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Erste letzte Sekunde – eine Gala, Kampnagel

Erste letzte Sekunde – eine Gala, Kampnagel

Fabian Hammerl

Gemüse des Jahres


Nur drei Wochen Probenzeit und ein geringes Budget, das waren die außergewöhnlichen Rahmenbedingungen für Regisseur Christoph Marthaler. Trotzdem ließ er sich überzeugen, zum Ende des Sommerfestivals, zum Beginn der Umbauarbeiten und damit verbundener teilweiser Schließung von Kampnagel eine Gala einzurichten. Eine Gala für alle, die noch nie ausgezeichnet worden sind und die es (vielleicht) dennoch verdient hätten. Das ist das Motto für „Erste letzte Sekunde“. Es werden viele Galas hintereinander, im Schnelldurchlauf wechseln sich die Moderator:innen und die Preisträger:innen ab. Die vielversprechendste Nachwuchssopranistin, die endlich fertig gestellte 15 Kilometer lange Regionalbahnstrecke, das beste Gemüse, der Gewinner der 13. Hundeausstellung, die Sumpfdotterblume oder die 257 besten Choreographien des letzten Jahres verdichtet auf zweieinhalb Minuten. So geht es Schlag auf Schlag. Von Marthalers ansonsten gern genutzten Mittel der Verlangsamung ist zunächst nichts zu spüren. Kaum lassen sich die Laudatoren oder die Preisträger:innen ausreden, dann drängt sich schon der oder die nächste ans Mikro. So geht es fast zwei Stunden lang. Diese absurde Gala-Verballhornung vereinigt so viele Ideen für noch zu verleihende Preise, dass jede Auszeichnung wieder eine Überraschung bereithält.

Die bei Galas obligatorischen Musikbeiträge sind dieses Mal aber keine bloßen Einlagen oder Umbau-Pausenfüller, sondern humorvolle, ironische oder kontrastierende Kommentare. Musikalisch ist das auf allerhöchstem Niveau. Die Hamburger Symphoniker und Clemens Sienknecht mit seiner Popband konnten für die Aufführung gewonnen werden und alle Darstellenden sind durchgehend hervorragende Sänger:innen. Erst in der zweiten Hälfte des Abends (Dramaturgie: Malte Ubenauf) gerät die schnurrende Gala-Maschinerie allmählich ins Stocken. Nicht nur dass der in einer Tour ausgezeichnete Ueli Jäggi unübersehbare Zeichen der Ermüdung und der Abnutzung offenbart. Er nimmt die Preise nur noch mit einem fast widerwilligen Achselzucken entgegen. Zumal es natürlich immer derselbe Pokal ist, den er überreicht bekommt. Gleich danach wird er von Liliana Benini wieder in ihre riesige Tasche gesteckt.

Die verwöhnten Marthaler-Fans werden vielleicht seine sonstige noch detailversessenere Suche nach jeder Möglichkeit zur Steigerung der Absurdität oder die grandiosen Bühnenbilder seiner Inszenierungen, die ihrerseits stets geschickt ins Irreale führen, vermissen. Hier gibt es nur zwei Orchesterpodeste und eine Showtreppe. Doch wer nicht den Vergleichsmaßstab früherer Arbeiten und deren Arbeitsbedingungen anlegte, erlebte einen amüsanten, musikalisch brillanten und hintersinnigen Abend.

Am Schluss allerdings spürt man nochmal den Marthaler-Vibe at it‘s best. Als der Tänzer die Showtreppe plötzlich herunterstürzt und bewegungslos auf dem Boden liegen bleibt, spielen die Hamburger Symphoniker ein flirrendes Stück von Lutoslawski. Klänge fliegen über die Bühne, die sich nicht greifen lassen. Ein Ensemblemitglied nach dem anderen geht über die Bühne, direkt an dem auf dem Boden Liegenden vorbei, stockt eventuell kurz, geht aber dann schnellen Schrittes weiter. Die Show ist vorbei, die Gemeinschaft aufgekündigt. Dann rappelt sich der Tänzer unvermutet in die Horizontale auf. Erst kerzengerade, doch dann mit einer merklichen Vorwärtsneigung gen Boden. Er zittert am ganzen Körper und minutenlang sieht es so aus, als würde er jeden Moment vornüber stürzen. Doch er schafft es tatsächlich sich mit letzter Kraft oben zu halten, jedenfalls solange, bis das Licht verlöscht. Von dieser behutsamen Atmosphäre der Verunsicherung, der Verschiebung, der Zartheit und des Inne- und Aushaltens hätte man sich noch mehr an diesem Abend gewünscht.

Birgit Schmalmack vom 24.8.26

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