Red, Kampnagel
Red, Kampnagel
Verschmelzung mit dem Kunstwerk
„The world forgot you, but I won’t.“ Das sagt Eszter Salamon gleich am Beginn ihres Bühnendialogs mit der 1951 verstorbenen deutschen Künstlerin Valeska Gert, die vor den Nazis nach New York fliehen musste. Gert erfand den Ton-Tanz, indem sie als Tänzerin wagte, beim Tanzen Geräusche zu machen. Sie forderte damit die damaligen Tanztraditionen heraus.
Salamon hat eine rote Linie in Schulterhöhe um ihr völlig weißes leeres Bühnengeviert gezogen. Ein Zeitstrahl, den sie in „past“, „present“ und „future“ einteilt. Es wird zu einem klinisch reinen Kunstatelier, das im Kontrast zu Gerts Kellerraum in New York nicht vollständig schwarz gestrichen ist. Im Urzustand am Anfang der Performance ist er noch weiß, doch Salamon schleppt immer neue Farbeimer mit blutroter Farbe herein und nutzt die Wände als ihre Gesprächsleinwand. Ein paar Mal fragt sie, ob Valeska etwas gesagt hätte. Doch es bleibt still. Zeichnet sie zunächst noch klare Linien und Landschaften auf der Vergangenheitsseite, so greift sie danach auf der Gegenwartswand wahlweise zu Schwamm, Farbroller oder Spachtel. In die durchgehend rote Farbfläche, die in die Dreißiger Jahre fällt, skizziert sie mit weißer Farbe drei Skelette. Für die Zukunft holt sie eine Palette mit schwarzer Farbe hinzu: „Tipping point" steht dann dort. Auf diese Zukunftswand klatscht sie kurz danach mit ihrer blonden Perücke, die sie sich vom Kopf gezogen und kurzerhand in den Farbeimer geworfen hat, wieder rote Farbe. Die blonde Mähne hatte sie sich übergestreift, um sich in die „Hexenküche“ zu versetzen, die Gert nach ihrer Rückkehr nach Berlin als Kabarettbühne eröffnet und mit ihren Texten bespielt hat.
Denn eines wird in dieser gut 80minütigen Aufführung klar: Salamon hält den Kipppunkt unserer demokratischen Gesellschaften für greifbar nahe. Nicht zuletzt deswegen ist für sie die Auseinandersetzung mit der expressionistischen Tänzerin, Choreographin, Autorin und Allroundkünstlerin so wichtig. Dennoch gerät ihr Abend, der hier auf dem Sommerfestival seine Weltpremiere feierte, etwas zu plakativ in seinen Botschaften, die Salamon mit ungebrochenem Ernst dem Publikum immer wieder entgegenruft: „This is not a natural desaster“, wiederholt sie mehrmals. Zum Schluss ist sie in ihrem roten Kunstraum zum Teil ihres Gemäldes geworden. Sie selbst verschmilzt mit dem papiernen Hintergrund. Ihr Maleranzug, ihre Schuhe, ihre Haare und ihr Gesicht sind genauso rot wie ihre Umgebung. Salamon schont sich nicht, verlangt aber von den Zuschauenden auch, ebenfalls Teil dieses künstlerischen Prozesses mit ganz klarem Botschaftsimpetus zu werden. Dazu passt auch ihr Verhalten beim Applaus. Sie verbeugt sich nicht, nickt nur von Zeit zu Zeit dem Publikum fast huldvoll zu.
Birgit Schmalmack vom 25.8.26
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