Bonnie 'Prince' Billy/ "LEVITATION"
Stefan Rusconi und Tobias Prei
Foto: Charlie Spiegelfeld
Feiern der Ruhe, Besinnung und Gemeinschaft
Wir sind wieder zusammen („We Are Together Again“), diesem Albumtitel wurde das Konzert von Bonnie 'Prince' Billy im Rahmen des Sommerfestivals in der St. Getrud Kirche auf jeden Fall gerecht. In der bis auf den allerletzten (Steh-)Platz gefüllten Kirche ergab sich am Montagabend ein intensives Gemeinschaftsgefühl, das Bonnie ‚Prince‘ Billy mit seinem Kammerensemble erzeugte. Sein wunderschön schwebender Gesang, der sich auch mal zu emotionalem Ausrufen steigern konnte, formte in der Zuhörerschaft ein fast meditatives Zusammengehörigkeitsgefühl, das wohl gerade in diesen Zeiten nicht nur in den USA dringend gebraucht wird. Mit dem reduzierten Team seiner fünf Musiker, die zwischen Saxophon, Klarinette, Querflöte, Keyboard, Schlagzeug und Gitarre hin- und herwechselten, flogen die harmonischen Klänge durch den Kirchenraum.
Doch bei Bonnie ‚Prince‘ Billy sind die Texte genauso wichtig wie die Musik. Sie sind wie gesungene Gedichte. Deswegen verzichtet der Ausnahmemusiker in Hamburg auch fast ganz auf eine direkte Ansprache des Publikums. Er lässt seine Songtexte sprechen. Konnte man sich schon in die erzeugten Klangmäntel wunderbar kuschelig einwickeln, so sprechen die Texte zusätzlich von der Wichtigkeit von Freundschaft, Liebe, Zuversicht und Vertrauen. Jeder von uns brauche einen Freund namens Joe, heißt es in einem Lied. In einem anderen: „If I could, I would draw something beautiful into the holes that were punched into your heart“. („Wenn ich könnte, würde ich etwas Schönes in die Löcher zeichnen, die in dein Herz gestanzt wurden.“) Und er ruft auf zum Zusammenhalt gerade in schwierigen Zeiten: „Why is the lion still here, outside? Why is our bravery tested? Haven't we proved that our love can't be moved?” („Warum ist der Löwe noch hier, draußen? Warum wird unser Mut auf die Probe gestellt? Haben wir nicht bewiesen, dass unsere Liebe unerschütterlich ist?“) Doch zum Schluss entlässt er sein Publikum mit einem „In good faith“. Es geht beseelt und bestärkt aus dem Kirchensaal.
Am Tag zuvor in der St. Gertrud Kirche konnte ein weiteres Konzert das Publikum In eine noch meditativere Stimmung versetzen, wenn auch mit einem wesentlich kleineren Zuhörerinnenkreis. Nur die obere Etage der Kirche war geöffnet, damit man auf einer Ebene mit den beiden Musikern bleiben konnte: Stefan Rusconi an der Kirchenorgel und Tobias Preisig an der Violine und den Electronics. In einer Mischung aus sensibler Improvisation und festgelegter Komposition erfinden sie zusammen Klangräume, die man so noch nie betreten konnte. Flirrende Sphärentöne wabern durch die hohen gotischen Räume, in die man sich hineinfallen lassen kann. Wie in „Continium“ werden sie zu einem wiederkehrenden Mantra, das immer neue Schichten offenlegt. In „Drops“ fallen Preisigs Töne wie Wassertropfen in den See aus Rusconis Orgelarrangements. In „Rewind“ kommen sie zusammen in einem mitreißenden Strom der sich gegenseitig antreibenden Euphorie. So wird das Konzert zum Albumrelease von »Palimpsest«, genau an dem Ort, an dem es entstand und aufgenommen wurde, zu einem Ereignis der Klangkunst, das, wenn man sich darauf einlassen mochte, das Sommerfestival um ein besonderes Erlebnis bereicherte.
Birgit Schmalmack vom 11.8.26
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