Der Sturm, Theater am Insulaner
Der einzige, der von diesem um sich greifenden Getue unbeeindruckt bleibt, ist Ariel. Er bleibt ganz bei sich. Der scheue Luftgeist mit den magischen Kräften bleibt alleine auf der Insel zurück. Er braucht keinen Prunk, keine Machtpositionen. „Liebst du mich?“, hatte er Prospero im Laufe des Abends einmal hoffnungsvoll gefragt. Der war ihm eine Antwort schuldig geblieben. Nun muss er erkennen, wie schnell dieser ihn abgelegt hat, nachdem er ihn nicht mehr braucht. Da steht er nun wankend mit seiner zarten, sich windenden Gestalt auf der leeren Bühne. Er sollte sich freuen. Seine lang ersehnte Freiheit ist da, doch wie soll er sie nun füllen?

Bazm (Repertoire), VASTA, Radialsystem
Eine Arbeit, auf die man sich einlassen muss. Jedoch gerade in der meditativen Wiederholung immer fast gleicher Bewegungen, die sich nur leicht verändern, kann die Arbeit einen Sog entfalten. Als der Perkussionist Aduni Guedes einfühlsam mit in die Performance einsteigt und mit seinen Trommeln den Live Soundtrack von Andrea Parolin unterstützt, wird dieser immer stärker, so dass man sich ihm zum Schluss kaum noch entziehen kann. Dennoch hofft man bis zum Verlöschen der Lichter, dass Lina Gómez ihr Gesicht von den Haaren befreit und gerade ins Publikum schauen mag. Doch diesen Befreiungsschlag gönnt sie weder sich selbst noch ihrem Publikum. Ob sie diesen Schritt nach dem letzten Ton wagen wird, bleibt genauso der Fantasie der Zuschauenden überlassen, wie Hakmi in Bazm die Aufnahme eines nun eventuell möglichen Tanzgesprächs seiner Kommunikationsforschenden nicht mehr auf der Bühne zeigt. Die jeweilige Weiterführung mag sich also nach dem Verlassen des Bühnenraumes in denjenigen Köpfen der Zuschauenden abspielen. Sie mögen entscheiden, für wie belastbar sie die jeweils gefundene Grundlage des Neuanfangs halten. (Foto: Mayra Wallraff)

If I was real, HALLE - cie. toula limnaios
Kurz vor Ende kommt ein Tänzer mit einem Hut, auf dem eine Kamera befestigt ist, auf die Bühne. Mit ihr kann er den Mann hinter dem Vorhang filmen und dessen Bewegungen auf den Vorhang projizieren, und zwar gleich in einer mehrfachen Vervielfältigung. Verwirrend auch dies. Wenn dann der filmende Tänzer seinen Blick an die Decke richtet, sieht die Kamera nur noch die Bühnenlichter. In rasender Geschwindigkeit dreht er sich wie ein Derwisch um sich selbst und die Lichterstreifen sausen wie er im Kreis herum. Dieser Lichterreigen beschließt diese beeindruckende Arbeit, die die Zuschauenden eine Vielfalt von Realitäten erleben ließ. Die Tanzsprache von Limnaios ist dabei so innovativ wie die technische Umsetzung. Dabei spielt die Musik von Ralf Ollertz eine wesentliche Rolle, denn sie unterlegt die Choreographien seiner Partnerin nicht nur mit einem unterstützenden Soundtrack, sondern ist stets eine eigenständige Komposition. So entstehen in der HALLE seit 30 Jahren Gesamtkunstwerke der besonderen Art, deren (Wieder-) Entdeckung sich immer noch lohnt.

Über die Schädlichkeit des Tabaks, Garntheater
So berühren diese beiden Monologe „Über die Schädlichkeit des Tabaks“ und „Schwanengesang“ von Tschechow, die Assor sich für seine neuste Inszenierung ausgesucht hat, ganz besonders. Hier sehen die Zuschauenden jemanden, der sich ganz der Sprache, den Texten und dem Theater verschrieben hat. Wenn nicht er, wer wüsste dann, wie es ist, seinen eigenen Theaterraum zu erschaffen. Alles hier im Keller am Victoriapark ist von ihm selbst gestaltet. Er ist Intendant, Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler in Personalunion. So erschafft er hier ein Theatererlebnisraum für alle diejenigen, die den Weg zu ihm in seinen Keller finden. Hier werden sie ein einzigartiges Kleinod der Theaterkunst finden, das jeden nachhaltig beeindruckt. Hier ist jemand, der seine Liebe zur Bühnenkunst mit einer solchen Unbedingtheit auslebt, dass diese Energie sich unmittelbar auf die Zuschauenden überträgt. So lohnt sich jeder Abstieg in die Kellergewölbe unbedingt, auch damit diese einzigartige Theateradresse weiterhin erhalten bleiben kann.

Urfaust, Globe
Die Inszenierung des Globe unter der Regie von Anselm Lipgens versucht den Spagat zwischen Unterhaltung und Ernst. Besonders am Schluss ist der Kontrast hart. Gerade hat der total verzweifelte Faust das dem Wahnsinn verfallene Gretchen in ihrer Gefängniszelle zurücklassen müssen, weil sie sich vor ihm graut, da fallen schon die Gaukler wieder ein und stimmen ihre letzte Moritat an. Aber so erreicht dieser Theaterabend, dass man trotz des tragischen Verlaufs der Geschichte das Openair-Theater in Charlottenburg beschwingt verlassen kann. Ob es diese krassen Brüche gebraucht hätte, ist Geschmackssache. Doch auch diejenigen, denen dieser Klamauk zu groß war, können sich von der ernsthaften Verzweiflung von Faust (Adrian Stowasser) und Gretchen (Lotte Gosch) berühren lassen. Stowasser spielt sehr glaubwürdig seine tiefen Gefühle für Gretchen und die Schuldgefühle, die ihn angesichts der fatalen Entwicklung seiner Eroberung bis ins Innerste plagen. Auch Gosch zeigt Gretchens Entwicklung vom naiven Mädchen zur gereiften Frau sehr überzeugend. Diese Arbeit nimmt eben die Unterhaltung genauso ernst wie den psychologischen Tiefgang von Fausts Erkenntnissuche.

Elefantin, Dock 11
Diese Arbeit ist so genau beobachtet, so präzise tänzerisch umgesetzt und so klug gebaut, dass man nur bewundern kann, was Williams alles zu dem schon viel betrachteten Barbie-Phänomen eingefallen ist. Sie hat noch einmal eine völlig neue Perspektive gefunden: Eine, die ganz vom Körperlichen der Puppe ausgeht und konsequent überlegt, welche Folgen das für das Bewusstsein dieses Wesens haben müsste. So ist ihr feministischer Ansatz kein vordergründiger, sondern einer, der von den Körperformen ausgeht. Er trifft damit genau ins Zentrum. Wenn Körperformen durch Rollenbilder so beeinflusst werden, dass die Freiräume bis hin zur Passivität eingeschränkt werden, kann der Befreiungsschlag nur durch die Hinterfragung derselben geschehen.
Shakespeareriment, Monbijoutheater
Dieses Stück ist natürlich die perfekte Ausgangslage für eine Adhoc-Inszenierung, die Impro-Einlagen aller Schauspielenden erforderlich macht. Die Kostüme sind aus dem Fundus. Als Waffen dienen wahlweise Peitschen oder Schwimmnudeln. Es wird keine Rolle eingespart, auch wenn einige nur einen kurzen Auftritt haben. Es geht um den Spaß an dem gemeinsamen einmaligen Erlebnis. Die Reaktion des Publikums ist Teil des Vergnügens. Doch während von diesem nur ein Einlassen auf den Moment gefordert ist, haben die Schauspielenden eine Menge zu leisten. Sie müssen sich ganz auf ihren Instinkt verlassen können.

Waiting for Godot, Ernst Deutsch Theater
Zum Schluss beugt sich der große Revaov herunter und versucht seinen Kopf auf die Schulter seines Compagnons abzulegen, doch es reicht immer noch nicht. Denn Trush ist um so viel kleiner, dass er sich noch zusätzlich auf die Zehenspitzen stellen muss, um seinen Kopf aufzufangen. So ist dieses Schlussbild eines, das deutlich macht, dass Wladimir und Estragon hier in der Adaption des Hamburger Kammerballetts nicht nur Streithähne, sondern auch Freunde sind, die sich so gut kennen, dass sie gelernt haben mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen umzugehen. Sie necken und provozieren sich, aber sie unterstützen sich auch immer wieder. Das ist die neue Farbe, die sie der Vorlage in ihrem „Waiting for Godot – In the small moments we live“ hinzugefügt haben. Sie betrachten die vielen kleinen Augenblicke, die das Leben ausmachen. Auch für das zweite Männerpaar finden sie eindrückliche Bilder.

Der jüngste Tag, Heizkraftwerk
Regisseur und Intendant Thorsten Diehl hat hier den richtigen Riecher gehabt und ein Stück auf seine Bühne auf dem Postgelände in Altona gebracht, das genau den Nerv der Zeit trifft. Er verzichtet klugerweise auf eine zusätzliche Aktualisierung, denn die braucht das Stück nicht. Er entwickelt zusammen mit seinem Team so viele Ideen für die Inszenierung, dass das Zuschauen eine Freude ist. Da sind nicht nur der kleine Zug, die eingerichtete Wohnung des Stationsvorstehers auf der Galerie, die komplette Ausstattung aus schwarzer Pappe und der ausgefeilte Soundtrack, sondern auch die surreal anmutenden, verfremdeten Live-Projektionen auf die Rückwand. Zusätzlich werden alle vorhandenen Räumlichkeiten voll ausgenutzt. Während des Unglücks ziehen sich die Schauspielenden auf die nebelige Hinterbühne zurück, für die Verzweiflung der Ehefrau nach dem Weggang ihres Mannes wird die Seitenbühne bespielt und für die Suchaktion nach dem vermeintlichen Mörder huschen alle über die Galerie. Um das bisher kaum bekannte Stück „Der jüngste Tag“ zu entdecken, lohnt sich also auf jeden Fall ein Besuch im Alten Heizkraftwerk. Im September sind weitere Spieltermine angesetzt. (Foto: Silviu Garba)

Genealogia in Situ, Wiese
So kann Erinnerungsarbeit aussehen, die nach vorne blickt, weil sie nicht anklagt, sondern gestaltet. Das Performerteam unter der Leitung von Morín González Mena und der Regie von Emilie Girardin sparte nichts an kritischen Aspekten aus, versuchte aber dennoch einen stimmungsvollen, harmonischen Abend der Gemeinsamkeit zu erschaffen, der nicht in Vorwürfen und Schuldzuweisungen steckenbleibt, sondern den Blick auf die Gestaltung der Zukunft schafft. Ein Abend mit Musik, Poesie, Erzählungen und Tanz, der ein Stück chilenischer Geschichte zeigte, von der in Hamburg wohl kaum jemand gehört hatte. Außer vielleicht innerhalb der spanisch sprechenden Community, die zu dieser Gelegenheit zahlreich in der Wiese vertreten war. (© Josué Loayza Velazco )

In between wishes, Tonali
Das Fagott, Cello, Akkordeon und die Querflöte erfinden zusammen einen Klangraum, der durch die verschiedenen Gefühlszustände führt, während sich auf der weißen Schnipselfläche verpixelte Bilder zeigen, die zunächst nicht zu erkennen sind. Erst als alle nacheinander den Raum verlassen haben, werden die Bilder scharf. Es sind Rolltreppen zu sehen, auf der Menschen wie in einem Einkaufszentrum rauf- und runterfahren. Wahrscheinlich auf der Suche nach der Erfüllung ihrer nächsten Konsumwünsche. Ein feiner kleiner Performanceabend, der während eines einjährigen künstlerisch-sozialen Stipendienprojekts der Tonali Bühnenakademie erarbeitet und jetzt im Rahmen des Tonali-Festivals 2026 gezeigt wurde.
Beton, Tanztriennale
Eine tolle Arbeit, die innovativ zwei Kunstformen miteinander verband und in Interaktion in einem nur den einen vertrauten Terrain zueinander treten ließ. Dem schweißtreibenden Tun der Mitwirkenden zuzusehen, war eine reine Freude und erlaubte in der gegenseitigen Anregung eine Bereicherung aller. Auch der nur Zuschauenden.

Fringify 2026
Die Kabel auf dem Bühnenboden zeugen von der Verbindung, die er zu ihnen aktivieren kann. Da die Zuschauenden mitten zwischen den Trommeln sitzen, werden auch sie zu einem Teil der eindrucksvollen Raum- und Musikerfahrung mit dem Titel „the snare drum project“, die das diesjährige Festival Frinfigy im Resonanzraum beendete. Da die Kuration mittlerweile alle drei Jahre wechselt, war die Ausgabe von 2026 die letzte unter der Leitung von Ksenia Ravvina und Alexandar Hadjiev. Ihr Team legte in diesen Jahren den Fokus darauf, einen Einblick in spannende Entwicklungen in der europäischen freien Szene zu ermöglichen. Sie holten Produktionen nach Hamburg, die ein breites Feld an Anregungen, Inspirationen, Austausch und Kooperation eröffneten. Es wurde ein Programm mit regionalen, überregionalen und internationalen Beteiligten gezeigt, das viel Raum für Experimentelles aufmachte. Man darf gespannt sein, welche Ausrichtung das Festival nächstes Jahr nehmen wird. (Foto: Concours Nicati )