Keeping Score, Kampnagel
Keeping Score, Kampnagel
Joshua Geyer
Kampf gegen den Krebs
Ein Drama in drei Teilen: Zu Beginn des letzten lässt sich Jacob Jonas von zwei Tänzern an Armen und Beinen in die Höhe heben und nach einem „Drop!“ von ihm lassen sie ihn los und er fällt mit einem lauten Knall aus Hüfthöhe ungebremst auf den Boden. Das wiederholen sie nach seiner Aufforderung etliche Male. Es ist ein eindringliches Bild für die Herausforderung, die Jonas in seinem Leben zu meistern hatte. Diese ließ ihn, als knapp dreißigjähriger Tänzer und Choreograph an Krebs erkranken, wahrscheinlich, weil er zehn Jahre ein Medikament gegen Morbus Crohn genommen hatte, von dem er jetzt erfuhr, dass es als krebserregend gilt. Mit dieser Herausforderung setzt er sich in seiner ersten Choreographie, in der er immer auf der Bühne präsent ist, nach der überstandenen Krebserkrankung auseinander. Er schont sich dabei selbst nicht, aber auch nicht sein Ensemble. In der intensiv körperlichen Bewegungssprache, die er mit den Tanzenden dafür entwickelt, geht er mit keinem zimperlich um. Auch die Ensemblemitglieder untereinander nicht. Sie schubsen, werfen und droppen sich während der dreiteiligen Arbeit ohne falsche Rücksicht. Dafür tragen sie Knieschützer. Ansonsten wenig Kleidung. So sieht man ihre muskulösen Körper arbeiten. Verständlich also, dass sie nach dem zweiten Teil eine längere Pause brauchten, um sich für den letzten Teil „Restart“ wieder zu regenerieren.
In den beiden Teilen zuvor hatte er sich zunächst der Trennung seiner Eltern gewidmet und dann den Strapazen der Chemotherapie mit ihren etlichen Infusionszyklen. Im ersten zeigte er dazu Filmaufnahmen seiner streitenden Eltern, vor denen ein kleiner Junge sitzt und ihnen zuschaut. Auch seine Großmutter taucht auf, die ihn mit Geschichten vom Elefanten Babar zu trösten versucht. Der Live Schlagzeuger Antonio Sanchez bestimmt mit seiner Musik maßgeblich diesen ersten Teil, der etwas von der Wut spüren lässt, die auch die Tänzer:innen antreibt. Sie sind ständig in Bewegung, mit einem energie- und frustgeladenen Ausdruck, der nie zur Ruhe kommt. Zu Beginn des zweiten Teils liegt Jonas auf einer Krankenhausliege vor den Zuschauerreihen. Wenig später tauscht er diesen Platz mit dem kleinen Jungen, der dann am Rande der Bühne liegen bleibt, während auf der Mitte der Kampf gegen den Krebs beginnt. In diesem Teil singt ein Chor, der zum Teil der Performance auf der Bühne wird, wunderschön harmonische Lieder, die meist im krassen Kontrast zu im Tanz dargestellten Kampfesszenen steht. Doch das mag genau den Widerspruch zwischen dem Zurückgeworfensein auf das eigene Selbst und dem Zerstörungsprozess der Chemotherapie ausdrücken. Einerseits kommt ein Mensch durch eine lebensbedrohliche Krankheit der Natur sehr nahe und andererseits ist er der chemischen Medikamentenkeule ausgeliefert.
Jonas hat eine Tanzsprache entwickelt, die aus Streetdance, Breakdance und Akrobatik eine extrem kräftezehrende Mischung entstehen lässt. Sie ist anstrengend, schweißtreibend und keine Sekunde langweilig. Die Tanzenden sind für diese Arbeit fast immer dem Boden verhaftet. Ihre Hebungen währen nur kurz. Stets knallen sie sofort danach wieder auf den Bühnenboden. In die Höhe schaffen sie es nur in einer kurzen Sequenz im dritten Teil. Da gibt es eine Ahnung davon, wie ein Neuanfang aussehen könnte, der die unbeschwerte Leichtigkeit ohne Krankheit erahnen lässt. Da springen und wirbeln die Tanzenden plötzlich mit einer Gelöstheit über die Bühne, dass der Kontrast erst richtig auffällt. Doch diese kurze Phase ist schnell wieder vorbei. Denn auch nach dem Ende der Therapien fällt die Rückkehr ins vorherige Leben und Arbeiten schwer, da sich das Niederdrückende dieser Erfahrung der Todesnähe nicht so leicht abschütteln lässt.
Jonas‘ beeindruckendes Stück kann die Zuschauenden nicht kalt lassen. Es reißt in den Strudel der existenziellen Bedrohung hinein. Obwohl die Thematik der drei Teile unterschiedlich ist, verändert sich die einzigartige Tanzsprache des Ensembles nicht im selben Maße. Zu sehr steckt die Erfahrung dieser überstandenen Bedrohung noch in den Knochen aller Beteiligten. Doch zum Schluss erkennt Jonas aus dem Off: „In der Verwirrung, im Nicht-Wissen liegt die Freiheit. So schließt dieser Abend: „Für heute erstmal Gute Nacht. Bis morgen die Sonne wieder aufgeht.“
Birgit Schmalmack vom 31.8.26
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