Mothers - A Song For Wartime, Thalia
„Never again“, diese zwei Worte stehen am Ende von „Mothers – A Song For Wartime“, den die 21 Frauen zur Eröffnung der Lessingtage auf die große Bühne gebracht haben. Unter dem Dirigat der Regisseurin Marta Górnicka aus dem Zuschauerraum heraus haben sie einen sehr klaren Aufruf für ihre europäischen Zuschauer:innen mitgebracht: Vergesst den Krieg in der Ukraine nicht und setzt euch noch mehr für sein Ende ein. Euer Engagement macht einen Unterschied. (Foto: Bartek Warzecha)

Mama Odessa, Kammerspiele
Florian Lukas bleibt in seinem Spiel so spröde wie die Inszenierung. Er wehrt ab und versucht möglichst jeder Emotion aus dem Weg zu gehen, auch weil er wohl ahnt, dass er ihr nicht gewachsen ist. Schon gar nicht von dieser Frau, die trotz ihres Alters und ihrer Einsamkeit eine ungeheure Kraft besitzt, der er nichts entgegen zu setzen hat. So lebt diese Inszenierung eher von den Leerstellen als von dem Gezeigten. Angesichts all der Heimatlosigkeit aber erscheint so tragischer Weise gerade die Familie die einzige Möglichkeit zur Verwurzelung und dennoch wohl auch die größte Bürde um neue Verbindungen zu finden. (Foto: Bo Lahola)

To My Little Boy, Thalia
Autorin Caren Jeß hat für das Thalia Theater einen vor Sprachwitz funkelnden Text geschrieben. Er gibt Aaron Worte für seine grenzenlose Überforderung und zunehmende Verzweiflung, brillant formuliert, wortspielerisch, selbstironisch und humorvoll. Regisseurin Marie Bues lässt Torben Kessler sehr viel Raum, um den Text in allen Facetten zum Schillern zu bringen. Kessler zelebriert, animiert und tänzelt seine sprudelnden Gedanken auf der Bühne zwischen den wenigen Stoffgebilden, die sich heben und senken können. Mit seinen Gefährten Tupper und Anouk wird daraus eine lebenspralle Geschichte, die die heutige Verfasstheit vieler aufs Beste wiedergibt und dennoch eine Leichtigkeit versprüht, die angesichts seiner depressiven Hauptperson erstaunlich ist. (© Katrin Ribbe)

Die Möwe, DSH
Regisseurin Yana Ross schafft es, mit leichter Hand die Dramen dieser Familie offen zu legen. Doch bei all den persönlichen Tragödien, die sich hier abspielen, ist bei ihr der Humor nie weit entfernt. Viele Lacher sind während der zweieinhalb Stunden zu hören, doch werden die Figuren nie der Lächerlichkeit preisgegeben. Es ist eher ein erkennendes Lachen, eines über die Abgründigkeit und Vergeblichkeit des Lebens.(Foto: Lucie Jansch)

Gefährliche Liebschaften, Thalia
Wer hier genau wen zu manipulieren oder zu missbrauchen versucht, ist letztendlich gar nicht so wichtig. Jede/r kann in die überlegene oder unterlegende Position kommen, alles nur eine Frage des Timings, des Alters, der Stellung oder der Zeit. Dadurch wird das Machtspiel einerseits zu etwas fast Beliebigen und andererseits umso gefährlicher. Keiner kann sich sicher sein, dass er oder sie nicht auch demnächst am Boden liegt. Alle spüren stets auch im momentanen, vermeintlichen Sieg schon die kommende Niederlage. Ein interessantes Experiment. Ob es gelingt, hängt allerdings auch stark von der Energie des jeweiligen Aufführungsabends ab. (Foto Krafft Angerer)

Hope, Thalia Theater
Der Abend verzichtet auf einen stringenten roten Gedanken- oder Handlungsfaden. Die Wirrnisse der heutigen Zeit finden ihr passendes Abbild in der Vielgesichtigkeit der Probleme auf der Bühne. Doch wie soll so die „Hoffnung, dieses Ding mit Federn“ (Emily Dickinson) heutzutage noch zu bewahren sein? Vielleicht einfach dranbleiben, weitermachen und die Hoffnung als Muskel ansehen, den man trainieren muss? Mit dieser vagen Aussicht endet das Stück im Thalia Theater. Es ist ein spannender Abend geworden, der keine Minute Langeweile aufkommen lässt. Er scheut aber auch nicht vor gut klingenden Plattitüden und vor esoterisch anmutenden Lösungswegen zurück. Doch zwischendurch funkeln immer wieder Szenen von berührender Wahrhaftigkeit. Er ist eben wie ein Kaleidoskop, das kurze Schlaglichter auf unsere auseinanderdriftende Gesellschaft wirft, die ebenfalls wenig auslässt. (Foto: Kerstin Schomburg)