Destination: Origin, Thalia
Destination: Origin, Thalia
© Fabian Schellhorn
Starke Wurzeln
© Fabian Schellhorn
In einem Glaskasten eine Baumwurzel, angestrahlt von Scheinwerfern. Zwei Schauspielerinnen stehen davor, betrachten sie. Sie versuchen sich von ihr zu entfernen, doch sie hängen mit dicken Gummibändern an ihr fest: Ihre Wurzeln lassen sie nicht los. Verständlich, wenn man wie sie aus einem Land wie dem Iran fliehen musste, in dem zurzeit wieder einmal viele Menschen auf die Straßen gehen und ihr Aufstand blutig niedergeschlagen wird.
Vor der Aufführung von „Destination: Origin“ wurde ein dreiminütiger Film im Handyformat auf dem Schnurvorhang gezeigt: Lange Reihen von Leichensäcken liegen auf dem Asphalt und Angehörige versuchen die Ermordeten zu identifizieren. Er war nur ein Ausschnitt eines insgesamt 12minütigen, von Augenzeugen aufgenommenen Films, der die Gegenwart im Iran verdeutlicht.
Setareh Maleki, Mahsa Rostami und Niousha Akhshi sind alle aus dem Iran geflohen. Sie waren nicht mehr sicher, weil sie mit Mohammed Rasoulof seinen Spielfilm „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ gedreht hatten. Nun erzählen sie in Worten und Bildern von dieser Flucht. Doch auch von ihrer Arbeit als Schauspielerinnen im Iran, ständig in Angst vor der Zensur, vor den Revolutionsgarden und vor der Repression. Doch sie zögerten nicht, als Rasouluf sie engagieren wollte. Auch wenn sie wussten, welches Risiko sie eingehen.
Von der Decke hängen hunderte von Tauen. Die drei Frauen versuchen sich zwischen ihnen hindurch zu lavieren, möglichst ohne sie zu berühren. Das kann natürlich nur misslingen. Eines der vielen Bilder, die Rasoulof entwickelt. Ein anderes sehr eindrucksvolles: Eine der Frauen trägt ein ärmelloses weißes Kleid, ihre Arme hält sie hinter ihrem Körper verschränkt. Hinter ihr stehen zwei weitere Frauen, beide jeweils mit nur einem weißen Ärmel bekleidet, ansonsten komplett in schwarz. Zusammen bilden sie einen Körper. Doch plötzlich machen sich die Arme selbstständig. Die Frau wird handlungsunfähig, was erst endet, wenn sie mit den beiden anderen wieder eine Einheit bildet.
Inzwischen sind die drei Frauen in Berlin angekommen. Eine von ihnen ist in einem Matratzengeschäft. Die Verkäuferin fragt sie: Liegen sie bequem? Doch die Frau kann keine Position finden. Ungestörten bequemen Schlaf, das ist für sie keine Frage einer weichen Matratze. Dann sitzen sie alle um einen WG-Tisch herum, auf der Suche nach einer neuen bezahlbaren Wohnung. Eine probiert ein paar deutsche Sätze aus, ansonsten wird Englisch gesprochen. Sie sind angekommen im Exil und doch mit den Herzen bei den Zurückgelassenen im Iran.
Was gibt einem Orientierung, wenn man in der vermeintlichen Freiheit angekommen ist? Was nimmt man mit, was muss man zurücklassen? Ist ein Ankommen möglich, wenn die Rückkehr verwehrt bleibt? Rasoulof entwirft Bilder einer Reise, in der Ziel und Ausgangspunkt verschwimmen. Ein eindrucksvolles Bühnenstück mit äußerst starken Schauspielerinnen.
Birgit Schmalmack vom 10.2.26
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