Après moi, le Déluge, Kampnagel
Après moi, le Déluge, Kampnagel
Tanzen als Widerstand
Es beginnt am Schluss. Mit dem Applaus und der Verbeugung der Performer. Man sieht das Publikum als Spiegelbild auf der Rückwand beim Hinausgehen. Dann wird der Gazevorhang weggezogen und die Tanzenden bewegen sich im Rückwärtsgang. Es geht zurück an den Anfang. Gleichzeitig kommen Bühnenarbeiter:innen herein und beginnen das Holzpodest der Bühne Stück für Stück abzutragen. Immer weniger Platz haben die Performer zur Verfügung. Dann hebt sich das Podest, stellt sich schräg und die Performer lösen weitere Parkettteile heraus, bis ein klaffendes Loch in der Mitte übrig bleibt. In diesem versinken sie, sich dabei stetig filmend. Ihre grinsenden Münder sind wie festgezurrt, mag sich um sie herum auch das Grauen abspielen. Sie haben sich vorgenommen, ihm mit einem Lachen zu trotzen. Auch wenn sie gegenseitig aneinander zerren, treten und buffen, grinsen sie weiterhin in die allgegenwärtige Kamera. Dann wird das Podest noch weiter in die Höhe gezogen und unter ihm wird ein dampfender Pool sichtbar. In ihm tummeln sich drei Gestalten mit vom Alter gezeichneten Gesichtern um eine leblose Frau, die über dem Beckenrand hängt. Immer wieder versuchen sie, an der Frau mit Bissen ihren Hunger zu stillen, bis zwei langmähnige Personen hereinkommen, die sie davon abhalten und die Frau schließlich wieder zum Leben erwecken. Die drei alten Gestalten bleiben in ihrem Loch zurück, während sich das Podest wieder senkt. Kein Jungbrunnen in Sicht.
Oben werden die fehlenden Podestteile wieder eingefügt. Übrig bleibt der Abgrund in seiner Mitte. Doch die Tanzenden lassen sich von ihm nicht kleinkriegen. Sie tanzen gegen die Bedrohung an. Kraftvoll zu dröhnender Heavy-Metal-Musik versuchen sie aus ihrer gemeinsamen Bewegung eine Energie zu ziehen, mit der sie zeigen können: Sie sind stärker als das Grauen. Damit könnte das Stück enden, doch das tut es nicht. Nachdem die Performer in ihren knappen Outfits hinter der Bühne verschwunden sind, kommen sie einzeln wenig später seltsam verformt wieder heraus: Zwei mit einem langen Schwanz, zwei mit einem dicken Elefantenfuß und drei mit Glatzen, die sich wie Gottesanbeterinnen bewegen. Müssen die Menschen von den Tieren lernen, wie man mit der Veränderung, mit der Bedrohung, mit dem Abgrund leben lernt? Oder zeigt das letzte Bild, wie das Leben auf der Erde seinen Anfang nahm? Das mag jede:r je nach Interpretation unterschiedlich sehen. Feststeht allerdings, dass (La)Horde unter der Leitung von Marine Brutti, Jonathan Debrouwer und Arthur Harel, wieder einen bildgewaltigen, intensiven, kraftvollen und mitreißenden Abend geschaffen haben, der für lebhafte Reaktionen gut ist. Plakative Bilder, schnelle, vielleicht allzu schnelle Schnitte, Horrorelemente, schweißtreibender Tanz, Aufgreifen von TikTok-Trends, mitreißende Tanzsequenzen, hämmernde Musik und eine Botschaft, die die Kraft des Tanzes feiert. All das bietet (La) Horde zusammen mit dem Ballet National de Marseille in einem wilden Mix, der eines auf jeden Fall nicht ist: langweilig.
Birgit Schmalmack vom 13.8.26
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