Attack on the National Stary Theatre, Thalia
Attack on the National Stary Theatre, Thalia
© HaWa
Beunruhigend viele offene Fragen
Auf der großen Bühne des Alten National Theaters in Krakau soll es die „Befreiung“ (das gleichnamige Stück von Stanisław Wyspiański) geben. Mit viel Tamtam, ausdrucksstarker Symbolik und aufwändiger Kostümierung bekommt der mächtige Konrad die Gelegenheit, seiner Rolle als Nationalheld gerecht zu werden. Schon deklamiert er mit viel Inbrunst seine hehren Ziele, da wird er plötzlich unterbrochen. Maskierte Terroristen stürmen das Theater, richten ihre Maschinenpistolen auf Schauspielende und Zuschauende. Nach der späteren Stürmung des Theaters durch Spezialkräfte sind viele Tote zu beklagen.
Dieser fiktive Überfall auf eine polnische Kultureinrichtung bildet das Setting für „Attack on the National Stary Theatre" von Jakub Skrzywanek und Jan Czapliński. Als Gastspiel im Rahmen der Lessingtage im Original mit englischen Übertiteln wurde es zu einer Herausforderung für das Hamburger Publikum, denn es gab viel Text, der meist rasend schnell gesprochen wurde. Doch auch auf der Bedeutungsebene gab es einiges an Irritierendem und Verstörendem. In der Pause liegen plötzlich Dutzende von Leichensäcken im Foyer. Das Grauen rückt bedrohlich dicht an die Zuschauenden heran. Mit pathetischen Überschwang werden, während die Pausengäste noch ihre Wein- und Sektgläser in den Händen halten, Gedenkreden gehalten und Gebete für die Verstorbenen vorgetragen. In ähnlicher Tonlage geht es danach auf der Bühne weiter.
Fünf Jahre später findet nämlich an gleicher Stelle des National Stary Theatres eine Gedenkfeier statt. Der Moderator, der damals selbst seine Frau verlor, gefällt sich in der Rolle des durch seinen Schicksalsschlag gereiften Mannes, der seine neu errungene Stärke mit peinlich kitschigen Liedern und Gedichten belegt. Zur Seite steht ihm eine junge Achtsamkeitstrainerin, die allen immer noch Trauernden die Unfähigkeit zur Aufarbeitung unterstellt. Zusammen mit der Musikerin am Keyboard gebärden sich die Drei wie eine Sekte des positiven Denkens, die alle drängenden Fragen nach Gründen und Ursachen des Anschlags unter den Teppich kehrt. Dass diese durchaus ihre Berechtigung hätten, zeigen die schnell geschnittenen Videoclips, die Regierungsvertreter, Reporter, den Präsidenten und sogar Trump zeigen, wie sie alle das Geschehen in ihrem Sinne interpretieren und benutzen.
Dann wieder ein Zeitsprung: Acht Jahre nach dem Terrorakt will ein Regisseur ein Stück zu dem Geschehen auf dieselbe Bühne bringen. Der Darsteller des damaligen Konrad ist Teil des Ensembles. Doch über die erste Probe kommt dieses ambitionierte Projekt nicht hinaus. Zu sehr streiten sich die Beteiligten über mögliche Ziele und eingesetzte Mittel. Zum Schluss bleibt der Regisseur alleine mit einer Schauspielerin auf der Bühne zurück. Und diese entwirft eine ganz andere Vision, während hinter ihr ein riesiger rotglühender Sonnenball aufgeht. Könnte nicht durch einen solchen Anschlag auch der Zusammenhalt einer Gemeinschaft neu gefestigt werden? Oder wie der Untertitel des Stückes sagt, sogar eine Nation geschaffen werden? Würden sich nicht gerade im Angesicht von Bedrohungen die eigenen geteilten Werte und Wurzeln neu fokussieren lassen? Währenddessen schreitet die Zeit unaufhaltsam voran. Auf der Bühnenuhr mehren sich die Jahrzehnte und Jahrhunderte.
Was ist hier Fiktion, was zugespitzte Realität? Was ist hier Ironie, was Provokation, was Utopie? Doch Skrzywanek und Czapliński belassen das Gezeigte in diffusen Zwischenräumen. Sie spielen vermeintlich nur mögliche Szenarien der Verarbeitung durch. Das ist keine leichte Kost, auch gerade weil die Beruhigung durch eine verlässliche Grundlage fehlte und jeder weitere Angang eine neue Perspektive der Verunsicherung bereithielt. Da half auch die rote Sonnenscheibe nichts. Ein Abend, der viele Fragen offenließ und dem die Bereitstellung von etwas mehr kulturellem Kontext in Form eines Programmheftes sicher gutgetan hätte.
Birgit Schmalmack vom 6.2.26
Zur Kritik von
hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000
