Der Sturm, Theater am Insulaner
Folkwang Sommertheater "Der Sturm"
Gastspiel im Theater am Insulaner
Folkwang Sommertheater "Der Sturm"
Prospero läuft ganz genau inspizierend über die Bühne, durch den Zuschauerraum und das nähere grüne Umfeld des Openairtheaters am Insulaner. In der Hand hält er ein Buch, in das er eifrig Notizen macht. Bald nimmt er ein zweites dazu, in dem er immer wieder nachliest. Er sieht ziemlich abgerissen aus, nur in Unterwäsche bekleidet, mit wild zerzausten Haaren. Denn Prospero ist nicht mehr Herzog von Mailand, nur noch König dieser kleinen Insel. Hierhin hat ihn und seine kleine Tochter Miranda die Intrige und der Vertrauensbruch seines Bruders getrieben. Seine Befehlsgewalt beschränkt sich seitdem auf sehr wenige Untertanen, die er mit seinen Zaubersprüchen aus seinen Büchern zu bezwingen weiß. Nun dienen sie ihm mit ihren Fähigkeiten. Und die sind beträchtlich.
Da ist zum einen das Monster Caliban, das ihm die Nahrungsmittel der Insel zugänglich machte, und das seitdem insgeheim auf Rache giert. Und da ist zum anderen Ariel. Nur mit einer roten Strumpfhose und einem zarten Tüllrock zu seinem gertenschlanken, weißeingefärbten Körper kommt er daher. Er ist ein zurückhaltender Geist mit feinen Gesten und einem unverwechselbaren Bewegungsrepertoire. Er windet sich wie ein Hauch durch die Gegend. Er ist immer zur Stelle, wenn Prospero ihn braucht. Und er braucht ihn oft. Denn ohne Ariel kann er keinen seiner momentanen Pläne umsetzen. Mit einem Sturm will er seine Widersacher, die gerade durch einen Zufall an seiner Insel vorbeisegeln, in seine Gewalt bringen. Aber auch mit Hilfe der gesamten Zuschauerschaft gelingt keine ausreichende Windkraft. Erst gemeinsam mit Ariels Zauberkunst wird daraus der Sturm, der alle auf die Insel spült und ihm die Rache ermöglicht, auf die er schon lange wartet. Doch ein junger Mann kommt seinen Plänen in die Quere. Der blondgelockte Königssohn Ferdinand ist unter den Schiffbrüchigen. Als Prosperos Tochter Miranda diesen erblickt, ist sie schockverliebt. Ferdinand scheint ebenfalls nicht abgeneigt.
Doch bis zum unvermeidlichen Happy-End müssen noch etliche Unwegsamkeiten beseitigt werden. Manche Machtgelüste innerhalb der Hofgesellschaft und unter den Inselbewohnern müssen noch (von Ariel) geklärt werden, bis Prospero gewollt jubilierend ausrufen kann: Familie! Nun dürfe gefeiert werden. Doch man darf Zweifel haben angesichts der Feiergesellschaft, die hier versammelt ist, ob ihre Freude ungetrübt sein wird. Zwar hat Prospero seiner Zauberkunst Goodbye gesagt und auf die Rache verzichtet, aber wohl nur, weil er wieder Aussicht auf Machtgewinn wittert. Überhaupt ist es erstaunlich, wie schnell er sich den neuen Verhältnissen angepasst hat. Schon greift er zur Riesenkrone, die Ariel mit auf die Bühne gebracht hat. Kein kleiner König mehr auf dieser winzigen Insel, sondern wieder Herzog in Mailand mit allem Prunk, den er zuvor gewöhnt war, das reizt ihn anscheinend sehr. Ebenso verwunderlich auch, dass Miranda auf den wenig inspirierenden Ferdinand mit seinem affektierten Getue hereinfällt und Prospero seine Tochter diesem Gockel überlässt.
Doch Macht und Luxus sind eben so verführerisch, dass man schnell zum Wendehals wird. Das zeigt dieses Stück von Shakespeare in der Inszenierung von Damian Popp sehr deutlich. Im Nu schwingt sich Prospero auf den Gestus und Tonfall der Hofgesellschaft ein. Spielte bis dahin Minna John alle Zwischentöne mit fein modulierter Lautstärke, so stimmt sie jetzt in die übertrieben grellen Ausdrucksformen ihrer Hofkumpanen mit ein.
Damian Popp interessiert sich im Gegensatz zu Shakespeare, wie es mit den verbliebenen Inselbewohnern weitergeht. Caliban sieht nach Prosperos Verschwinden endlich die Chance auf die wieder zu erringende Macht. Nachdem er die beiden Trunkenbolde, die vom Hofstaat einfach auf der Insel vergessen worden sind, umgebracht hat, versucht er sich die Riesenkrone selbst aufzusetzen. Doch sie ist schlicht zu schwer für ihn und so begräbt sie ihn stattdessen unter sich.
Der einzige, der von diesem um sich greifenden Getue unbeeindruckt bleibt, ist Ariel. Er bleibt ganz bei sich. Der scheue Luftgeist mit den magischen Kräften bleibt alleine auf der Insel zurück. Er braucht keinen Prunk, keine Machtpositionen. „Liebst du mich?“, hatte er Prospero im Laufe des Abends einmal hoffnungsvoll gefragt. Der war ihm eine Antwort schuldig geblieben. Nun muss er erkennen, wie schnell dieser ihn abgelegt hat, nachdem er ihn nicht mehr braucht. Da steht er nun wankend mit seiner zarten, sich windenden Gestalt auf der leeren Bühne. Er sollte sich freuen. Seine lang ersehnte Freiheit ist da, doch wie soll er sie nun füllen?
In dieser Inszenierung der Folkwang Universität der Künste, die nun in Berlin als Gastspiel zu sehen war, versucht Jungregisseur Damian Popp eine Verbindung aus Klassikerstoff und Heutigkeit, aus Besinnlichkeit und Komödie, aus lustigem Sommertheater und leisen Tönen zu gestalten. Auch wenn er mit letzteren schließt, überwiegen eindeutig die grellbunten, lauten Teile, die den Erwartungen an ein unterhaltsames Openair-Theater im Grünen gerecht werden. Die psychologisch fein gesponnenen Fäden der Eingangsszene mit den herausragenden Talenten Minna John (Prospero) und Ben Leonard Alm (Ariel) wurden leider nicht in gleicher Intensität in das Gesamtkonzept eingewebt. So aber war für jeden etwas dabei: Wunderbar sensibel gestaltete Anfangs- und Schlussszenen mit sehr berührenden Momenten und viel einfallsreiche, humorvolle Unterhaltung dazwischen.
Birgit Schmalmack vom 28.7.26
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