hamburgtheater

..... Kritiken für Hamburg seit 2000

Medea in Korinth, DSH

Medea in Korinth, DSH

Monika Rittershaus

Kein Opfer mehr


Medea liegt völlig ermattet auf einer kleinen Mauer. Sie ist aus der Stadt verbannt worden und harrt an ihrer Grenze aus. Obwohl sie mit dem angesehenen Jason verheiratet ist und mit ihm zwei Kinder hat. Sie selbst ist seit ihrer Ankunft in dieser Stadt immer eine Fremde geblieben. Sie galt stets als die Barbarin, die ihre merkwürdigen Riten weiter pflegte. Das schwächte auch Jasons Stellung. Als er nun das Angebot zum Aufstieg zum Greifen nah sieht, trennt er sich von Medea. Er soll die Tochter des Königs heiraten. Doch für Medea gibt es keinen Rückweg mehr. Alle Verbindungen zu ihrer Familie hat sie gekappt, einzig aus dem Grund um aus Liebe mit Jason zu fliehen. Nun liegt sie hier auf dem Mäuerchen ohne jede Perspektive. Sie hat nichts mehr: keine Heimat, keine Familie und keine Ehre mehr. Die ersten Sätze, die Lina Beckmann spricht, erschüttern bis in die letzte Reihe. Ihre Verzweiflung transportiert sich nur durch ihre Worte.

Dann tritt König Kreon (Krankheitsbedingt: Samuel Weiss) auf. Er befiehlt ihr seine Insel sofort zu verlassen. Er hat Angst vor der ihm so fremden Frau. Er fürchtet um das Wohl seiner Tochter. So schnell wie möglich soll Medea deswegen verschwinden. Sie ringt ihm einen weiteren Tag ab. Danach betritt Jason die Bühne. In seinem dunklen Anzug um einen jovialen Anschein bemüht redet er auf Medea ein. Noch glaubt sie, mit ihm eine einvernehmliche Lösung finden zu können. Sie versucht mit ihm zu verhandeln. Doch schnell wird klar, dass schon alles entschieden ist.

Ihre verzweifelten Schreie, die sie schon zuvor immer wieder ausstieß, werden noch lauter. Und nun haben sie ein Echo. Mitten aus dem Zuschauerraum antwortet ihr ein Chor aus Frauen. Zusammen stoßen sie Schlachtrufe aus. Unverständlich in einer fremden Sprache, aber unterstützt durch Fußstampfen und Trommelschlägen. Ein Effekt, der in den Reihen Gänsehaut erzeugt. Auf die Bühne strömen weitere Frauen, in schwarz, zum Teil mit Sturmmasken verhüllt. Kampfgenossinnen, die mit Medea gegen die Ungerechtigkeit zu Felde ziehen wollen.

David Striesow als Jason versucht derweil Medea zu erklären, dass er alles nur zum Besten für seine Familie arrangiert hat. Medea beginnt zu verstehen: Sie soll die Kinder bei Jason lassen. Nun weiß sie, dass sie nichts mehr zu verlieren hat. Zu gestalten gibt es hier nichts mehr, nur noch zu zerstören. Sie will aus der Rolle des Opfers heraus und in die der Handelnden kommen. Um das auch optisch deutlich zu machen, streift sie ihre dunklen weiten Klamotten ab und zieht ein glänzendes tief ausgeschnittenes Kleid zu Highheels an. Für einen Moment steht sie barbusig vor Jason und bittet ihn, ihr den BH zuzuknöpfen. Lacher im Publikum. Scheinbar hat Medea eingelenkt. Nun will sie der Rivalin ein Geschenk machen. Natürlich ein vergiftetes. Doch der naive Jason durchschaut seine Noch-Frau nicht. Als seine neue Verlobte zusammen mit ihrem Vater in Flammen aufgeht, schwant ihm, dass er „seine“ Medea nie richtig verstanden hat. Doch sie hat noch mehr in petto. Erst als er die leblosen Körper der beiden Kinder sieht, wird ihm klar, dass er sie völlig unterschätzt hat. Sie ist keine, die sich zu einem Opfer machen lässt. Wenn sie alles verlieren muss, sorgt sie dafür, dass auch alle anderen mit ihr in den Abgrund stürzen müssen. Lina Beckmann ist das Kraftzentrum dieser Inszenierung. Sie ist die Frau, die sich nichts gefallen lässt. Sie fügt sich selbst den größten Schaden zu, um ihre Stärke wieder zurück zu gewinnen. Niemand nimmt ihr ungestraft alles. Das macht Regisseurin Karin Beier mit dieser konzentrierten, eindrucksvollen Interpretation der Medea-Geschichte, die alles auf eine Karte setzt, überaus deutlich.

Birgit Schmalmack vom 19-10-26

Zur Kritik von

hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000