Honda Romance, Kampnagel
Honda Romance, Kampnagel
Philippe Jarrigeon
Verletzlichkeit ist eine Stärke
https://nachtkritik.de/nachtkritiken/deutschland/hamburg-schleswig-holstein/hamburg/sommerfestival-kampnagel/honda-romance-internationales-sommerfestival-hamburg-die-franzoesische-filmschauspielerin-vimala-pons-zeigt-einen-bilderbogen-ueber-depression-und-selbstbehauptung
Der Vorhang öffnet sich und es bietet sich ein Bild, das verblüfft. In welcher Situation man geraten kann, wenn ein verliebter Satellit sich entschlossen hat, die Nähe zu einer Frau zu suchen und sich dazu direkt auf ihren Körper gestürzt hat, kann man in der Eingangssequenz von „Honda Romance“ sehen. Vimala Pons liegt unter dem riesigen Ding der Marke Honda quasi begraben. Sie ist fast vollkommen bewegungsunfähig, nur mühsam robbt sie sich Zentimeter für Zentimeter vor und schafft es schließlich, das schwere Teil auf ihrem Rücken zu balancieren, derweil ihr Kopf vor Anstrengung immer roter anläuft. Währenddessen sendet Honda ihr ständig Botschaften über ihren flimmernden Bildschirm. Bis endlich der überwachende Honda-Assistent ein Einsehen hat und mit seiner Steuerung den Satelliten in die Höhe bewegt. In der Zwischenzeit hat dieses Spektakel viele Schaulustige angezogen. Sie stehen hinter einer Absperrung und machen Fotos und Videos der spektakulären Begebenheit, ohne einen Gedanken an eine Hilfeleistung zu verschwenden.
In der nächsten Szene stellt sich Pons einer neuen Herausforderung: Nun ist sie von drei Windkanonen umgeben. Während sie in einem Social-Media-Strudel von einem Thema zum nächsten strudelt, wird sie von den enormen Windstößen hin- und hergeschubst. Dass diese echt sind, merken die Zuschauende in den ersten Reihen. Pons simuliert hier nicht, sie setzt sich den tatsächlichen Kräften aus, die sie niederdrücken, die an ihr zerren, die sie durchschütteln. In einer Welt, die die Menschen in einen unablässigen Strom aus Tweets, Shorts und Videobotschaften schickt, hat der Einzelne kaum noch Kontrolle über seine Befindlichkeiten. Er wird hin- und hergetrieben oder sogar niedergewalzt.
Vimala Pons ließ sich für diese beiden Teile von einem Aufenthalt auf einer psychiatrischen Station inspirieren. Eine Depression kann auf dem Boden festnageln, eine Borderline-Störung unfähig zu zielgerichteter Orientierung machen. Im letzten Teil wird sie zum gleichberechtigten Mitglied ihres Ensembles. In einem anhaltenden Catwalk laufen jetzt neun Sänger:innen in gerade auf die Zuschauenden zulaufenden Linien über die Bühne. Während sie nach vorne hin strahlende Gesichter zeigen, offenbaren sie auf ihrer Rückseite etwas Anderes, zuvor Verborgenes. Ein Fuck-Finger, ein Messer oder eine andere Überraschung. Das Gehen, eigentlich ein alltäglicher Vorgang, wird hier zum Studienobjekt. Was verbergen, was offenbaren, was zeigen wir durch unseren Gang? Was demonstriert unsere Kleidung, was unser Hüftschwung, was unsere Handbewegung? Welchen Eindruck vermittelt unser Ausdruck?
Zum Schluss kommt das Team zum Stillstand, stellt sich direkt vor das Publikum und singt gemeinsam „Remember hope“. Wie passend für das Festivalmotto! Ein beeindruckender Abend, der in seiner Konsequenz nachhaltig gefangen nimmt. Er zeigt, wie schwankend doch unsere so fest geglaubte Basis sein kann, wenn sie Erschütterungen ausgesetzt ist. Wie schnell der Mensch dabei aus dem Gleichgewicht geraten kann, wird hier demonstriert. Pons findet dafür sehr eindrückliche Bilder, die man nicht so schnell vergisst. Das gilt auch gerade vor dem Hintergrund der allseits zu beobachtenden politischen Entwicklungen, die Pons beiläufig geschickt mit in den Blick nimmt. Eine intelligente stringente Arbeit, die niemanden schont. Pons auf keinen Fall, aber auch nicht ihre Zuschauenden.
Birgit Schmalmack vom 25.8.26
Zur Kritik von
hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000
