Gastkommentar
Von der Mühseligkeit des Stehens
Ein Gastkommentar zu Marthalers Erste letzte Sekunde – eine Gala
von Ingrid HOELZL
Dr. phil., Medientheoretikerin, Autorin dreier Bücher und zahlreicher Artikel, Performance-
Macherin, Vorstand im Dachverband freie darstellende Künste, ihoelzl@posteo.net
Wenn Sie lachen wollen, lachen Sie nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern laut heraus. Wenn Sie
weinen wollen, weinen Sie hemmungslos. Der Aufforderung wird gerne nachgekommen, weil es
wirklich zum Schreien komisch ist, was da im Schnelldurchlauf auf der Bühne dargeboten wird.
Von den Preisreden blieb mir diejenige des Telekom-Chefs in Erinnerung in ihrer brillanten
Persiflage technokratischer Keywords wie Value over Volume! In den zwischen Sinnlosigkeit und
Tiefsinn changierenden Monologe zu Sehen und Gesehenwerden oder zum Lachen, beide von Ueli
Jäggi in Thomas Gottschalk Look, oder in der zerbröselnden Heiterkeit von Preisrednerin Tora
Augestad, als ihr Hero of my Life nicht erscheint, kippt die Stimmung für Momente, bevor es
gnadenlos mit der nächsten Slapstick Nummer weitergeht. “Wir sind noch lange nicht am Ende”
werden wir nach der X-ten Gala zum Durchhalten aufgefordert. Also weiter. Manisch löst Gala
Gala ab, versinnbildlicht in den einander vom Mikro wegschubsenden Schauspieler:innen. Witze,
deren Pointe das Wort abgeschnitten wird; Muskelprotzing in Miniatur, geprüft von den schlaffen
Armen Hardys, die ihr Alter nicht verbergen; gekonnt disharmonischer Pas de Deux und Ballroom.
Marthaler meint im Publikumsgespräch: “Es ist schon irgendwie gemein.” Ein Kobold hat
gesprochen. Aber: Schlechtes Theater (Gala), musikalisch und darstellerisch auf höchstem Niveau
ins Lächerliche gezogen, das ist eben großes Theater. Vor allem: komische Überzeichnung und
Herz-Schmerz gleichzeitig und gleichberechtigt darzubieten, schafft eine Meta-Ebene, in der wir
das verrutschte Pathos mit Genuss wahrnehmen und ungehemmt der eigenen Rührseligkeit frönen
können, wie in zerlassener Butter. Das Resultat: so etwas wie eine distanzlose Kritik, anstatt wie
üblich in kritischer Distanziertheit zu verharren.
Bis sich irgendwann doch Erschöpfung einstellt. Reizüberflutet und affektmüde beginnt frau sich zu
fragen, wie Marthaler aus der Gala Nummer herauskommen wird. Mit einem Bouquet final sicher
nicht, wo doch ohnehin schon alle Register gezogen sein werden, ad nauseam. Bis sich, fast
unbemerkt, ein Stimmungswechsel von schrill-grotesk-überkandidelt zu minimalistisch-dezent-
sphärisch einschleicht. Der von seinen hyperkinetischen Verrenkungen befreite Tänzer liegt
regungslos am Boden – der obligate Absturz von der läppisch-pompösen Ruhmestreppe, nach
einem Aufstieg, der schon beim Aufstieg zum Scheitern verurteilt war, wie derjenige, grandios
gespielt, von Rosemary Hardy. Hauptrolle haben jetzt die Hamburger Symphoniker, hinter kitschig
dekorieren Podesten verschanzt, dirigiert von Sylvain Cambreling, ohne den Marthaler, wie er sagt,
das Projekt nicht gemacht hätte. Die Besetzung geht einzeln am Tänzer vorbei, blicken oder nicht,
stoppen kurz oder nicht, gehen ab.
Leichte Langeweile stellt sich ein, denn haben wir den Einfall erstmal durchschaut, empfinden wir
es als Zumutung, ihn auch bis zur letzten Sekunde aussitzen zu müssen... Dann die
überraschende letzte Wendung: Wiederauferstehung wörtlich genommen. Plötzlich kippt das
Zerrbild von den meisten, die es schaffen wollen und doch nicht schaffen, und ruckelt sich zurecht
in eine Stimmigkeit, die ohne die ausgereizte Gala sich wohl so nicht eingestellt hätte: alles passt,
die spärlich gesetzten, aber kontinuierlichen Streicher, durchsetzt von Bläsern und der Mensch auf
der Bühne, der starr ins Publikum blickt und sich angestrengt ausbalanciert.
Die Mühseligkeit des Aufrecht Stehens als die eigentliche Message des Abends? Jedenfalls deutet
Marthaler genau das an, wenn er erwähnt, dass die Musik am Ende, die schon sehr früh feststand,
ihn an „The Unanswered Question“ von Charles Yves erinnert: Alles löst sich auf, es war nichts. Bei
Yves geben die Bläser irgendwann auf, die Frage der Trompete beantworten zu wollen, die
Streicher “who Know, See and Hear Nothing” spielen ungerührt weiter. Hier der Bogen zur zweiten
Schlüsselszene des Abends: Wenn der Herrgott net will, gekonnt wienerisch intoniert von Ueli
Jäggi. Chanson, Schlager, Wienerlied, nichts erspart uns Marthaler. Die dem Wienerlied eigene
Vermanschung von Selbstzufriedenheit und Schicksalsergebenheit wird hier, und auch das ist eine
Leistung Marthalers und seines Ensembles, seiner Stammtisch-Ästhetik enthoben. Sind Gefühle
nicht dieselben auf den großen und den kleinen Bühnen, nur die Verpackung anders? Und die
Abscheu vor dem Schlager reiner Klassismus, weil schlechte Musik in allen Genres zu haben ist ?
Neben dem fast körperlichen Unbehagen über den schunkelnden Moralismus können wir uns der
Melancholie des Wienerlieds genauso wenig entziehen wie der ätherisch Melancholie der Schluss-
Musik: “Gib’s zua, es woa nix.” Die Gala als gescheiterter Versuch, uns in einer Leistungs- und
Werteschau und einer Übertreibung der guten Laune, des Witzes und der glitzernden Kostüme
größer zu machen als wir sind. Ein Versuch, der auch ohne Marthaler’sche Überspitzung schon
unfreiwillig komisch ist: dem Höfischen Empfang nacheifernd, jedoch immer mit irgendwie
verrutschter Perücke oder Dekolleté. Es hat sich ausgefeiert. Er hätte die Auflösung am Ende gerne
noch ausgereizt sagt Marthaler mit leichtem Bedauern. Ich für meinen Teil hätte dem taumelden
Tänzer noch länger zuschauen können. Vorausgesetzt die Musik hätte nicht aufgehört.
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