Wir sind am Leben, Theater des Westen
Wir sind am Leben, Theater des Westen
Feier des Lebens
Die Telefone im Konsum Hoffnung an der Oderstraße klingeln ständig. Denn 1990 ist nicht nur ein Jahr des Aufbruchs sondern auch eines des Abbruchs. Wo für viele eine Zeit der Freiheit begann, hieß es für andere ganz von vorne anzufangen. Doch wo gelänge das besser als in der Stadt, die die größte Freiheit verheißt und jetzt allen offen steht?
Nina (Celina dos Santos) hatte sich schon vor dem Fall der Mauer nach Berlin aufgemacht, denn sie hat große Träume. Sie will Musikerin werden. Nun ist ihr Bruder Mario (Markus Spagl) ihr hinterher gezogen. Denn ihn hält nichts mehr in Wittenberg im Friseursalon seiner Mutter, der auch schon mal bessere Tage gesehen hat. Er wird Teil der WG in der Oderstraße. In dem besetzten Haus war im Erdgeschoss einst ein Konsum und in der zweiten Etage das Ostberliner Sorgentelefon. Der Apparat war beim Einzug noch intakt. So fühlten sich die neuen Bewohner:innen in der Pflicht, den sorgenvollen Anrufern mit Rat und Tat weiter zur Seite zu stehen.
Die bunt zusammengewürfelte WG ist ein Querschnitt aus Berliner Freiheitssuchern. Die sozial engagierte Doris (Kathi Damerow), das schwule Paar Bruno (David Nadvornik) und Nando (Daniel Pohlen), das lesbische Paar, das gerade ein Kind bekommt, die Musikerin Nina und jetzt auch ihr Bruder, der sein Schwulsein in Wittenberge streng geheim hielt. Doch das Jahr 90 ist nicht nur erste, das die Teilung der Stadt hinter sich lässt, sondern auch eines, dass die Kurve der Aidstoten in die Höhe schnellen lässt. Diese Problematik macht auch vor der WG nicht halt. Bruno hat sich infiziert und nun zeigt die WG ihre wahren Qualitäten. Sie umsorgt ihn liebevoll bis zu seinem Tod. Dabei spielt auch Frau Rosi Fröhlich (Steffi Irmen), die auf der Suche nach ihren verschwundenen Kindern Nina und Mario ebenfalls in die WG stolpert. Sie ist eine platinblonde hochtoupierte Dramaqueen, die sofort überall ihren Auftritt sucht. Weniger ostdeutsche Provinzlerin als Weddinger Berliner Schnauze im Kunstpelz zu Leopardentop und Latexleggings. Während die Kinder den Auftritt ihrer Mutter sehr kritisch sehen, findet sie zu Bruno sofort einen Draht, auch wenn zunächst über das Thema Perücken, die dieser für seinen Auftritt als Marlene Dietrich benötigt. Doch Rosi hat das Herz am rechten Fleck, das spürt er sofort.
In ihrem Nachwendemusical haben die Macher Peter Plate und Ulf Leo Sommer (Musik und Songtexte) und Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck (Buch und Regie) also viele Themen einfließen lassen. Umbruch, Sehnsucht, Künstlerträume, freie Liebe, neue Familienformen, abgebrochene Lebenswege und die Aidskrise. Musikalisch fügt es sowohl in Musicaltradtionen wie in den Rosenstolz-Sound mit ein. So darf Nina bei einem ihrer Konzerte „Die Schlampen sind müde“ geben. Auch wenn sie sich da schon wieder Willen dem gut zu vermarktenden Popsound, den ihr schmieriger Manager von ihr haben will, verschrieben hat. Vielleicht gibt es also doch eine Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrer Mutter? Diese hatte jahrelang in ihrem Salon für die Stasi gespitzelt. Doch wollte sie es nicht auch nur etwas besser haben, genauso wie Nina, die ihrem Manager für ihre Karriere zu Willen ist, auch wenn sie es gerne vor sich selbst als Ausleben ihrer sexuellen Freiheit deklarieren möchte. Als ihr Bruder ihr dies direkt auf den Kopf zusagt, ahnt man, dass sein Abnabelungsprozess von seinen zwei dominanten weiblichen Familienmitgliedern endlich begonnen hat. Er wird seinen Weg finden, auch wenn seine erste Berliner Liebe Nando weiter zu Bruno hält. Als zum Schluss die Urne mit Grabschmuck hereingetragen wird, ist noch unklar, wer hier zu Grabe getragen wird. Ist es schon Mario, der sich auch infiziert hat? Doch der kommt wenig später von der Seitenbühne herein. Noch ist er am Leben.
Das Musical erreicht es, dass man sich sofort mit den sympathischen Menschen in dieser WG identifiziert. Sie sind zwar nicht ganz klischeefrei, aber dennoch mit so vielen individuellen Schrullen ausgestattet, dass sie zu echten Menschen werden. Einzig Mama Rosie ist so schrill, dass sie schon wieder trashig ist. Diese Leute sind am Leben. Jedenfalls wenn das bedeutet, dass sie dieses bis zum letzten Atemzug auskosten. Ohne zu weinen, wie Bruno immer wieder betont.
Denn Freiheit ist die schönste Stadt der Welt. Und sagt nicht der Mythos von Berlin, dass genau hier die Freiheit zu Hause ist? Zwischen all den Hochhausfassaden, den Abbruchhäusern und Straßenlaternen, die hier auf der Bühne herumwirbeln. So sind diese drei Stunden nicht nur pralle Unterhaltung, sondern halten auch etliche nachdenkliche stille Momente parat. Speziell in der zweiten Hälfte, in denen andere Musicals eher dramaturgisch aufdrehen und direkt auf das stets nötige Happy End zusteuern, erlauben sich die Macher hier, dass etliche reduzierte Bühnenmomente gerade in der zweiten Hälfte zu erleben sind. Natürlich aber nicht ohne dem begeisterten Publikum den allen Hoffnung machenden Song zum Schluss zum Mitsingen und Mittanzen anzubieten: „Wir sind am Leben!“
Birgit Schmalmack vom 4.8.26
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