Kiezstürmer 2026, St Pauli Theater
Der Hamburer Regienachwuchs zeigte auch dieser Jahr wieder bei den Kiezstürmern im St. Pauli Theater, wie man sich gekonnt der Endzeitstimmung entgegenstellt. (Foto: "Lass sie verrotten!: Antigones Parallaxe")
Körber Junge Regie 2026
Mit dem Preis des Festival Körber Studio Junge Regie ist am gestrigen Sonntag die Inszenierung "ich vermisse sie halt schon oder die ostdeutsche fassung bewahren" in der Regie von Elisa Künast von der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Frankfurt ausgezeichnet worden. (Foto: Fabian Hammerl)

Richard III., Schauspielhaus
Auch wenn Kaczmarczyk als Richard mit seiner darstellerischen Leistung beeindruckt, konzentriert sich Titov in seiner Inszenierung auf die Richard umgebenden Frauen, ihre Stellung, ihre Reaktionen, ihre Haltungen und ihre Möglichkeiten. Alle weiteren männlichen Figuren des Originals wurden gestrichen. Die vermeintlichen weiblichen Opfer, die zunächst noch aus Selbstschutz gegeneinander agieren, finden am Ende zur weiblichen Solidarität und begehren gemeinsam auf. Sie werden von Objekten der Handelnden zu Subjekten des Geschehens. Das ist ein interessanter Zugriff auf den Shakespeare-Klassiker, der beim Hamburger Theaterfestival als Gastspiel vom Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen war. Dank des beeindruckenden Bühnenbildes mit einem Betonbunkerpalast, den einfallsreichen und aufwendigen Kostümen und nicht zuletzt dem psychologisch differenzierten Spiel der Darstellerinnen wurde es zu einem Theaterabend, der verstehen ließ, warum Festivalleiter Nikolaus Besch ihn für das diesjährige Programm nach Hamburg ausgewählt hatte. Langanhaltender Applaus war ihm sicher.

Fury, Kampnagel
Das inklusive und altersgemischte Team von SKART & Masters of the Universe hat wieder einmal eine ganz eigene Welt auf der Bühne entstehen lassen. Es ist eine archaische, brutale und dennoch tröstliche Welt entstanden. Sie zeigt die ganze Bandbreite von menschlichem Verhalten. Wird es nützen, zu wissen, ob in dem Zankapfel vor dem sorgsamen Zerteilen schon ein Wurm vorhanden war? Oder dient dieses Wissen nur dazu, von den nicht veränderbaren Verhalten von Gemeinschaften abzulenken? Ist das ganze Gewese um Moral, Psychologie und Vernunft überflüssig, weil der Mensch doch bloß von seinen Bedürfnissen und Instinkten geleitet wird?

Jane Eyre, Theater Das Zimmer
Regisseur Jona Manow hat eine Bühnenfassung des Romans geschaffen, die gekonnt schlaglichtartig wichtige Situationen aus dem Leben von Jane in den Blick nimmt. Wie sie ihr Leben selbstbewusst in die eigenen Hände nimmt und immer wieder von ihrem freien Willen geprägte Entscheidungen trifft, zeigt sich, wenn Bautzmann und Schäfer zu den jeweiligen Gegenübern von Jane werden. Auf ihren Gesichtern spiegeln sich dann nicht nur Janes klare Haltung, sondern auch die zunächst überraschte Verblüffung und der allmählich gewonnene Respekt ihrer männlichen Gesprächspartner. (Foto: Patrick Bieber)

Die Wut, die bleibt, Thalia
Das alles ist nie weit vom Klischee entfernt und liefert dennoch durch die stringente und nicht unbedingt subtile Umsetzung auf der Bühne so viele Anknüpfungspunkte, dass sich im Publikum kaum jemand dieser Wirkung entziehen kann. Zum Schlusssatz springen Hunderte von Frauen im Thalia Theater begeistert auf. Ja, diese Frauen werden gebraucht! Dieses Stück trifft einen Nerv von jungen Frauen, die auch bei der Übernahme aus dem Staatstheater Hannover ins Repertoire des Thalia Theaters zulässig für ausverkaufte Reihen sorgt. Foto: Kerstin Schomburg

Zwischen den Gleisen, Opernloft
Rahardt hat ihre Stückentwicklung mit einem Potpourri aus einem reichhaltigen Musikfundus gestaltet. E- und U-Grenzen spielen dabei keine Rolle, einzig die sehnsuchtsvolle Stimmung, die von den Liedern und Arien ausgeht, ist dabei für sie die Richtschnur. „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ trifft auf „Ein Zug nach nirgendwo“. Glenn Millers Song „Chattanooga Choo Choo“ begegnet so Verdis Arie „O patria mia“ aus „Aida“ und „Be still my soul“ von Sibelius geht in „Lippen schweigen“ aus der Lustigen Witwe von Lehar über. Diese Übergänge gelingen unter der musikalischen Leitung von Makiko Eguchi hervorragend, die Musikstücke scheinen sich, so unterschiedlich sie auch sein mögen, zu einer Geschichte zusammenzufügen. So bietet dieser Abend ein Mosaik an wunderschönen zu Herzen gehenden Liedern, die in die kleine Welt zwischen den Gleisen entführt. Ihre Geschichten speisen sich aus Alltagsbeobachtungen, die für jeden und jede anschlussfähig sind. Dabei ist es erstaunlich, wie flexibel und virtuos die Musiker:innen und Sänger:innen zwischen den Gesangsstilen hin- und herwechseln. Sie glänzen in jedem Metier und zeigen, dass Musik ohne Genreeinteilungen grenzenlos genießbar ist.

Die Abweichlerin, Schauspielhaus
Der Regisseurin Karin Henkel ist eine geniale Umsetzung auf der Bühne gelungen. Das liegt nicht nur an einem überzeugenden Konzept, sondern nicht zuletzt an ihrer Hauptdarstellerin. Lina Beckmann ist die Idealbesetzung für Lise/Tove. Obwohl sie detailliert die Gründe für ihren bevorstehenden Selbstmord darlegt, ist dieser Abend keineswegs keiner, der hauptsächlich anstrengt, sondern einer, der mit viel Selbstironie und Humor anschlussfähige Tiefenbohrungen ins Leben vornimmt, die kein Klischee unhinterfragt lassen. © Lalo Jodlbauer

The times are racing, Staatsoper
Den Abend schließt eine mitreißende Arbeit aus New York ab. In Sneakers und bunter Streetware zu der Musik von Dan Deacon, "USA I-IV" aus dem Album "America" lässt Justin Peak mit dem großen Ensemble das pralle Leben auf der Bühne vorüberziehen. Bei ihm ist es aber eher eine Feier der Energie und Lebensfreude als eine der drohenden Vergänglichkeit. Nicht nur die Kostüme sind bunt, sondern Peak mixt auch die Tanzelemente bunt durcheinander. Breakdance, Stepptanz und Modern Dance sind ebenso zu sehen wie Ballettanklänge. So hält der Broadway Einzug in die Hamburger Staatsoper und verleiht der Freude am puren Leben mitreißenden Ausdruck. Auch das bringen die Tänzer:innen des Hamburger Balletts ausdrucksvoll und kraftvoll auf die Bühne. Ihre Freude spiegelt sich auf ihren Gesichtern und in ihren Bewegungen und lässt das Publikum am Schluss in begeisterten Applaus ausbrechen. Ein Abend, der die Zuschauenden beschwingt und beglückt aus der Staatsoper entlässt und dennoch in der Rückschau auch die besinnlichen und bedrückenden Momente des Lebens beinhaltet. (Foto: Kiran West)

Die Herausforderung des Ungebrochenen, MUT-Theater
Mit wenig Mitteln erschafft Autor, Regisseur und Bühnenbildner Mahmut Canbay in seinem MUT-Theater ein eindringliches Stück über den Mut, den es erfordert, in schwierigen Zeiten seinem Gewissen treu zu bleiben. Aus dem Ensemble ragt der Hauptdarsteller Emrah Demir heraus, dem es gelingt, seiner Widerstandskraft, Angst, Verzweiflung und Hoffnung glaubhaft Ausdruck zu verleihen. Auch wenn es ein Stück über den Widerstand gegen die Unterdrückung von Identitäten und Kulturen in autoritären Regimen ist, so verknüpft es Canbay am Schluss mit einem eindringlichen Appell an sein Publikum in Deutschland: Noch gebe es hier die Freiheit einer funktionierenden Demokratie. Man hätte diese Deutlichkeit nicht gebraucht, denn Canbays Text spricht auch ohne sie für sich selbst.

Foxi, Jussuf, Edeltraud, DSH
Das gilt auch für den herzenswarmen Abend von Markus John, dem Interviews zugrunde liegen, die er mit drei beliebigen Menschen führte. Erst durch die Schwingungen, die diese biographischen Erzählungen bei den Zuschauenden auslösen, entsteht ein Ganzes. John gelingt es wunderbar, mit wenigen Accessoires, einer Krawatte, ein Paar Perlenohrringen oder einer strähnigen Mähne zu der jeweiligen Person zu werden. Mal wird sein Kölsch unüberhörbar, mal die betont distinguierte und dennoch unaffektierte Sprechweise der Witwe präsent und mal die betont einfache Sprache des Museumswächters deutlich. Seine Haltung variiert scheinbar nur minimal und dennoch charakterisiert sie jede Rolle entscheidend.

Spucken wir auf Hegel, Lichthof
Die intime Atmosphäre führte dazu, dass der Austausch über das Gesehene und Gehörte umso intensiver geführt wurde. Das lag auch zum großen Teil daran, dass Barletti und Waas die perfekten Gastgebenden in ihrer Denkwerkstatt sind. In jeder Pause gingen sie zu den kleinen Tischgruppen, an denen das Publikum saß, und wiesen auf eines der Bücher hin, die auf den Tischen verteilt waren. So viel mehr Denkanregungen hätte die in Deutschland immer noch wenig bekannte Feministin auch heute noch zu bieten gehabt. Ein einladender, anregender und überaus sympathischer Abend. So macht das Denken Spaß. Heute Abend gibt es noch eine Gelegenheit, ihn in Hamburg-Bahrenfeld im Lichthof um 20:15 Uhr zu erleben.

Vor dem Fall, Kammerspiele
Regisseur Martin Woelffer ist als Intendant der Komödie am Kurfürstendamm Komödien erprobt, daher inszeniert er den Stoff weniger mit der Absicht menschliche Tragödien zu erzählen als vielmehr die absurd-humorvollen Momente in den Vordergrund zu rücken. Dass der Titel des Stückes nicht nur metaphorisch gemeint ist, sondern sich am Schluss einer von ihnen tatsächlich vom Hochhausdach stürzen wird, schmälerte daher das Vergnügen des Premierenpublikums nicht. Immer wieder riefen sie das Ensemble mit ihrem begeisterten Applaus am Ende auf die Bühne. Wird auch im Programmheft vor der Thematisierung von Suizid im Stück gewarnt, so bestätigten sich Zuschauende beim Verlassen des Theaterraumes, das Stück sei sehr kurzweilig gewesen. Denn in der lärmenden Aufgekratzheit der Vier auf der Bühne konnte man die leisen beunruhigenden Stellen fast überhören. © Bo Lahola