hamburgtheater

..... Kritiken für Hamburg seit 2000

To My Little Boy, Thalia

To My Little Boy - Held aus Polyester, Thalia

© Katrin Ribbe

Wenn der Halt verschwindet


Er hat sich vorgenommen die Welt zu verbessern. Deshalb ist er Geologe geworden und forscht zu nachhaltigem Rohstoffabbau und zum Recyclen von Bergbauabfall. Welch eine krasse Überforderung das ist, angesichts des Rohstoffhungers der Welt, muss er in der Mitte seines Lebens feststellen. Der Irrsinn der ausbeuterischen, nur an ihren eigenen Vorteil denkenden Menschheit führt ihn in eine Schraube des Zweifels an sich und der Welt. Einzig mit einem Plüschschwein, das er, seit er zwölf ist, besitzt, kann er diese Gedanken teilen. Gerade in diesem aus Plastik hergestellten Tier namens Tupper (grandios komisch: Cino Djavid im rosa Ganzkörperplüschanzug), das quasi ewig leben wird, weil seine Bestandteile sich nicht abbauen lassen, findet er einen Zuhörer, der mit lakonischen Kommentaren seine davongaloppierenden Gedanken spiegelt und erdet. Doch dann ist Tupper verschwunden. Auf einer Konferenz in Peru hat Aaron ihn liegen lassen. Damit hat er seinen letzten Halt verloren.
Als er erfährt, dass seine Chefin und Freundin Anouk (Cennet Voß) schwanger ist, lautet seine Antwort: ok. Aber eigentlich findet er es überhaupt nicht ok, ein Kind in diese Welt zu setzen. Geradezu unverantwortlich. Was wird dieses erwarten? Ein Leben inmitten von Klimakatastrophen und Kriegen?
Anouk rät ihn zu einer Auszeit. Aaron fährt zu seinen Eltern, in ein nicht unproblematisches Elternhaus. Streng evangelikal, der Pastorenvater immer einen frommen Spruch auf den Lippen, die Mutter voll der einfältigen Besorgtheit, aber ohne wahres Verständnis für den Sohn. Hier wird alles verschwiegen, was nicht passt. Der Vater versteckt seine Homosexualität und kann auch deswegen zu seinem ebenfalls schwulen Sohn keine aufrichtige Beziehung entwickeln. Fast vorhersehbar scheitert Aaron an dem Versuch Lebenspartner zu finden. Seit dem Auszug von Lennart ist da nur noch sein Tupper. Auch das Wiedersehen seines schwulen Jugendfreundes Ulf (ebenfalls Cino Djavid als bodenständiger Dachdecker) führt nicht zu dem erhofften Ausgang.
Autorin Caren Jeß hat für das Thalia Theater einen vor Sprachwitz funkelnden Text geschrieben. Er gibt Aaron Worte für seine grenzenlose Überforderung und zunehmende Verzweiflung, brillant formuliert, wortspielerisch, selbstironisch und humorvoll. Regisseurin Marie Bues lässt Torben Kessler sehr viel Raum, um den Text in allen Facetten zum Schillern zu bringen. Kessler zelebriert, animiert und tänzelt seine sprudelnden Gedanken auf der Bühne zwischen den wenigen Stoffgebilden, die sich heben und senken können. Mit seinen Gefährten Tupper und Anouk wird daraus eine lebenspralle Geschichte, die die heutige Verfasstheit vieler aufs Beste wiedergibt und dennoch eine Leichtigkeit versprüht, die angesichts seiner depressiven Hauptperson erstaunlich ist.
Birgit Schmalmack vom 26.1.26

Zur Kritik von

hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000