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Die Möwe, DSH

Die Möwe, Schauspielhaus

Foto: Lucie Jansch

Tänzeln am Abgrund


Zuerst ist es noch der Ausblick in den Himmel, später dann ein großes Loch im Boden. Die Perspektiven für die Zukunft haben sich verengt und der Abgrund ist nun stets präsent. In dem holzvertäfelten Salon, der mit Betonblumenkästen eine Mischung zwischen Draußen und Drinnen versucht, spiegeln sich die Zukunftshoffnungen, bzw. -ängste wieder. Und doch sind alle stets um den Anschein von Normalität bemüht. Aber es ist sofort klar: Diese Familie ist höchst dysfunktional. Mutter Arkadina (Bettina Stucky) möchte weiterhin über allem thronen. Als erfolgreiche Schauspielerdiva hält sie sich für die Größte. Obwohl sie unübersehbar älter geworden ist, will sie von allen bestätigt bekommen, dass sie jünger wirkt als die jungen Frauen um sie herum. Sie schmückt sich mit einem wesentlich jüngeren Mann (Daniel Hoevels), einem berühmten Schriftsteller, an ihrer Seite. Ihr Sohn Kostja (Paul Behren) hat es da schwer, zumal er in ihrem Revier wildert. Er hat ein Theaterstück geschrieben, das er am heutigen Abend mit der jungen Nina (Josefine Israel) aus dem Nachbardorf aufführen will. Sein Verständnis von Theater ist ein ganz anderes als das seiner Mutter. Er will es neu denken. Sie muss das als Angriff auf ihre Arbeit verstehen. Denn genau als das ist es gemeint. Es wird eine Durational Performance. Nina versteht den Text selbst nicht, wie sie immer wieder betont. Die junge Mascha (Henni Jörissen), die sich als Assistentin bemüht, dagegen weiß genau, was der Text bedeutet. Für sie ist der Abgrund Teil ihres Lebens. Nur zu gerne würde sie sich in ihn hineinstürzen. Am liebsten zusammen mit Kostja, in den sie verliebt ist. Ihre Mutter Polina (Angelika Richter) dagegen wahrt - kichernd um gute Laune bemüht - stets die Form. Sie ist die Hüterin der Normalität, wenn auch vergeblich. Ihr Bruder (josef Ostendorf), der im Rollstuhl seinem versäumten Leben hinterhertrauert, schwankt sehr sympathisch zwischen Selbstmitleid, -kritik und -ironie. Der Arzt (Samuel Weiss) hält sich als wissender Beobachter meist draußen vor, schafft einen Ausbruch mit seiner Reise nach Mexiko und kehrt als geläuterte Hippie wieder zurück. Und dann ist da noch der linkische Lehrer (Pascal Houdus), der es allen recht machen möchte und sich aber mit seiner Spießigkeit in diesem Künstlerambiente ganz an den Rand befördert.

Sie alle sind versammelt in dem eindrucksvollen Saal (Bühne: Bettina Meyer,) der naturalistisch anmutet, wäre da eben nicht das Loch im Himmel bzw. später das Loch im Boden. So wird er wahlweise zum Grundstück am See, an dem Kostjas Theaterstück aufgeführt wird, oder zum Salon der Familie, in den sich Tschechows Drama später verlagert. Regisseurin Yana Ross schafft es, mit leichter Hand die Dramen dieser Familie offen zu legen. Doch bei all den persönlichen Tragödien, die sich hier abspielen, ist bei ihr der Humor nie weit entfernt. Viele Lacher sind während der zweieinhalb Stunden zu hören, doch werden die Figuren nie der Lächerlichkeit preisgegeben. Es ist eher ein erkennendes Lachen, eines über die Abgründigkeit und Vergeblichkeit des Lebens. Es ist eines, das Josef Ostendorf in seiner Rolle als alternder Möchtegern-Schriftsteller hervorragend verkörpert. Er sinniert über alle seine versäumten Lebensträume, über alle seine verpassten Möglichkeiten, aber nie ohne gleich danach über sich selbst zu lachen. Mehr vom Leben erwarten? Was für eine absurde Vorstellung! Die Menschen um ihn herum geben ihm recht: Unglücklich auch sie alle, auch wenn sie zu Berühmtheit gekommen sein sollten. Außer natürlich Akardina, die das nie zugeben würde. Yana Ross hat für ihre „Möwe“ den Abgrund stets mit im Blick. Das Scheitern ist unvermeidlich. Nicht zuletzt die eingebauten Zitate aus Wolfgang Herrndorfs letztem Buch „Arbeit und Struktur“, dass er vor seinem Selbstmord verfasste, machen das deutlich. Eine tiefgründige, warmherzige und humorvolle Inszenierung, die einen Besuch im Schauspielhaus lohnt.

Birgit Schmalmack vom 26.1.26

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