
Liquid Bodies, Lichthof
Hier entsteht eine fürsorgliche Gemeinschaft, die sich umeinander sorgt. „Ich-Du“ heißt ein beschwingtes Lied, das die vier Frauen zu allerlei Assoziationen zu Thema Flüssigkeiten anregt. Da entstehen aus Wörtern wie Kita, Alster, Brotdose, Gardasee, Nasenschleimhaus und Vulva Gedankenketten, die irritieren und dennoch einen eigenen Sinn entfalten. Als zwei der vier Frauen sich zum Ende hin in das Bassin begeben und sich über und über mit Wasser überschütten, bis sie triefend nass sind, bekommt der Fürsorgeaspekt noch einmal zusätzliche Notwendigkeit. Sofort sind die beiden Anderen mit Handtüchern zur Stelle und fangen an, ihre Gefährtinnen vorsichtig und behutsam abzutrocknen. Dann werden die Handtücher an die Zuschauenden weitergereicht mit der Andeutung, hier mal einen Arm, hier mal ein Bein, hier den Rücken und dort die Haare trockenzureiben. So entsteht aus der zufällig zusammengewürfelten Zuschauergruppe für eine kurze Zeit eine Sorgegemeinschaft, die sich umeinander kümmert. (© Johanna Baschke)

Zurück zu Ali, Kampnagel
Diesen Abend widmet Beyer ganz dem Mut und Widerstandskraft ihres Großvaters. Sie stellt ihre Kunst und Präsenz völlig in den Dienst seiner Vergangenheit. Jede Sentimentalität verbietet sie sich. Ihr Tonfall bleibt stets sachlich und distanziert berichtend. Nur in ihrem Tanz erlaubt sie sich den Ausdruck von Gefühlen, aber stets aus der Sicht ihres Opas. Sein Leben nach dem Krieg und damit auch ihre Beziehung zu ihm erwähnt sie nur an einer Stelle. Auf dem Lamellenvorhang erscheint dazu ein Foto, auf dem sie neben ihrem Opa in einem Strandkorb sitzt. Sie erinnert sich genau: Das war in dem Jahr, als die Katastrophe von Tschernobyl geschah, die für Ali sein Bild von dem überlegenen kommunistischen System in der Sowjetunion schmerzlich und nachhaltig in Frage stellte.

Keine Aufstiegsgeschichte, EDT
In EDT wird David gleich von fünf Schauspielenden gespeilt. Wie in einem Computergame geben sie sich die silberne Umhängetasche als Staffelstab von Szene zu Szene weiter. Derweil springen die Übrigen in alle weiteren Rollen. Und singen zwischendurch ihren Frust in Rappsongs (von Disarstar und Luvre47) heraus. Dazu wurde eine Rampe ins Publikum gebaut, damit die Botschaft direkt ins Volk gebracht werden kann. Das funktioniert mit der überbordenden Energie des Ensembles hervorragend. Selten hat man ein Theaterpublikum aus 70+ und 20+ so vereint in einem Theatersaal gesehen. Vereint in einer Begeisterung für einen Stoff, der beileibe keine leichte Kost ist. Doch auf diese Weise, mit so einer großen Spiellust und Ideenvielfalt findet er den Weg in die Herzen der Zuschauenden. © Oliver Fantitsch

Meisterklasse, Schmidtchen
Mit Littmanns geschickten Mix aus Ernsthaftigkeit und Komik war im Schmidtchen trotz für den Ort ungewöhnlichen Stoffs für gute Stimmung in den gut gefüllten Zuschauerreihen und begeisterten Applaus gesorgt.
Die kleine Meerjungfrau, Thalia
Es wird keinen Moment innerhalb dieser zwei pausenlosen Stunden je langweilig. Und dennoch ist das, was hier geboten wird, nie nur Unterhaltung. Stets schimmert bei allem witzigen Trash der ernste Hintergrund mit auf. Doch der erhobene Zeigefinger fehlt völlig. So wird diese große Feier des Fluiden zu einem perfekten Abend mit Spaß und Botschaft. So lebensbejahend kann Vielfalt aussehen. So unverkrampft können Haltungen übermittelt werden. Wer hier noch einen Gedanken an Kulturkampf verschwendet, der versteht wirklich keinen Spaß. © Kerstin Schomburg

Krassfestival 2026, Kampnagel
Die Autorin, Comedienne und Social-Media-Satirikerin Toxische Pommes schaut in ihrer theatralen Solo-Performance tief in die Seele von woken linken Millennials und offenbart pointensicher die Doppelbödigkeit ihrer sich moralisch überlegen gebenden Haltungen. Wie schnell diese ins Wanken geraten, wenn sich die Chance zum Klassenwechsel ergibt. Diese diskurserfahrene Generation findet ebenso mühelos Argumente für eine vegane Ernährung wie für die Legitimität von nicht selbst erarbeiteter Eigentumszuwächse.
Atlas, DSH
Der Abend führt deutlich vor Augen, wie die öffentliche und politische Diskussion und Entscheidungsfindung durch kapitalistische Einflussnahmen manipuliert und gesteuert wird. Und man muss dafür nicht etwa einen trockenen Bericht lesen, sondern erhält ihn während eines unterhaltsam gestalteten Theaterstücks. Copyright ©: Maris Eufinger

Der Drache, EDT
Diese Parabel über den Machtmissbrauch und das anerzogene Duckmäusertum eines unmündigen Volkes und wie sich beides bedingt, hat Evgeni Schwarz in Russland geschrieben, kurz bevor die Deutschen im Zweiten Weltkrieg einmarschierten. Nun auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters wird daraus eine höchst moderne Allegorie auf Regime wie das von Putin oder Trump. Doch Regisseurin Mono Kraushaar und Daniel Schütter (der die Regie zwei Wochen vor der Premiere wegen Kraushaars Krankheit übernehmen musste) setzten nicht auf billige Parallelitäten, sondern belassen den Text in einem Raum der Vieldeutigkeiten, der den Zuschauenden Platz für eigene Schlussfolgerungen lässt. (Copyright Sinje Hasheider)

Last Call, Kammerspiele
Peter Danish hat ein spannendes Kammerstück geschrieben. Durch den Kunstgriff des Regisseurs Gil Mehmert, die beiden Maestro-Rollen mit zwei Frauen zu besetzen, bewahrt er es auf der Bühne vor jedem Versuch der bloßen Nachahmung, die nur misslingen kann. Helen Schneider ist als jovialer, lebensfroher und selbstgewisser Bernstein eine Wucht und Lucca Züchner verkörpert Karajan überzeugend als grübelnden, arroganten und eitlen Sturkopf. Ein sehenswerter Theaterabend mit Tiefgang. Das letzte Wort hat Karajan: "Schuld hieße Verantwortung. Und verantwortlich fühle ich mich nicht für das, was passiert ist, aber was ich fühle ist Scham, Leonard. Große Scham."

Ismene, Schwester von, Ernst Deutsch Theater
Der Monolog dieser Frau ist in der Inszenierung von Mia Massmann und Thomas Cesbron im Studio des Ernst Deutsch Theaters ein sinnliches Erlebnis. Obwohl wenig Äußeres zu sehen gibt, ist Carolins Spiel so bewegend, dass niemand sich ihrer ernsthaften Selbstbefragung, ihrem zarten Humor, ihrer betulichen Selbstironie und ihrem bescheidenen Charme entziehen kann. Großer Applaus am Ende für ihre herausragende Leistung. (Copyright Fabian Hammerl)

Performing Denkmal II, Lichthof
Am Ende bleibt ein Raum gefüllt mit den vielfältigsten Erinnerungen an Ereignisse, Verbrechen, Geschichten und Menschen. Das Team fragt sich gegenseitig: Was nimmst du mit? Doch nur wenige Antworten sind laut zu hören. Die übrigen tauschen sie leise an der langen festlich geschmückten Tafel in der MBassy aus, dem letzten Ort ihrer Denkmalsreise. Hier feiern sie viele besondere schwarze Hamburger mit einer Laudatio, die diese Würdigung verdient hätten. Hier gehen sie in das Gespräch miteinander. Und so mündet die Performance direkt in den sich anschließenden Austausch der Zuschauenden. Denn Hagen hat mit ihrem Team eine atmende Denkmalsarbeit geschaffen, die sich nur im Miteinander erleben lässt. Sie ist weniger etwas Postuliertes als vielmehr etwas Aufforderndes. Wie viel sie bewirken kann, liegt in der Verantwortung der Zuschauenden.