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Mama Odessa, Kammerspiele

Mama Odessa, Kammerspiele

Foto: Bo Lahola

Tragische Leerstellen

Das rote Ledersofa hängt mit einem Bein in der Luft. An der Rückwand stehen lauter Umzugskartons. Auf dem Boden liegt ein großer bunter Teppich. Die Wohnung im Grindelviertel ist seit dem Tod der Mutter leer. Sohn Mischa ist dabei, sie auszuräumen. Dabei stößt er auf vieles, was er nicht wusste oder verdrängt hatte. Die Mutter blieb in der Hamburger Wohnung, während er zunächst nach München und dann nach Berlin zog. Mehrmals wöchentlich machte es „ring, ring“ und sie nervte ihn wieder mit einem ihrer Wünsche, Vorwürfe oder Mahnungen. Um sie eine Zeit lang ruhig zu stellen, besorgte er ihr schließlich einen Verleger. Denn das war immer ihr Traum gewesen: Eine Schriftstellerin zu werden. Doch nun war es ihr Sohn, der ihr zuvorgekommen war. Sie brachte ihr erstes Buch im Alter von 73 Jahren heraus. Ihre erste Lesung gibt sie im Jüdischen Salon um die Ecke ihrer Wohnung. Als sie vorsichtig lächelnd vor ihr Publikum tritt, muss sie erst das Buch ihres Sohnes vom Lesepult nehmen, um ihr eigenes darauf zu platzieren.
Diese komplexe Mutter-Sohn-Beziehung schildert in den Kammerspielen Kai Wessels Inszenierung des Romans „Mama Odessa“, in dem Maxim Biller leicht verfremdet seine eigene Biographie bzw. die seiner Mutter schildert. Deren Geburtsort hat er von Baku nach Odessa verlegt, aber ihre Flucht nach Prag und von dort weiter nach Hamburg stimmt mit der tatsächlichen Route überein. Auch seine eigenen Umzüge weiter nach München und dann nach Berlin entsprechen der Wahrheit. Doch was bedeutet in diesem Zusammenhang schon Wahrheit? Hat nicht jeder seine eigene? So schildert auch seine Mutter in ihrem Buch alles aus ihrer Sicht. Manchmal stibitzte Mischa auch seiner Mutter ihre Geschichten, indem er sie schon zuvor für seine eigenen Werke benutzte. So freute sich die Mutter einerseits über ihren Sohn, der ihre eigenen Träume verwirklicht, und neidet ihm andererseits auch seinen Erfolg. Und er erbt von ihr ihre innere Heimatlosigkeit, die sie nie wieder ein richtiges Zuhause finden ließ. Da ist der Umstand, dass Mischas Vater sie wegen einer „Nazi-Braut“ verlässt und sie allein in der Wohnung zurückbleibt, auch nicht förderlich. Ihren eigenen Vater musste sie in Odessa zurücklassen und konnte ihm nicht in seinen letzten Stunden die Hand halten. Nun hat sie nur einen dringlichen Wunsch an ihren Sohn: Lass mich am Ende nicht alleine. Bitte sei still, wehrt Mischa ab. Ich sage, was ich will, ist ihre Antwort.
Kai Wessel wollte sich in seiner Inszenierung ganz auf die Dialoge seiner beiden Protagonisten verlassen. Auf der fast leeren Bühne telefonieren, streiten und versöhnen sich die Beiden, mitunter auch über weite Distanzen, obwohl sie gemeinsam auf den bunten Teppich stehen. Er verzichtet auf weitere Mittel, selbst auf Musik So ist Adriana Altaras beinahe alleine für etwas Gefühl auf der Bühne zuständig. Florian Lukas bleibt in seinem Spiel so spröde wie die Inszenierung. Er wehrt ab und versucht möglichst jeder Emotion aus dem Weg zu gehen, auch weil er wohl ahnt, dass er ihr nicht gewachsen ist. Schon gar nicht von dieser Frau, die trotz ihres Alters und ihrer Einsamkeit eine ungeheure Kraft besitzt, der er nichts entgegen zu setzen hat. So lebt diese Inszenierung eher von den Leerstellen als von dem Gezeigten. Angesichts all der Heimatlosigkeit aber erscheint so tragischer Weise gerade die Familie die einzige Möglichkeit zur Verwurzelung und dennoch wohl auch die größte Bürde um neue Verbindungen zu finden.
Birgit Schmalmack vom 2.2.26

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NDR
 
 

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