If I was real, HALLE - cie. toula limnaios
If I was real, HALLE
cie. toula limnaios
Zwischen Realität und Traum
Mit einer Doppelaxt in der Hand kommt der Tänzer auf die Bühne. Kraftvoll schwingt er das schwere Gerät durch die Luft. Auch dicht vor den Zuschauerreihen, immer mit der drohenden Gefährlichkeit des scharfen Werkzeugs spielend. Hinter dem Gazevorhang stehen derweil die anderen Tänzer:innen in einer Reihe. Wartend, beobachtend, aber auch entrückt. Als sie hervorkommen, tauschen sie zunächst ihre schwarze Kleidung. Die Frauen ziehen sich die Hosen und die Männer die Röcke über. Dieses Ritual werden sie noch mehrmals an diesem Abend vollziehen. Sie versetzen sich kurz in die Rollen der anderen hinein und schlüpfen wieder zurück, um so ihre Wahrnehmungsebenen zu erweitern. Wir wären so gerne jemand anderes. Jemand, der anderen hilft. Jemand, der mehr Sport macht. Jemand, der öfter in den Wald geht. Jemand, der mehr träumen darf. All das äußern die Tänzer:innen, wenn sie vorne am Bühnenrand einzeln nacheinander mit dem Halbsatz beginnen: „If I was real“.
Der Fokus der Aufmerksamkeit verschiebt sich an diesem Abend ständig. Die möglichen Wirklichkeiten verschwimmen hier stetig. Festzuhalten sind diese Welten, die Toula Limnaios in ihrer Arbeit, die sie 2013 mit ihrem Ensemble erschaffen und jetzt anlässlich des 30-jährigen Bestehens ihrer Compagnie wiederaufgeführt hat, nicht. Denn das sollen sie auch nicht erfüllen. Sie sollen das Geheimnisvolle, das Rätselhafte und nicht zu Ergründende bewahren. Denn genau an dieser Schnittstelle des Lebens spielt diese Arbeit, die sich auf den Text von Albert Camus „l’envers et l’endroit“ (Licht und Schatten) bezieht. „Es gibt keine Liebe zum Leben ohne Verzweiflung am Leben“, so Camus.
Dazu verschwinden die Performer immer wieder aus der vermeintlichen Realität in eine Traumwelt und wechseln auf diese Weise beständig zwischen den Wirklichkeiten hin- und her. Das wird verstärkt durch die Gleichzeitigkeit der sich vor und hinter dem Vorhang abspielenden Vorgänge. So wechseln Situationen der Verbundenheit mit solchen der Entfremdung und der Vereinzelung. Mal wird eine Frau sicher auf den Händen des Ensembles in die Höhe gehoben und dort in der Höhe von einer Position sicher in die nächste getragen. Mal wird eine andere von zwei Männern auf ihren Pumps hin- und hergeschoben, als wenn sie eine starre Puppe wäre. Mal wird wiederum eine bis auf die hautfarbene Unterwäsche ausgezogene Tänzerin von einer anderen bis ins kleinste Detail gefilmt. Die Live-Kamerabilder werden dabei vergrößert auf die Gazewand projiziert.
Kurz vor Ende kommt ein Tänzer mit einem Hut, auf dem eine Kamera befestigt ist, auf die Bühne. Mit ihr kann er den Mann hinter dem Vorhang filmen und dessen Bewegungen auf den Vorhang projizieren, und zwar gleich in einer mehrfachen Vervielfältigung. Verwirrend auch dies. Wenn dann der filmende Tänzer seinen Blick an die Decke richtet, sieht die Kamera nur noch die Bühnenlichter. In rasender Geschwindigkeit dreht er sich wie ein Derwisch um sich selbst und die Lichterstreifen sausen wie er im Kreis herum. Dieser Lichterreigen beschließt diese beeindruckende Arbeit, die die Zuschauenden eine Vielfalt von Realitäten erleben ließ. Die Tanzsprache von Limnaios ist dabei so innovativ wie die technische Umsetzung. Dabei spielt die Musik von Ralf Ollertz eine wesentliche Rolle, denn sie unterlegt die Choreographien seiner Partnerin nicht nur mit einem unterstützenden Soundtrack, sondern ist stets eine eigenständige Komposition. So entstehen in der HALLE seit 30 Jahren Gesamtkunstwerke der besonderen Art, deren (Wieder-)Entdeckung sich immer noch lohnt.
Birgit Schmalmack vom 24.7.26
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