzt im Rahmen des Tonali-Festivals 2026 gezeigt wurde.

Bachelor 2026 Regie, Thalia
Größer hätte der Kontrast zur nächsten Abschlussarbeit mit dem Titel "MARIA BÄRBEL ELIZABETH WELTFRIEDEN STUART" nicht sein können. Die Jungregisseurin und Autorin Anna Maria Kluth spricht zwar auch wie die beiden vorher gezeigten von Wunden, die nicht heilen wollen. Doch bei ihr sind sie so klaffend und schmerzhaft, dass ein Entkommen nur in der totalen, auch der eigenen, Vernichtung denkbar ist.
Beton, Tanztriennale
Eine tolle Arbeit, die innovativ zwei Kunstformen miteinander verband und in Interaktion in einem nur den einen vertrauten Terrain zueinander treten ließ. Dem schweißtreibenden Tun der Mitwirkenden zuzusehen, war eine reine Freude und erlaubte in der gegenseitigen Anregung eine Bereicherung aller. Auch der nur Zuschauenden.
Triple Bill, Kampnagel
Doch das dritte Stück A FOLIA von Marco da Silva Ferreira, das unter der neuen Leitung der Compagnie entstanden war, war der Höhepunkt dieser Schau ihres Könnens: Hier brodelte die Feier der Bewegung, die Freude an der Gemeinschaft und die Ekstase beim gemeinsamen Tanzen bis in die hintersten Reihen der prall gefüllten K6. Wie ein munteres Partyvölkchen, das sich in einen der Großstadt-Clubs aufmacht, strömen die Tänzer*innen herein. Alle in ihrem eigenen Tanzstil, der ihnen ihre Individualität gibt. Und dennoch werden sie irgendwie wie ein großer gemeinschaftlicher Körper aus vielen Einzelteilen zusammenschmelzen.

Fringify 2026
Die Kabel auf dem Bühnenboden zeugen von der Verbindung, die er zu ihnen aktivieren kann. Da die Zuschauenden mitten zwischen den Trommeln sitzen, werden auch sie zu einem Teil der eindrucksvollen Raum- und Musikerfahrung mit dem Titel „the snare drum project“, die das diesjährige Festival Frinfigy im Resonanzraum beendete. Da die Kuration mittlerweile alle drei Jahre wechselt, war die Ausgabe von 2026 die letzte unter der Leitung von Ksenia Ravvina und Alexandar Hadjiev. Ihr Team legte in diesen Jahren den Fokus darauf, einen Einblick in spannende Entwicklungen in der europäischen freien Szene zu ermöglichen. Sie holten Produktionen nach Hamburg, die ein breites Feld an Anregungen, Inspirationen, Austausch und Kooperation eröffneten. Es wurde ein Programm mit regionalen, überregionalen und internationalen Beteiligten gezeigt, das viel Raum für Experimentelles aufmachte. Man darf gespannt sein, welche Ausrichtung das Festival nächstes Jahr nehmen wird. (Foto: Concours Nicati )

Kiezstürmer 2026, St Pauli Theater
Der Hamburer Regienachwuchs zeigte auch dieser Jahr wieder bei den Kiezstürmern im St. Pauli Theater, wie man sich gekonnt der Endzeitstimmung entgegenstellt. (Foto: "Lass sie verrotten!: Antigones Parallaxe")
Körber Junge Regie 2026
Mit dem Preis des Festival Körber Studio Junge Regie ist am gestrigen Sonntag die Inszenierung "ich vermisse sie halt schon oder die ostdeutsche fassung bewahren" in der Regie von Elisa Künast von der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Frankfurt ausgezeichnet worden. (Foto: Fabian Hammerl)
Fury, Kampnagel
Das inklusive und altersgemischte Team von SKART & Masters of the Universe hat wieder einmal eine ganz eigene Welt auf der Bühne entstehen lassen. Es ist eine archaische, brutale und dennoch tröstliche Welt entstanden. Sie zeigt die ganze Bandbreite von menschlichem Verhalten. Wird es nützen, zu wissen, ob in dem Zankapfel vor dem sorgsamen Zerteilen schon ein Wurm vorhanden war? Oder dient dieses Wissen nur dazu, von den nicht veränderbaren Verhalten von Gemeinschaften abzulenken? Ist das ganze Gewese um Moral, Psychologie und Vernunft überflüssig, weil der Mensch doch bloß von seinen Bedürfnissen und Instinkten geleitet wird?