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Deutsches Haus, Thalia

Deutsches Haus, Thalia

© Kerstin Schomburg

Die dünne Schicht der Zivilisation

Die sechziger Jahre in der BRD. Endlich sind die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges halbwegs überwunden. Ein wenig Wohlstand, Petticoats und Rock 'n' Roll sorgen für Ablenkung und Auszeit. Man dürfe doch wohl den Blick wieder nach vorne richten. Wenn da nicht die störenden Nachbohrungen einiger Zeitgenossen wären. Fritz Bauer sorgt nach unermüdlichem Graben durch Akten 1963 dafür, dass in Frankfurt der Auschwitz-Prozess stattfindet. Gegen alle Widerstände.

In diese Gemengelage gerät die junge Eva (beeindruckend: Nellie Fischer-Benson). Sie ist die Tochter einer Gastwirtsfamilie (Julia Nachtmann, Tim Porath) und die Verlobte des Geschäftsmannes Jürgen (Denis Grafe), aber auch Dolmetscherin. Sie wird als Übersetzerin für den Prozess engagiert und erfährt dadurch erstmals von den Gräueln in Rock 'n' Roll. Doch die vermeintlich heile Welt ihrer Familie will davon nichts wissen. So oft sie auch nach Hause kommt und mit ihnen über ihre Gedanken und Gefühle nach den Anhörungen der Zeugen sprechen will, stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Jürgen redet vom labilen Nervenkostüm seiner Verlobten und will ihr die Arbeit sogar als ihr Zukünftiger verbieten. Ihre Eltern wechseln das Thema, sobald Eva sie nach ihren Erinnerungen fragt. Allmählich kommt sie dahinter, warum. Zum Schluss muss auch ihre Mutter bei dem Prozess aussagen. Als Zeugin und Mitwisserin.

Der Roman von Annette Hess „Deutsches Haus“ vereint anhand einer Familiengeschichte viele Fragestellungen. Die fehlende Aufarbeitung, das Schweigen, das gerichtliche Vorgehen, die familiäre Dynamik, Mitläufertum und zusätzlich eine Emanzipationsgeschichte. Denn Eva fügt sich nicht. Sie lässt sich weder von ihrem Verlobten ihre Übersetzerarbeit verbieten, noch lässt sie sich von ihrer Familie dazu verführen, sich im Nichtwissen gemütlich einzurichten. Regisseurin Jorinde Dröse hat für das Thalia Theater eine auf etwas über zwei pausenlose Stunden komprimierte Fassung auf die Bühne gebracht. Dabei verbindet sie drei Ebenen. Einerseits die hellgelbe, rosafarbene Küche der sich neu aufbauenden BRD. Hier feiert die Familie fröhlich Weihnachten und Verlobung mit Partyhütchen und Tanzeinlagen zu Peter Kraus-Schlagern. Die gerichtliche Ebene mit Aktenbergen auf dem schwarzen Podest, in der Sandra Flubacher und Jeremy Mockridge als Vorsitzende und Staatsanwalt an Mikrophonen für Aufklärung sorgen wollen. Und die letzte, in der die Bühne dunkel wird und Originalaufnahmen aus dem Frankfurter Prozess zu hören sind.

Dröse wirft die Zuschauer:innen von einer Stimmung in die nächste und verhindert so, dass ihre Inszenierung einen allzu moralischen Unterton bekommt. Dennoch überwiegt zum Schluss Evas Erkenntnis: Sie entscheidet sich für das Wissenwollen. Einfach ist dieser Weg nicht. In Warschau angekommen, bittet sie bei dem ehemaligen Lagerfriseur um eine Komplettrasur, wie einst die Häftlinge sie bekamen. Doch er verweigert ihr diesen Dienst. „Das steht Ihnen nicht“, hört sie zunächst. Als sie wieder draußen auf der Straße ist, bemerkt sie ihren Übersetzungsfehler: „Das steht Ihnen nicht zu“, hatte er gesagt. Diesen Trost sollen die Deutschen nicht bekommen.

Es ist ein Abend geworden, der einerseits betroffen macht, aber andererseits auch immer wieder mit Gute-Laune-Passagen unterhält. So illustriert Dröse genau den Zeitgeist, der in dieser Geschichte deutlich gemacht werden soll. So funktioniert eben Verdrängung. Hoffentlich führt Dröses konsequente Bühnenumsetzung dieser Haltung nicht dazu, dass die unangenehmen und leider höchst aktuellen Wahrheiten dieses Stückes auch vom Hamburger Publikum allzu leicht verdrängt werden können.

Birgit Schmalmack vom 15.9.26

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