Dschinns, Thalia
Dschinns, Thalia
Bild: Krafft Angerer
Jede Familie hat ihre eigenen Geister
Dschinns, das sind Geister. Nicht nur jeder Mensch hat seine eigenen, sondern auch jede Familie. Bei dieser türkisch-deutschen zwischen Istanbul und Berlin ist es das Schweigen. Zu Beginn steht ein Todesfall. Der Vater stirbt an einem Herzinfarkt, gerade in dem Moment, wo er in seine wohlverdiente und lang ersehnte Rente gehen kann und seine neu erworbene Wohnung in Istanbul betritt. Klassische und tragische Situation. Als Gastarbeiter aus Deutschland kommt man nur im Sarg in sein Heimatland zurück oder, wie hier, stirbt in dem Moment der Rückkehr. All die aufgesparten Sehnsüchte und die erlebten Entbehrungen rächen sich. Mit dieser Lehre beginnt das Stück und der Roman von Fatma Aydemir. Es soll nicht die einzige bleiben. Denn dieser Stoff hat es in sich.
Auf der Bühne des Thalia Theaters wird das unter der Regie von Hakan Savaş Mican effektvoll und pädagogisch wertvoll aufgefächert. Jede Person in dieser Familie hat ihre Geheimnisse und darf diese im Laufe des Abends darstellen, während sie nacheinander in Istanbul zur Beerdigung ankommen. Im ersten Teil vor der Pause geschieht dies meist in einer leeren Wohnzimmerkulisse, entweder in der Istanbuler oder der Berliner Wohnung, stets mit aufwändigen Videoprojektionen und stimmungsvoller Livemusik angereichert. Etwa wenn Hakan (Sinan Güleç), der älteste Sohn von seiner dreitägigen, rasanten Autofahrt von Deutschland nach Istanbul berichtet und aufgrund seines Fahrstils von der Polizei aufgegriffen und Opfer von behördlicher Diskriminierung wird. Dann wird das wie in einem rasanten Roadmovie inszeniert.
Doch auch der andere Sohn (Cino Djavid) bekommt seine Kulisse. Wenn er sich zum ersten Mal selbst befriedigt, sieht man auf der ganzen Bühne Bilder der türkisch-kroatischen, blondmähnigen Schauspielerin Banu Alkan im sexy Bikini. Obwohl wenig später deutlich wird, dass er eigentlich in Jonas verknallt ist. Als Schriftzug kommt dann der Name in Neonbuchstaben vom Bühnenhimmel herunter. Doch dem Aufstieg in den siebenten Himmel der erfüllten Liebe steht der Doktor im Weg, der ihm erklärt, dass das Schwulsein eine Krankheit ist, die es auszurotten gilt. Ironischer Weise wird der Arzt von Tilo Werner gespielt, der auch den Vater darstellt. Das passt, denn auch dieser Hüseyin ist ein überkorrekter Mann, der für sich selbst klare Regeln definiert hat, die er auch von seiner Familie einfordert.
Seine Frau Emine (Oda Thormeyer) bekommt erst am Ende der fast dreistündigen Aufführung ihre Zeit. Allerdings nicht ganz freiwillig, denn ihre Tochter fordert sie kräftig heraus. Nur weil es Frauen wie dich gibt, kann dieses System der Unterdrückung weiter aufrecht erhalten werden, schleudert sie ihr entgegen. Und zwar minutenlang, ohne die Perspektive der Mutter mit in ihre Vorwürfe einzubeziehen. Sie wirft ihr vor, ihr die Schulbildung vorenthalten zu haben. Emine ließ die älteste Tochter in der Türkei bei den Großeltern zurück. Auch später in Deutschland schaffte sie nicht ihren Hauptschulabschluss und stolperte in eine Ehe, in der nun nicht mehr ihre Eltern sondern ihr Mann sie unterdrückte. Erst als sie sich trennte, arbeiten ging und sich später selbständig machte, konnte sie ihr Leben selbst gestalten. Gina Haller gibt diese Tochter als Karrierefrau, die ein wenig selbstgerecht alle Schuld bei ihrer Mutter sucht. Diese sitzt derweil auf dem großen Sessel in der Istanbuler Wohnung, den eigentlich der Vater für sich gekauft hatte, und muss diese Tiraden ertragen. Aber du hast es doch trotz allem geschafft, wagt sie eine Entgegnung. Thormeyer spielt diese Mutter mit großer Würde und ruhiger Selbstanalyse. Sie muss erkennen, dass Hüseyin ein guter Mann war, obwohl sie ihn Zeit ihres Lebens dafür verantwortlich gemacht hat, dass sie sich nicht selbst verwirklichen konnte. Doch nun, da er tot ist, weiß sie, dass sie es selbst war, die sich eingeschränkt hat.
Zum Schluss sitzen alle gemeinsam an einer festlichen Tafel. Statt Schweigen ist nun vertrauliches Reden angesagt. So könnte es auch gehen. Doch Reden über traumatische Erfahrungen gelingt wohl erst, wenn die Hauptakteure nicht mehr leben. Manchmal schon wie hier in der zweiten Generation. Denn das ist das Ermutigende dieses Stoffes: Die Orientierung der zweiten Generation zu Werten wie Selbstbestimmtheit, Offenheit und Toleranz ist offensichtlich. Diese zweite Generation beansprucht vehement ihr eigenes Leben, jenseits jeder Rassismuserfahrung in Deutschland und jeder Beschränkung durch ihre Ursprungsfamilie.
Regisseur Mican weiß den Roman von Fatma Aydemir bilderreich, atmosphärisch dicht und effektvoll umzusetzen. Langweilig wird es nie. Doch dabei bedient er auch viele Klischees, die nicht in allen Fällen ausdifferenziert werden. Dennoch: Es ist eine Inszenierung, die wieder einmal neue, jüngere und diversere Publikumsschichten ins Thalia Theater zieht. Am Schluss der Premiere gab es reihenweise jubelnde Standing Ovations.
Birgit Schmalmack vom 19.10.26
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