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Giselle - A summary, Thalia

Giselle - A summary, Thalia

© HATORI Naoshi

Charmantes Kabinettstückchen


Ein Staubwedel entlarvt den Grafen Albrecht, der sich als Bauer Loys ausgegeben hat, um dem Bauernmädchen Giselle den Hof zu machen. Denn der Staubwedel ist eigentlich ein Schwert, das nur Adlige besitzen. Aber in der Interpretation der romantisch-verklärten Balletthandlung durch die ehemalige Primadonna Hana Sakai in ihrer Garderobe ist alles etwas anders. Hier ist eben ein Staubwedel gerade zur Hand, als das Schwert benötigt wird, sowie sie zu einer Farbrolle greift, als sie in ein Horn blasen möchte.

Sakai hat diese Rolle so häufig getanzt, dass sie Zeit genug hatte, um sich ihre Gedanken zu dem Stück zu machen. Zum Beispiel fragt sie sich: Warum tanzt die Landbevölkerung eigentlich Ballett? Wahrscheinlich doch eher Volkstänze? Und ist das tragische Ende nicht höchst unlogisch? Kurzerhand bringt sie in ihrem Giselle-Tutorial für ihre YouTube-Follower eine Änderung unter: Sie lässt Giselle die Halskette, die ihr Albrechts eigentliche Verlobte schenkt, in der Garderobe liegen. Doch die letzte Szene ohne diese Kette macht keinen Sinn. Also hetzt ihr zweiter Verehrer von der Bühne, um die Kette zu holen. Doch er kommt zu spät, die herzkranke Giselle liegt schon am Boden.

Ganz realitätsnah wird Sakais YouTube-Auftritt immer wieder von Werbung unterbrochen. Dann spricht ihre Stimme wie ferngesteuert einen Werbetext, bis sie diesen mit einem energetischen „Skip“ abbricht und wieder zu ihrem Gisellethema zurückkehrt. „Giselle-A Summary“ unter der Regie von Toshiki Okada ist ein kleines, charmantes und humorvolles Kabinettstückchen geworden, aber man darf sich fragen, wie es in das Programm der Lessingtage gerutscht ist, Die großen ethischen Fragen werden hier sicher nicht verhandelt.

Birgit Schmalmack vom 6.2.26

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