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Bodies under water, Malersaal

Bodies under water, Malersaal

Foto: Maris Eufinger

Wässeriges Denken üben

Als Kind wollte Alberta von Poelnitz unbedingt hauptprofessionelle Meerjungfrau werden. Stundenlang betrieb sie an der Ostsee Training, so lange, bis ihre Großmutter sie ganz blaugefroren herausholte. Dann habe sie auch noch die Serie „H2O - Plötzlich Meerjungfrau“ entdeckt. Sie hätte fasziniert den jungen Frauen zugesehen, die sich in Sekundenschnelle in Meerjungfrauen verwandelten und plötzlich ganz neue Kräfte entwickelten. Doch im Laufe der Zeit seien ihr Zweifel gekommen: Wurden hier nicht wieder Frauen auf ihren Körper reduziert? Wozu benutzen sie schon ihre Kräfte, nur zum Bügeln oder Tee Erhitzen. Die coolen Tätigkeiten blieben wieder einmal für die Männer reserviert. Ein Glück, dass sich ihr Berufswunsch nicht erfüllt hat. Sachiko Hara hat einen besseren Vorschlag für sie: In Japan herrsche gerade Ama-Mangel. Die Tradition der Meerfrauen sterbe langsam aus. Keine der Töchter wolle noch die anstrengenden Arbeiten einer Fischerfrau ohne jedes technische Hilfsmittel ausüben.

An diesem Abend, der ein Experiment ist, wollen die beiden Schauspielerinnen sich ganz dem Element Wasser widmen und herausfinden, ob Menschen etwas von ihm lernen können. Sie wollen versuchen, sich im wässerigen Denken zu üben. Die Texte der Theoretikerin Astrida Neimanis werden von den Beiden in Alltagssprache übersetzt. Wir müssten uns bewusstwerden, dass wir einen Wasserkörper besitzen, der keine Grenzen kennt. Da wir zu Dreiviertel aus Wasser bestehen, sind wir mit allem in der Natur verbunden. Wir sollten unseren Individualismus, unsere Zentrierung auf den Menschen bzw. auf den Mann verlernen. Die „allgegenwärtigen ontologischen Old Boys Clubs“ sollten endlich aufgelöst werden.

Stattdessen fischen die Beiden aus einem der Rollcontainer ein paar bunte Kostüme hervor und verwandeln sich lieber in einen Krebs mit Scherenhänden und in einen Oktopus. Letzterer erinnert Sachiko an das No-Theater, in das sie gleich eine Kurz-Einführung gibt. Das No-Theaterstück über eine Ama spielt sie im Schnelldurchlauf vor. Eine Frau opfert sich für ihr Kind auf, indem sie einen Schatz unter ihrer aufgeschlitzten Brust versteckt, weil sie weiß, dass Drachen an Toten kein Interesse haben. So sichert sie ihrem Kind sein Erbe. Ähnlich wie die Oktopusmutter, die so lange hungert, bis aus ihren Eiern neue kleine Oktopusse werden.

Zum Schluss werden die Beiden wieder zu Wasserwesen. Von der Decke schwebt eine Organzaqualle herab und es ergibt sich die poetische Stimmung, in der das wässerige Denken möglich zu sein scheint, welches das Verbindende, Durchlässige und Grenzenlose als schöne Utopie denkbar werden lässt.

Der Abend von Annalisa Engheben verzichtet bewusst auf große Theatermittel. Er setzt ganz auf seine beiden Performerinnen, die aus ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergründen sehr persönliche Geschichten auf der Bühne erzählen. Die Beiden schaffen es spielend, jede entstehende Stille mit ihrer Präsenz zu füllen. Nichts wirkt abgespult, sondern wie frisch ersonnen. In den ganz ruhigen Momenten, in denen die Beiden sich nur der Kommunikation mit dem imaginierten Wasser, das einzig aus Nebel und Licht entsteht, hingeben, meint man das Rauschen förmlich zu hören. Regisseurin Engheben traut sich mit dieser zweiten Arbeit am Schauspielhaus, sich ganz auf den Moment zu verlassen. Das erfordert Mut, Vertrauen und eine Verbundenheit, die genau die thematische Grundlage dieses Experiments ist.

Birgit Schmalmack vom 6.1.26

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