Bazm (Repertoire), VASTA, Radialsystem
Bazm (Repertoire), Radialsystem
Vahid Amanpour
Grundlagenklärungen
Bazm (Repertoire), VASTA, Radialsystem
Wie kann man sich wieder anderen Menschen annähern, wenn ein verstörendes Ereignis das Leben durchgerüttelt hat? Um eine neuerliche Begegnung überhaupt möglich zu machen, muss man sich wohl wieder zunächst der eigenen Ressourcen versichern. Danach gilt es gewissermaßen durchzubuchstabieren, welcher Sprache man sich bei dem erstmaligen Zusammentreffen bedienen könnte, ohne missverstanden zu werden. Wie sieht dieses Überprüfen des Vokabulars nun aus, wenn es rein auf der körperlichen Ebene stattfinden soll? Das versucht der iranische Choreografen Armin Hokmi in seinem Projekt „Bazm (Repertoire)“, das jetzt im Radialsystem seine Deutschlandpremiere feierte, herauszufinden. Wie in einer sehr genauen Versuchsanordnung kommen seine zehn Tänzer:innen einzeln, zu zweit oder in größeren Gruppen auf die weiße Bühne. Ähnlich wie Figuren in einem Spiel analysieren sie ihr Bewegungsvokabular akribisch. Gelenk für Gelenk, Extremität für Extremität nehmen sie sich vor und probieren aus, welches Gefühl, welcher Ausdruck sich damit erzielen lässt. Dabei reduzieren sie bewusst ihre Möglichkeiten. Die Hände ruhen über weite Strecken auf der linken Hüfte. In dieser reduzierten Haltung werden zunächst nur die Schultern gekreist, gehoben, vor- und zurückgeschoben. Fast völlig synchron werden die Bewegungen ausgeführt, wie um sich gegenseitig abzusichern, dass man sich auch versteht und auf eine Sprache einigen kann. Erst wenn diese Grundlage gelegt ist, kommen weitere Mitredner:innen auf die Bühne und stimmen mit ein. Bis ein oder zwei von ihnen minimal von den gemeinsamen Buchstaben der neuen Kommunikationsplattform abweichen. Dann verschwinden sie wieder von der Bühne und starten einen neuen Versuch, jetzt mit den Beinen, die leicht vor- und zurückgeschoben werden, oder mit den Füßen, die ansatzweise zur Seite gedreht werden.
Bis zwei von ihnen es wagen, die Hände nacheinander auszustrecken, braucht es eine geraume Zeit. Doch zum direkten Kontakt kommt es dann immer noch nicht. Erst in der allerletzten Szene erreichen ein paar der Tänzer:innen eine Vertrauensbasis, dass Körperkontakt denkbar ist und ausprobiert werden kann. Immer zwei von ihnen berühren sich für wenige Minuten an der Schulter, an der Hüfte oder sogar an der Taille.
Augenkontakt ist auf dieser Basis viel zu risikoreich. Er wird nur selten gewagt. Man guckt stattdessen lieber ausdruckslos in die Ferne, denn die Grundlage einer Verständigung ist dafür noch viel zu instabil. Jeden Moment könnte wieder der frühere Konflikt aufbrechen, der gerade vorüber ist. Denn „Bazm“, der Titel des Stückes ist in Farsi der Ausdruck für ein Zusammentreffen nach einer überstandenen Krise, einer Auseinandersetzung oder einem Krieg. In dieser nachfolgenden Zusammenkunft ist vieles möglich. Es ist der Versuch einer vorsichtigen Wiederannäherung, für die es zwar ein Wort, aber keine vorbestimmten Inhalte gibt. Man kann zusammen Musik machen, essen, sprechen oder eben versuchen zu tanzen. Wie diese Grundlagenlegung aussehen könnte, zeigt Hokmi eindrucksvoll. In der konsequenten Reduzierung seines Bewegungsmaterials liegt die besondere Leistung seines Teams. Seine Performer sind Profis, die jeden Muskel in ihrem Körper einzeln und gezielt ansteuern können. Gerade in dieser kontrollierten Konzentration auf sehr wenige Mittel wird die Besonderheit dieses Abends sichtbar.
Als Doppelabend mit VASTA bereichern sich beide Arbeiten gegenseitig. Auch Lina Gómez reduziert ihre Mittel in ihrem Solo sehr bewusst. Nur mit einer langen Hose bekleidet, verdecken einzig ihre lockigen Haare ihre Brust. Sie schreitet die ganze Zeit rückwärts, immer im Kreis herum. Ihre Hände hält sie in zwei energisch zusammengepressten Fäusten vor dem Bauch. Sie wird weder die Hände öffnen, noch wird sie ihr Gesicht bis zum Ende ihrer Choreographie zeigen oder die Richtung wechseln. Denn die Zukunft ist für sie nur zu begreifen mit dem Blick in die Vergangenheit. So versucht sie sich mit ihren verstorbenen Großmüttern und mit den Traditionen ihrer jeweiligen Herkunftsländer zu verknüpfen, um sich so ihrer Wurzeln zu versichern. In kolumbianischen und brasilianischen Ritualen findet sie ihre Energie, die sie in die kraftvollen Bewegungen ihres Rückens, ihrer Hüften, ihres Beckens, ihrer Körpermitte leitet. Genau in dieser meditativen, tranceartigen Versenkung in die langerprobten, rituellen Bewegungen vergewissert sie sich ihrer heutigen Stärke und Kraft.
Eine Arbeit, auf die man sich einlassen muss. Jedoch gerade in der meditativen Wiederholung immer fast gleicher Bewegungen, die sich nur leicht verändern, kann die Arbeit einen Sog entfalten. Als der Perkussionist Aduni Guedes einfühlsam mit in die Performance einsteigt und mit seinen Trommeln den Live Soundtrack von Andrea Parolin unterstützt, wird dieser immer stärker, so dass man sich ihm zum Schluss kaum noch entziehen kann. Dennoch hofft man bis zum Verlöschen der Lichter, dass Lina Gómez ihr Gesicht von den Haaren befreit und gerade ins Publikum schauen mag. Doch diesen Befreiungsschlag gönnt sie weder sich selbst noch ihrem Publikum. Ob sie diesen Schritt nach dem letzten Ton wagen wird, bleibt genauso der Fantasie der Zuschauenden überlassen, wie Hakmi in Bazm die Aufnahme eines nun eventuell möglichen Tanzgesprächs seiner Kommunikationsforschenden nicht mehr auf der Bühne zeigt. Die jeweilige Weiterführung mag sich also nach dem Verlassen des Bühnenraumes in denjenigen Köpfen der Zuschauenden abspielen. Sie mögen entscheiden, für wie belastbar sie die jeweils gefundene Grundlage des Neuanfangs halten.
Birgit Schmalmack vom 27.7.26
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