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Auf Wunder ist Verlass, Kammerspiele

Auf Wunder ist Verlass, Kammerspiele

© Bo Lahola

Zur Heimat erkor ich mir die Liebe





Wie einst auf der Titanic, die Musiker:innen auf der „Deutschland“ spielen für ihr Publikum, obwohl im hinteren Teil des Traumschiffes schon das Wasser steht. Ihre Kostüme für die geplante Show sind schon davongeschwommen, so müssen sie die nehmen, die sie noch retten konnten und den Ablauf improvisieren. Das gefällt Kris (Christoph Schüchner) überhaupt nicht, wollte er doch als souveräner Moderator und heimlicher Regisseur des Ganzen glänzen. Doch schweißen Krisen nicht zusammen? Damit versuchen sich die drei Frauen und zwei Männer des Sänger:innen-Ensembles gegenseitig zu motivieren. The show must go on.

Ausgerechnet Kris Gedächtnis-Fehlleistung zu Beginn gibt das Motto dieses musikalischen Abends in den Kammerspielen vor: Vergaß er doch zu erwähnen, dass der Initiator Ballin für die Reise des ersten Kreuzfahrtschiffes „Deutschland“ mit eigenem Kulturprogramm Jude war. Daran muss ihn erst Katie (Katrin Gerken) erinnern. So widmen sie alle Songs und Geschichten des heutigen Programms den jüdischen Deutschen, die die deutsche Kultur mit ihrem Schaffen bereicherten. Zum Ende mischen sich auch migrantische Stimmen mit in das Programm.

Die Show startet mit einer Provokation, bewusst gesetzt von Friedrich Hollaender: „An allem sind die Juden schuld“, mit diesem Lied hatte er die grassierenden Vorurteile der deutschen Gesellschaft ironisch aufgegriffen. Doch danach geht es hauptsächlich heiter weiter. Denn viele der jüdischen Künstler, die Regisseur Mathias Schönsee ausgesucht hat, bereicherten die unterhaltenden Sparten. Das ändert sich erst, als etliche von ihnen ins Exil gehen müssen.

Es sind viele Bekannte unter den Liedern, die die gut gelaunte Band auf der Bühne anstimmt. „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“, „Kinder, heut’ Abend, da such ich mir was aus“ oder „Sag mir, wo die Blumen stehn“. Kurt Weill und Bertolt Brecht mit Liedern aus der „Dreigroschenoper“ dürfen nicht fehlen. „Soldaten wohnen auf den Kanonen“ wird zum Schlagabtausch zwischen Noelle Ruoss und Lennora Esi. Aber auch Dichter wie Heinrich Heine, Mascha Kaléko und Lessing kommen vor.

Dazu werden die halbrunden bühnenhohen Schalen immer wieder neu arrangiert. Mal bilden sie einen Bühnenhintergrund für die Band, mal einen geschlossenen Raum, mal eine Projektionsfläche für die biografischen Angaben zu den Künstler:innen, deren Werke gerade zu hören sind. Zum Schluss sind auch Vicky Leandros mit „Sorg dich nicht um mich“, Namika mit „Je ne parle pas francais“ und Dinçer Güçyeter mit einem Auszug aus seinem Buch „Deutschlandmärchen“ zu hören.

Doch das Programm ist nicht das, was diesen Abend von an den Hamburger Kammerspielen für das Publikum so mitreißend werden ließ. Es ist das tolle Ensemble auf der Bühne. Die fünf Sänger:innen spielen alle ebenfalls mehrere Instrumente und Milo (Emil Schuler) an der E-Gitarre und Nick (Nicolas Rotermund) am Schlagzeug sind ebenfalls Schauspieler. Milo sogar ein ausgezeichneter Stepptänzer, wie er bei seinem Song „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen“ beweist. Der Regisseur Schönsee hat den Abend auf seine Mitwirkenden auf den Leib geschrieben. Sie sind Teil des Ensembles und dürfen dennoch eine eigene Persönlichkeit und Geschichte mit einbringen. Da ist der ewig nörgelnde Josh (Jascha Schütz), die vor Energie brodelnde Zoe (Ruoss), die zunächst schüchterne Lena (Esi) und die selbstbewusste Ex (Gerken) von Kris, die sich immer wieder für den nötigen Zusammenhalt der Truppe einsetzt. Und schließlich der eitle Kris, der sich eigentlich immer an vorderster Linie im Rampenlicht sieht und erst allmählich erkennt, dass in der Krise der Zusammenhalt wichtiger als Einzelperformance ist. So spielen sie weiter, bis der Kapitän sich von der Brücke meldet und eine überraschende Botschaft für alle hat.

Ein Abend, der die Premierengäste sichtlich begeisterte, mitgerissen von dem sympathischen Ensemble auf der Bühne. Ein Abend, der unterhält und ganz nebenbei ein paar kleine Botschaften bereithält. Zum Glück nicht nur die, die das etwas plakative Motto zu Anfang andeutete. Er blickt nicht nur in die Vergangenheit, sondern weitet die Perspektive auch auf die Gegenwart. Kultur ist eben keine keine konservierte Leitkulturliste, sondern ein Prozess, der in der lebendigen, sich weiter entwickelnden, verändernden Gemeinschaft entsteht. Das durfte man in diesem Programm live miterleben.

Birgit Schmalmack vom 7.9.26

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