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Alles wieder gut?


Geschmuggelt in der Fruchtblase einer Konzertpianistin gelangte Daniel Arkadij Gerzenberg nach Deutschland. Als Kind von Kontingentflüchtlingen aus der Sowjetunion wuchs er zwar in der wiedervereinigten Republik auf, genoss aber weiterhin die sowjetischen Erziehungsmethoden, bzw. litt unter ihnen. Denn seine Eltern hatten für ihn und seinen Bruder früh beschlossen, dass sie ebenfalls Pianisten werden sollten. So hieß es jeden Tag üben und bei Auftritten auf der Bühne keine Fehler zu machen, sondern sich als kleine Wunderknaben zu erweisen. Hatte doch seine Mutter in der Sowjetunion erfahren, dass ihr ihr Musiktalent aus der Diskriminierung heraus geholfen hatte. So sollte dieses Rezept auch für ihren Neuanfang in Deutschland zu einem Erfolgsmodell werden. Doch Daniel wollte eigentlich nur eins: So sein wie alle anderen Jungs in seiner Klasse und Fußball spielen. Als Instrument der Elternmacht, gegen das er sich nicht wehren konnte, erwiesen sich die in ihrem Haus stehenden zwei Steinwayflügel. Ein Nein wurde nie akzeptiert. Auch in anderer Hinsicht lernte er sich zu fügen. Ein Freund der Familie, sein Kinderarzt, kümmerte sich seit früher Kindheit um Daniel. "Mein Kinderarzt drang in meine Familie ein", so nennt er es.
Er nahm ihn mit auf Ausflüge, ins Kino, ins Museum, schenkte ihm Bücher. Irgendwann kam es zu Intimitäten, zu denen der junge Daniel nicht Nein sagen mochte. Erst im Alter von 23 Jahren suchte er den Abstand zu dem Kinderarzt. Und erst im Alter von 26 Jahren wurde ihm endgültig klar, was mit ihm geschehen war. Er verfiel in Depressionen, war beziehungsunfähig und litt unter Ängsten. Er erstattete Anzeige gegen den Kinderarzt und bekam zu hören: Nicht justiziabel, da der Missbrauch nicht unter Zwang geschehen war. Doch Daniel wählte nach vielen Jahren der Therapie ein anderes Mittel der Verarbeitung: In seinem Buch "Wiedergutmachungsjude" macht er dem Kinderarzt auf seine Weise den Prozess. Er berichtet von den Ereignissen in klaren und doch poetischen Worten und stellt zum Ende hin fest: Der Angeklagte ist schuldig und wird in Lyrik eingesperrt.
Bei seiner Lesung im Tonali Saal stellt er sich mit großer Offenheit allen Fragen des Publikums. Er will das Gespräch über das Tabuthema anstoßen, als Mann Opfer eines Missbrauchs geworden zu sein. Er will aufklären, sprechen, verarbeiten und anregen. Anregen vor allen Dingen die Scham abzulegen, um die Verantwortung klar zu benennen, eigene Möglichkeiten der Gegenwehr zu erkennen und wieder heil werden zu können. Dass dies mit Mitteln der Lyrik geht, bewies Daniel in der Lesung, die weit über das Themenspektrum des Missbrauchs hinausging. Wenn er eine ganze Fußballmannschaft des eigenen Abwehrverhaltens aufstellt. Wenn er selbstkritisch bemerkt, dass sein Seelentier das Chamäleon sei, wenn er die Lyrik fragt, ob sie Wut kann und sie ihm antwortet, ob er Geduld könne, dann ist das der Türöffner für eine Zukunft des Verständnisses, auch über das besondere Verhältnis zwischen Deutschen und Juden. Das kann Lyrik, das kann Daniel Arkady Gerzenberg mit seiner Dichtung und mit seinem Angebot darüber in den offenen Austausch zu treten.
Birgit Schmalmack vom 1.3.24