Gefährliche Liebschaften, Thalia
Gefährliche Liebschaften, Thalia
Foto: Krafft Angerer
Vergnügungsmaschine
„Ich bin ganz alleine!“ Dieses Gefühl überfällt fast alle im Laufe des Abends einmal. Immer auf der Suche nach dem nächsten, großen, aufwallenden Erlebnis ist das Auf und Ab der Gefühle vorprogrammiert. Marquise de Merteuil (Caroline Junghanns) hatte schon immer zusammen mit Vicomte de Valmont (Marius Huth) riesigen Spaß daran, die Menschen um sich herum für ihre Machtspiele zu benutzen. Beide weichen aber auch nicht davor zurück, sich gegenseitig versuchen zu manipulieren. Die Marquise will Valmont dazu bringen, die junge, unschuldige, gerade aus dem Kloster entlassen Cecile (Lisa-Maria Sommerfeld) zu verführen. Er wiederum hat sich ebenfalls ein neues Opfer für seine Eroberungszüge ausgesucht: die fromme und verheiratete Madame de Tourvel (Gina Haller). Eine schwierige Herausforderung, die ihn natürlich nur so lange reizt, wie er noch nicht an sein Ziel gekommen ist. In Cecile wiederum ist der junge Dancency (Samuel Mikel) verliebt, der aber gegen Valmont machtlos ist.
Diese fünf Personen schickt Regisseur Sebastian Hartmann wie in einer Versuchsanordnung auf das Feld der „Gefährlichen Liebschaften“. Als Spielgrundlage dient ihn die Personage aus dem gleichnamigen Briefroman von Choderlos de Laclos aus der vorrevolutionären Zeit Frankreichs. Dieser Skandalroman entlarvt auf deutlichste die Verkommenheit der adligen Gesellschaft. Doch auf der schwarzen leeren Bühne deutet einzig ihre aufwändige, unzweckmäßige Ver-Kleidung (Kostüm: Adriana Braga Peretzki) auf eine längst vergangene Zeitepoche hin, auch wenn sie hier mehr enthüllt als verbirgt. Viele Spitzen und transparente Stoffe zeigen nackte Haut, die mit riesigen Tattoos verziert ist. Ständig kommen sie in neuen Gewändern herein. Verschwendung ist hier ein Muss. Selbstdarstellung um jeden Preis. Sie umrunden sich wie Kampfesgenossen. Wer wird hier die Oberhand behalten, wer gibt klein bei, wer stürzt sich mutig ins Gefecht, wer geht auf den Boden, wer kann den anderen in die Höhe heben? Sie springen sich gegenseitig an, sie umtänzeln sich, sie fallen übereinander her oder sie umschmeicheln sich, wenn letzteres auch nur für kurze Zeit. Der Pianist Samuel Wiese treibt das mit seiner Livemusik an.
Das hier ist eine Arena. Wenn jemand gerade nicht aktiv ist, setzt er oder sie sich auf einen Stuhl am Rand (oder zieht sich um). Ständig sind sie in Bewegung, Lauern auf den nächsten Zug, den es zu parieren gilt. Jede und jeder versucht krampfhaft seine Würde und Selbstachtung zu erhalten So sehr Valmont und die Marquise sich auch bemühen, ihre Überlegenheit deutlich zu machen, so sehr scheinen auch sie angeschlagen. Spielen sie doch dieses Spiel schon so lange, dass sie wissen, dass auch ihre Kraft und ihre Anziehungskraft auf das andere Geschlecht bald schwinden wird. Dann bleibt nur noch die Leere. Doch so lange das Spiel noch funktioniert, machen sie weiter und spielen gegen dieses drohende Nichts mit umso größerer Härte und Verzweiflung an. Das ist Machtmissbrauch vom allerfeinsten, nur zum eigenen Vergnügen und in großer Menschenverachtung, ohne jede Empathie und Moral.
Hartmann interessiert sich nicht so sehr für die speziellen Konstellationen zwischen den Personen, geschweige denn für die Chronologie oder Nachvollziehbarkeit der Handlung. Wer den Stoff nicht schon vorher kannte, wird die Zusammenhänge nur schwer gänzlich durchblicken. Es geht Hartmann um eine Analyse unter Laborbedingungen, in immer wieder neuen Gegenüberstellungen. Denn er lässt die Schauspieler:innen in einer „Freispieleinrichtung“ agieren, bei denen bestimmte Versatzstücke vom Ensemble frei zusammengestellt werden können. Wer hier genau wen zu manipulieren oder zu missbrauchen versucht, ist letztendlich gar nicht so wichtig. Jede/r kann in die überlegene oder unterlegende Position kommen, alles nur eine Frage des Timings, des Alters, der Stellung oder der Zeit. Dadurch wird das Machtspiel einerseits zu etwas fast Beliebigen und andererseits umso gefährlicher. Keiner kann sich sicher sein, dass er oder sie nicht auch demnächst am Boden liegt. Alle spüren stets auch im momentanen, vermeintlichen Sieg schon die kommende Niederlage. Ein interessantes Experiment. Ob es gelingt, hängt allerdings auch stark von der Energie des jeweiligen Aufführungsabends ab.
Birgit Schmalmack vom 23.1.26
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