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Futur tongueXXX, Kampnagel

Futur tongueXXX, Kampnagel

Maurycyn Stankiewicz

Museum der Intimitäten


Wie wird unser Beziehungsleben wohl in hundert Jahren aussehen? Werden Intimitäten überhaupt noch im direkten Kontakt vollzogen werden oder sind wir in allen Dingen so digitalisiert, dass dies schon unvorstellbar geworden ist? Könnte sein. So stellt Ania Nowak in ihrer Performance „Futur tongue“ die intimen Gesten, Berührungen und Kontaktaufnahmen wie in einem Museum aus. Auf einem kleinen, mit einem Teppich ausgelegten Podest arrangieren sich vier Menschen in halbtransparenten Mänteln zu roten Flipflops in lasziven bis erotischen Posen immer wieder neu. Auf der Plattform ganz analoger Art werden sie zu live animierten Stillleben. Bald klaffen ihre Mäntel weit offen und ihre Körper, die nur mit einer Spitzen-Unterhose bekleidet sind, werden sichtbar. Sie kommen sich näher, auf jede nur erdenkliche Art. Bald kleben ihre Lippen aneinander. Ihre auch schon zuvor verschmierten Lippenstiftmünder lassen sie wie Clowns wirken. Sie scheinen sich die kaum zu verstehenden Wörter gegenseitig in die Münder stopfen zu wollen.

Dann wechselt die Stimmung. Eine der beiden Performerinnen steigt auf die Schulter eines Performers. Die beiden anderen umkreisen sie in stetiger Bewegung. Dabei rufen sie plakative Schlagworte, die man alle aus dem Netz kennt, durch den Raum. Es sind alles Begriffe, die in einem stetigen Strom durch die Aufmerksamkeit heischenden Medien fließen. Gleichzeitig erscheinen die Schlagworte auf den Leinwänden. Man kann sie in vielen Sprachen mitlesen. Ob sie dadurch schon an die babylonische Sprachverwirrung erinnern, wie das Programmheft andeutet, scheint für heutige Verhältnisse mit allgegenwärtigen Translator-Optionen nicht mehr ganz passend.

Wie sie die Bewertung des zuvor auf dem Podest ausgestellten beeinflussen, die Frage aber taucht unwillkürlich auf. Auch ob darin schon ein Widerstand und Aufbegehren gegen den um sich greifenden Rechtsruck, der den Diskurs in den Gesellschaften nicht zuletzt durch die Besetzung der Medien beeinflussen will, zu verstehen wäre. Denn darauf wollte Nowak mit ihrem Stück hinweisen, das sie 2018 in Warschau entwickelte, zu einer Zeit, in der die PiS eine Kulturpolitik betrieb, die auf Nationalismus und Traditionalismus setzte. Sie stellte dagegen queere Lebens- und Liebesentwürfe in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. 2026 wirkt das in Deutschland nicht mehr so provozierend und widerständig. Oder vielleicht einfach: Noch nicht? War Polen Deutschland lediglich ein paar Jahre voraus? Könnten auch wir die Freiheit bald nur noch im Museum betrachten? Und wäre damit dieses Stück hochaktuell? So geriet man am Ende eines die Geduld besonders in der ersten Hälfte strapazierenden Stückes doch noch ins Nachdenken, allerdings wohl eher, wenn man die Gelegenheit zu einem anschließenden Publikumsgespräch mit Nowak nutzte.

Birgit Schmalmack vom 29.8.26.

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