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..... Kritiken für Hamburg seit 2000

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  • immer wieder mit einem Berlin-Special

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Last Call, Kammerspiele Peter Danish hat ein spannendes Kammerstück geschrieben. Durch den Kunstgriff des Regisseurs Gil Mehmert, die beiden Maestro-Rollen mit zwei Frauen zu besetzen, bewahrt er es auf der Bühne vor jedem Versuch der bloßen Nachahmung, die nur misslingen kann. Helen Schneider ist als jovialer, lebensfroher und selbstgewisser Bernstein eine Wucht und Lucca Züchner verkörpert Karajan überzeugend als grübelnden, arroganten und eitlen Sturkopf. Ein sehenswerter Theaterabend mit Tiefgang. Das letzte Wort hat Karajan: "Schuld hieße Verantwortung. Und verantwortlich fühle ich mich nicht für das, was passiert ist, aber was ich fühle ist Scham, Leonard. Große Scham."

Ismene, Schwester von, Ernst Deutsch Theater Der Monolog dieser Frau ist in der Inszenierung von Mia Massmann und Thomas Cesbron im Studio des Ernst Deutsch Theaters ein sinnliches Erlebnis. Obwohl wenig Äußeres zu sehen gibt, ist Schumachers Spiel so bewegend, dass niemand sich ihrer ernsthaften Selbstbefragung, ihrem zarten Humor, ihrer betulichen Selbstironie und ihrem bescheidenen Charme entziehen kann. Großer Applaus am Ende für ihre herausragende Leistung. (Copyright Fabian Hammerl)

Performing Denkmal II, Lichthof Am Ende bleibt ein Raum gefüllt mit den vielfältigsten Erinnerungen an Ereignisse, Verbrechen, Geschichten und Menschen. Das Team fragt sich gegenseitig: Was nimmst du mit? Doch nur wenige Antworten sind laut zu hören. Die übrigen tauschen sie leise an der langen festlich geschmückten Tafel in der MBassy aus, dem letzten Ort ihrer Denkmalsreise. Hier feiern sie viele besondere schwarze Hamburger mit einer Laudatio, die diese Würdigung verdient hätten. Hier gehen sie in das Gespräch miteinander. Und so mündet die Performance direkt in den sich anschließenden Austausch der Zuschauenden. Denn Hagen hat mit ihrem Team eine atmende Denkmalsarbeit geschaffen, die sich nur im Miteinander erleben lässt. Sie ist weniger etwas Postuliertes als vielmehr etwas Aufforderndes. Wie viel sie bewirken kann, liegt in der Verantwortung der Zuschauenden.

Der Drache, EDT Diese Parabel über den Machtmissbrauch und das anerzogene Duckmäusertum eines unmündigen Volkes und wie sich beides bedingt, hat Evgeni Schwarz in Russland geschrieben, kurz bevor die Deutschen im Zweiten Weltkrieg einmarschierten. Nun auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters wird daraus eine höchst moderne Allegorie auf Regime wie das von Putin oder Trump. Doch Regisseurin Mono Kraushaar und Daniel Schütter (der die Regie zwei Wochen vor der Premiere wegen Kraushaars Krankheit übernehmen musste) setzten nicht auf billige Parallelitäten, sondern belassen den Text in einem Raum der Vieldeutigkeiten, der den Zuschauenden Platz für eigene Schlussfolgerungen lässt. (Copyright Sinje Hasheider)

Extrawurst, Ohnsorg Regisseurin Meike Harten hat das Stück mit viel Sinn für Humor, auch zum Teil der etwas derberen Art, inszeniert. Das spielfreudige Ensemble arbeitet perfekt die Eigenheiten der Vereinsvertreter:innen heraus. Auf der schlichten Bühne in Grün-Weiß wird gut beobachtete Schlagabtausch zu einem vergnüglichen Abend, an dessen Ende eine Mitgliederabstimmung steht. Denn als solche fungieren die Zuschauer:innen. Die Mehrheit stimmt für einen zweiten Grill für Erol. (Foto: Oliver Fantitsch)

"Prozess gegen Deutschland", Thalia Auch wenn lange nicht alle Argumente ausgetauscht werden konnten. Auch wenn die Positionen nicht vollkommen ausgewogen vertreten waren, so ermöglichte doch der prozessuale Rahmen eine Plattform, auf der jenseits von aufgeregten Talkshows Statements, Haltungen und Einschätzungen ausgetauscht wurden. Ohne jede theatrale Aufhübschung waren die Theaterreihen zu jedem Verhandlungstermin fast vollständig gefüllt. Ein Interesse an intellektueller Auseinandersetzung ist also vorhanden, unabhängig von Aufregerclicks.

Ja nichts ist ok, Thalia Rene Pollesch nimmt hier mit seinem Solodarsteller Hinrichs eine äußerst deprimierende Sicht auf unsere Gesellschaft ein, die zwischen Hass auf alle und Sehnsucht nach Allem hin und her schwankt. Die so viel vermisst und doch nichts einbringen kann. Die so viel erwartet, aber kaum etwas geben kann. Die an dem Zustand der Welt verzweifelt und so dringend Trost im Heim bräuchte und ihn nicht finden kann. Eine unbehauste Gesellschaft auf der Suche. (Foto: Thomas Aurin)

Destination: Origin, Thalia In einem Glaskasten eine Baumwurzel, angestrahlt von Scheinwerfern. Zwei Schauspielerinnen stehen davor, betrachten sie. Sie versuchen sich von ihr zu entfernen, doch sie hängen mit dicken Gummibändern an ihr fest: Ihre Wurzeln lassen sie nicht los. Verständlich, wenn man wie sie aus einem Land wie dem Iran fliehen musste, in dem zurzeit wieder einmal viele Menschen auf die Straßen gehen und ihr Aufstand blutig niedergeschlagen wird. © Fabian Schellhorn

Giselle - A summary, Thalia Ganz realitätsnah wird Sakais YouTube-Auftritt immer wieder von Werbung unterbrochen. Dann spricht ihre Stimme wie ferngesteuert einen Werbetext, bis sie diesen mit einem energetischen „Skip“ abbricht und wieder zu ihrem Gisellethema zurückkehrt. „Giselle-A Summary“ unter der Regie von Toshiki Okada ist ein kleines, charmantes und humorvolles Kabinettstückchen geworden. (© HATORI Naoshi)

Attack on the National Stary Theatre, Thalia Dieser fiktive Überfall auf eine polnische Kultureinrichtung bildet das Setting für "Attack on the National Stary Theatre" von Jakub Skrzywanek und Jan Czapli?ski. Als Gastspiel im Rahmen der Lessingtage im Original mit englischen Übertiteln wurde es zu einer Herausforderung für das Hamburger Publikum, denn es gab viel Text, der meist rasend schnell gesprochen wurde. Doch auch auf der Bedeutungsebene gab es einiges an Irritierendem und Verstörendem. In der Pause liegen plötzlich Dutzende von Leichensäcken im Foyer. Das Grauen rückt bedrohlich dicht an die Zuschauenden heran. (© HaWa)

Mothers - A Song For Wartime, Thalia „Never again“, diese zwei Worte stehen am Ende von „Mothers – A Song For Wartime“, den die 21 Frauen zur Eröffnung der Lessingtage auf die große Bühne gebracht haben. Unter dem Dirigat der Regisseurin Marta Górnicka aus dem Zuschauerraum heraus haben sie einen sehr klaren Aufruf für ihre europäischen Zuschauer:innen mitgebracht: Vergesst den Krieg in der Ukraine nicht und setzt euch noch mehr für sein Ende ein. Euer Engagement macht einen Unterschied. (Foto: Bartek Warzecha)

Mama Odessa, Kammerspiele Florian Lukas bleibt in seinem Spiel so spröde wie die Inszenierung. Er wehrt ab und versucht möglichst jeder Emotion aus dem Weg zu gehen, auch weil er wohl ahnt, dass er ihr nicht gewachsen ist. Schon gar nicht von dieser Frau, die trotz ihres Alters und ihrer Einsamkeit eine ungeheure Kraft besitzt, der er nichts entgegen zu setzen hat. So lebt diese Inszenierung eher von den Leerstellen als von dem Gezeigten. Angesichts all der Heimatlosigkeit aber erscheint so tragischer Weise gerade die Familie die einzige Möglichkeit zur Verwurzelung und dennoch wohl auch die größte Bürde um neue Verbindungen zu finden. (Foto: Bo Lahola)

Die Möwe, DSH Regisseurin Yana Ross schafft es, mit leichter Hand die Dramen dieser Familie offen zu legen. Doch bei all den persönlichen Tragödien, die sich hier abspielen, ist bei ihr der Humor nie weit entfernt. Viele Lacher sind während der zweieinhalb Stunden zu hören, doch werden die Figuren nie der Lächerlichkeit preisgegeben. Es ist eher ein erkennendes Lachen, eines über die Abgründigkeit und Vergeblichkeit des Lebens.(Foto: Lucie Jansch)

To My Little Boy, Thalia Autorin Caren Jeß hat für das Thalia Theater einen vor Sprachwitz funkelnden Text geschrieben. Er gibt Aaron Worte für seine grenzenlose Überforderung und zunehmende Verzweiflung, brillant formuliert, wortspielerisch, selbstironisch und humorvoll. Regisseurin Marie Bues lässt Torben Kessler sehr viel Raum, um den Text in allen Facetten zum Schillern zu bringen. Kessler zelebriert, animiert und tänzelt seine sprudelnden Gedanken auf der Bühne zwischen den wenigen Stoffgebilden, die sich heben und senken können. Mit seinen Gefährten Tupper und Anouk wird daraus eine lebenspralle Geschichte, die die heutige Verfasstheit vieler aufs Beste wiedergibt und dennoch eine Leichtigkeit versprüht, die angesichts seiner depressiven Hauptperson erstaunlich ist. (© Katrin Ribbe)

Gefährliche Liebschaften, Thalia Wer hier genau wen zu manipulieren oder zu missbrauchen versucht, ist letztendlich gar nicht so wichtig. Jede/r kann in die überlegene oder unterlegende Position kommen, alles nur eine Frage des Timings, des Alters, der Stellung oder der Zeit. Dadurch wird das Machtspiel einerseits zu etwas fast Beliebigen und andererseits umso gefährlicher. Keiner kann sich sicher sein, dass er oder sie nicht auch demnächst am Boden liegt. Alle spüren stets auch im momentanen, vermeintlichen Sieg schon die kommende Niederlage. Ein interessantes Experiment. Ob es gelingt, hängt allerdings auch stark von der Energie des jeweiligen Aufführungsabends ab. (Foto Krafft Angerer)

Hope, Thalia Theater Der Abend verzichtet auf einen stringenten roten Gedanken- oder Handlungsfaden. Die Wirrnisse der heutigen Zeit finden ihr passendes Abbild in der Vielgesichtigkeit der Probleme auf der Bühne. Doch wie soll so die „Hoffnung, dieses Ding mit Federn“ (Emily Dickinson) heutzutage noch zu bewahren sein? Vielleicht einfach dranbleiben, weitermachen und die Hoffnung als Muskel ansehen, den man trainieren muss? Mit dieser vagen Aussicht endet das Stück im Thalia Theater. Es ist ein spannender Abend geworden, der keine Minute Langeweile aufkommen lässt. Er scheut aber auch nicht vor gut klingenden Plattitüden und vor esoterisch anmutenden Lösungswegen zurück. Doch zwischendurch funkeln immer wieder Szenen von berührender Wahrhaftigkeit. Er ist eben wie ein Kaleidoskop, das kurze Schlaglichter auf unsere auseinanderdriftende Gesellschaft wirft, die ebenfalls wenig auslässt. (Foto: Kerstin Schomburg)

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