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Die Ladenhüterin, Hebebühne

Die Ladenhüterin Marianne Hauttmann



Das Handbuch fürs Leben

Die drei mit durchsichtiger Folie bespannten Trennwände schiebt Keiko sorgsam genau in eine penibel ausgerichtete Reihe. Keiko liebt die Ordnung. Nur wenn die Regeln völlig klar sind, fühlt sie sich wohl. Unordnung macht sie unsicher. So glaubt sie: "Mein erster Tag im Konbini war mein Geburtstag als normales Mitglied der Gesellschaft." Nach ihrer Schulausbildung findet sie einen Aushilfsjob in der 24-Stunden Supermarktkette und fühlt sich angekommen. Nachdem sie den zweiwöchigen Schnellkurs für die Angestellten durchlaufen hat, hatte sie alle Verhaltensregeln für das richtige, erwünschte Verhalten für eine Teilnahme an der Gesellschaft bekommen. Endlich! Hier gab es für jeden Moment einen Text im Handbuch. So ein Handbuch hatte Keiko ihr bisheriges Leben lang gesucht. Nie war ihr klar gewesen, warum sie von ihrer Umwelt als merkwürdig, unpassend und nicht funktionierend angesehen wurde. Wenn sie die Uniform anzog, war sie wie alle anderen der Angestellten. Sie war endlich richtig.
Doch die Fragen der anderen hörten nicht auf. Immer noch nicht verheiratet? Keine Kinder? Immer noch im Aushilfsjob? Als sie den Außenseiter Shiraha
trifft, ist er ihr zwar unsympathisch, aber sie macht ihm trotzdem einen Heiratsantrag. " Man musste die Dinge, über die andere sich wunderten, aus seinem Leben verbannen. Wahrscheinlich bestand darin die sogenannte Heilung." Nun hat sie einen Mann, auch wenn der den ganzen Tag in der Badewanne sitzt und sich von ihr bedienen und durchfüttern lässt. Als er von ihr jedoch verlangt, einen neuen besser bezahlten Job zu suchen, der für den Lebensunterhalt von zwei Menschen reicht, erkennt sie, wo ihr eigentlicher Platz ist.
Regisseurin Marianne Hauttmann hat den Roman von Sayaka Murata als Monolog auf die Bühne gebracht. Die Schauspielerin Iris Faber schlüpft in alle Rollen des Romans. Das ist folgerichtig, denn um Keikos Sichtweise auf die Welt geht es. Dennoch weist die Inszenierung über seine Hauptperson hinaus. Sie zeichnet ein Bild einer Gesellschaft, in der Gleichförmigkeit erwartet und Unangepasstheit bestraft wird. Hauttmann gelingt eine klar fokussierte, hoch konzentrierte Inszenierung, die mit wenigen Mitteln auskommt und dennoch ihre Wirkung umso stärker entfaltet.
Birgit Schmalmack vom 1.5.19