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Verteilungsgerechtigkeit statt Ausbeutung

Hüter des Eigentums, Haus 73 Foto: G2 Baraniak

Die drei Clowns (Christa Krings, Christian Eldagsen, Pascal Averibou) sind wieder in Aktion. In ihren bunten schillernden Anzügen und mit schwarz-weiß-rot geschminkten Gesichtern springen sie erneut quicklebendig vor ihrem Publikum herum. Doch Witze haben sie nicht im Gepäck. Stattdessen viele Fakten, Analysen, Thesen zum Thema Wirtschaft und Gesellschaft. Dieses Mal stehen die Fragen rund um das Thema Eigentum im Mittelpunkt. So unterhaltsam und temporeich wird selten über Wirtschaft informiert. Denn genau das ist die Spezialität des Hamburger Hüter-Ensembles unter der Leitung von Christian Eldagsen.

Die untere Hälfte der deutschen Bevölkerung teilt sich 1,4%, während das oberste Promille 35% des Vermögens besitzt. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Woher kommt das, wer profitiert davon und wie könnte man das ändern? Dieses Mal sind die Clowns einerseits in einer Schulklasse oder auf einer Unternehmerkonferenz zu Gast. So springen sie zwischen zwei Standorten des Geschehens und immer wieder in neue Rollen, nur indem sie die Kopfbedeckung, die Jacke oder die Krawatte ändern.

Privateigentum in Frage zu stellen, das ist ein wahrhaft umstürzlerischer Angriff auf die bestehende Grundordnung. Jedenfalls sieht das der Lehrkörper an der Hamburger Privatschule so, als ihr dortiger Schüler Anton es wagt, solche Inhalte in seiner Schule zu verbreiten. Dabei hat er nur gründliche geschichtliche Recherche betrieben. Bis weit ins 17. Jahrhundert gab es die Vorstellung, dass die Natur allen Menschen zur Verfügung stehen würde, um ihnen mit ihren Rohstoffen und angebauten Nahrungsmitteln das Überleben zu sichern. Erst die Aufhebung des Nutzungs- und Gewohnheitsrechts schaffte die Voraussetzungen für eine neue Privateigentumsordnung, die bis heute gültig ist.

Wie es der Zufall will, tagt parallel gerade in einem Konferenzraum der mächtige Lobbyverband „Die Familienunternehmer“. Da werden kräftig Argumente gegen die Reichensteuer und das Lieferkettengesetz gesammelt und die Reihen zwischen Lobbyisten und Politikern geschlossen. Ein Auftritt eines Bestsellerautors, der seinen biographischen Ratgeber "Von der Klitsche zum Marktführer" mit vor Stolz geschwellter Brust bewirbt, entlarvt alle unternehmerischen guten Absichten. Bei dem global agierenden Sägewerk handelt es sich wohl eher um eine "nachhaltige Umweltzerstörung" und ist ganz im Sinne der Verbreitung einer "christlich nationalen Weltordnung". In den Hin und Her zwischen den beiden Veranstaltungen werden die Kontraste und Verbindungen zwischen den beiden Sphären sehr deutlich ohne je plakativ zu sein.

Zum Schluss formiert sich der Chor der Vielen, der auch die Zuschauenden mit einbeziehen möchte. Nein zur Ausbeutung von Mensch und Natur und Ja zur Überwindung von Armut und Ausnutzung. Alle im Saal des Haus 73 stimmen laut in das geschmetterte Ja mit ein. Und doch musste im anschließenden Talk mit der Greenpeace-Aktivistin und dem Ensemble konstatiert werden, dass die Wege zu diesen Zielen erst noch ersonnen, erarbeitet und erstritten werden müssen. Noch steht das neoliberale System unserer heutigen Wirtschaftordnung ihnen diametral entgegen und befördert statt Gemeinsinn und Miteinander die Konkurrenz, die Verschwendung und die grenzenlose Ausbeutung aller Ressourcen. So bleibt wohl bis auf Weiteres die Notwendigkeit, dass das Hüterensemble mit neuen Stücken seinem Publikum Denkanstöße gibt, noch bestehen und man darf sich auf ein Wiedersehen mit den drei sympathischen Clowns freuen.

Birgit Schmalmack vom 23.2.24