Urfaust, Globe
Urfaust, Globe
Thorsten Wulff
Faust als Moritat?
Die Gaukler bringen es zum Schluss auf eine einfache Lehre: Trau keinem Teufel. Sich auf einen Handel mit ihm einzulassen, führe nur ins Unheil. Die bunte Truppe mit ihren Instrumenten und roten Mützen auf dem Kopf rahmt diesen Abend im Globe ein. Schon zu Beginn holten sie die Zuschauer vor dem Eingang zum Theaterrund ab. Mit einer Moritat stimmen sie sie auf das Folgende ein. Zunächst bleibt es auch dort grell und laut. Doch dann will Faust wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. So jedenfalls hat es sich der Herr Goethe ausgedacht. Der springt nämlich immer mal wieder aus der Kulisse hervor und wundert sich dann über seine eigenen Einfälle. Denn wir sind ja hier im „Urfaust“. Also einer frühen Fassung, die sich noch nicht ganz mit der späteren deckt. Den Pudel gibt es da zum Beispiel noch nicht. Diesen Einfall finden dann selbst Mephisto und Faust so absonderlich, dass sie nur den Kopf schütteln können. Wer sollte so etwas sehen wollen?
So spielen sie lieber ihre Version weiter. Das Ensemble wechselt dabei die Rollen in Sekundenschnelle. Auch Mephisto bekommt mal den Professoren-Talar übergestülpt, als ein frischgebackener Student Fausts Büro betritt und freut sich diebisch über die Scherze, die er mit dem Naivling spielen kann. Dann ist der Pakt geschlossen: Faust ist seine rein wissenschaftlichen Studien so leid, dass er in weitere Sphären vorstoßen will und neue Erkenntnisse in der Welt der Geister erlangen möchte. Da hat Mephisto natürlich das perfekte Angebot für ihn parat.
Zuerst geht es auch im Globe in Auerbachs Keller. Hier wird ordentlich gesoffen und die Witze geraten schnell unter jede Geschmacksgrenze. Erkenntnisse hier? Fehlanzeige. Danach erblickt Faust bekanntermaßen Gretchen. Ihre unschuldige Jugend lässt ihn neugierig werden. Die will er haben. Doch Mephisto winkt ab. Über die habe er keine Gewalt. Das Interesse von Faust heizt das nur noch zusätzlich an. So nimmt die Tragödie ihren Lauf.
Alsbald jagen die Schauspielenden im Kreis so um die Bretterbühne herum, dass die Zuschauenden immer wieder ihre Stühle verrücken müssen. So bleiben alle stets in Bewegung. Auf immer neuen Stellen des Bühnenrunds spielen sich die folgenden Szenen ab, in denen das streng gläubige, brave Gretchen dem Werben des eloquenten Fausts verfällt, bis sie ihn schließlich in ihr Bett lässt. Die fatalen Konsequenzen bleiben nicht aus.
Die Inszenierung des Globe unter der Regie von Anselm Lipgens versucht den Spagat zwischen Unterhaltung und Ernst. Besonders am Schluss ist der Kontrast hart. Gerade hat der total verzweifelte Faust das dem Wahnsinn verfallene Gretchen in ihrer Gefängniszelle zurücklassen müssen, weil sie sich vor ihm graut, da fallen schon die Gaukler wieder ein und stimmen ihre letzte Moritat an. Aber so erreicht dieser Theaterabend, dass man trotz des tragischen Verlaufs der Geschichte das Openair-Theater in Charlottenburg beschwingt verlassen kann. Ob es diese krassen Brüche gebraucht hätte, ist Geschmackssache. Doch auch diejenigen, denen dieser Klamauk zu groß war, können sich von der ernsthaften Verzweiflung von Faust (Adrian Stowasser) und Gretchen (Lotte Gosch) berühren lassen. Stowasser spielt sehr glaubwürdig seine tiefen Gefühle für Gretchen und die Schuldgefühle, die ihn angesichts der fatalen Entwicklung seiner Eroberung bis ins Innerste plagen. Auch Gosch zeigt Gretchens Entwicklung vom naiven Mädchen zur gereiften Frau sehr überzeugend. Diese Arbeit nimmt eben die Unterhaltung genauso ernst wie den psychologischen Tiefgang von Fausts Erkenntnissuche.
Birgit Schmalmack vom 20.7.26
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