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Swipe me if you can, Prime Time Theater

Hinter die Fassade blicken


Ich weiß gar nicht mehr, was ich in dir gesehen habe, fragt sich Lilly (Caroline Seibert) überrascht, als sie ihren Freund Alex (Rene Schwaiger) mit einer anderen in ihrem Bett erwischt hat. Er weiß es allerdings sehr genau und zeigt stolz auf seinen Sixpack. Und muss selbst lachen. Genau diese Momente sind das Besondere im Prime Time Theater. Diese sympathische Nähe zum Publikum macht hier die spezielle Atmosphäre aus, die das Publikum so liebt. Auch bei einer ungewöhnlichen Inszenierung, die wie Kalle (Oliver Tautorat), der Star aus „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ gleich zu Beginn auf der Videoleinwand erklärt. Heute Abend gehe es einmal nicht in erster Linie um die Quantität der Lacher, sondern um die Romantik.

In „Swipe me if you can“ des Regieteams Sascha Vajnstajn und Raphael Howein scheint die Neu-Berlinerin Lilly zunächst eine Glückssträhne erwischt zu haben. Sie ist erst seit kurzem in Berlin, aber sie hat schon eine bezahlbare Wohnung gefunden, sie darf als Jungregisseurin in einem großen Staatstheater ein Stück inszenieren und lernt zudem noch einen tollen Mann kennen. Einen Typ, der ungeheuer gut aussieht, mit dem sie das Berliner Nachtleben erkundet und viel Spaß hat. Wenn da nicht die anstrengende Probenarbeit wäre. Besonders der divenhafte Star des Theaters, der jede ihrer Ideen absolut unterirdisch findet, bereitet ihr schlaflose Nächte. Schön dass sie wenigstens ihren Assistenten Max (Max Kroll) an ihrer Seite hat, der ihr den Rücken stärkt. Bis sie allerdings mitbekommt, dass er vielleicht zu mehr als nur zum Theatermachen gut wäre, dauert es ein bisschen. Das Publikum ahnt es schon ein wenig länger. So gibt es am Schluss der kurzweiligen 60 Minuten ein Happy End. Direkt vor den voll gefüllten Rängen am Premierenabend ihrer ersten großen Regiearbeit erklärt Lilly Max, dass sie endlich die richtigen Schlüsse gezogen habe und es kommt mitten auf der offenen Bühne zum ersten Kuss.

Es ist ein Stück über das Theater im Theater. Es steckt voller Insider. Denn Lilly bekommt nicht etwa ein Engagement in einem Privattheater sondern an einer der großen Staatstheater Berlins. Welches bleibt offen. Die Fassade der Volksbühne erscheint ebenso wie das Logo des Deutschen Theaters und die Bühne von Gorki. So spielt das Team auch mit den Gepflogenheiten des Theaters. Dass die erste Probe gleich mit Kostümen stattfindet, ist etwas ungewöhnlich, gibt aber einer Ente einen prominenten Auftritt, und dass die Katastrophe am Schluss ist, dass die Regisseurin nicht pünktlich zum Beginn der Premiere erscheint, zeugt wohl von einem anderen Arbeitsethos als an den großen Bühnen.

Wie es mit Lilly nach ihrem Geständnis auf offener Bühne ergeht, bleibt offen. Doch sollte sich wirklich alles an der Volksbühne abgespielt haben, ließe sich das dort wohl ohne weiteres in ein ganz ausgefallenes, besonders authentisches und selbstironisches Regiekonzept integrieren.

Auf jeden Fall haben die Zuschauer:innen im Wedding viel Freude an der äußerst liebevoll in Szene gesetzten Komödie, die ihre Hauptfigur in ihrer künstlerischen und privaten Selbstfindungskrise absolut ernst nimmt und ihr Humorpotential eher an die zahlreichen Nebenrollen auslagert, in denen die männlichen Darsteller in einem stetigen Rollenwechsel für den Spielwitz zuständig sind. So folgt man Lillys Ankommen und Zurechtfinden in Berlin mit viel Sympathie. Ein glaubwürdiger Abend, der aus dem Rahmen des üblichen Kracherhumors des kleine Privattheaters im Wedding herausfällt und es noch einmal von einer ernsteren, aber nicht weniger liebeswerten Seite kennenlernen lässt.

Birgit Schmalmack vom 4.8.26

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