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Between Volga an Void, Lichthof

Die identitätsfrage

Woher kommst du? Diese Frage ist bei ihr eine, die zu weiteren Fragen führt. Sie selbst ist in Deutschland geboren, ihre Eltern kommen aus Kasachstan, sind aber keine Kasachen, sprechen russisch, sind aber keine Russen, sondern ethnische Deutsche. Also was ist die Tochter jetzt? Lange Zeit verdrängte sie diese Problematik völlig, sie lebte in Deutschland und lehnte alles Osteuropäische völlig ab. Doch dann wollte sie plötzlich mehr erfahren und fuhr nach Kasachstan, sprach mit ihrer Oma und erfuhr die ganze Geschichte. Wird die in der Schule gelehrt? Eher nicht. Also referiert Katharina Schleicher sie auf ihrem Teppich in Kurzversion. Katharina die Große rief die Deutschen in ihr Reich zur Ansiedlung, vor dreihundert Jahren war das. Dann fiel das Zarenreich zusammen und machte der Sowjetunion Platz. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Deutschen als Staatsverräter angesehen und verbannt. So kamen die Deutschen ins Lager, nach Kasachstan oder gar nach Sibirien. Dann fiel die Berliner Mauer und Deutschland bot allen Russlanddeutschen die Rückkehr nach Deutschland an.

Auf der Bühne ein aufgerollter Teppich. Sein roter Rand vom Scheinwerfer angestrahlt. Plötzlich beginnt er sich zu bewegen, ein paar Haarsträhnen, eine Hand werden sichtbar und schließlich purzelt eine Frau aus der Teppichrolle. Der Teppich wird zu der Basis ihrer Identitätssuche auf den Spuren ihrer Familie. Während sie eine Position auf ihm sucht, sind viele Interviewstimmen aus dem Off zu hören. Stimmen von jungen Russlanddeutschen wie sie. Bis sie mit ihrer Oma spricht, mal auf Russisch, mal auf Deutsch. Sie versucht sich hinter ihren Haaren zu verstecken und ihren Körper zu fragen, was in seinem Bewegungsgedächtnis gespeichert ist. Winzige Tanzsequenzen ploppen auf und mischen sich unter ihre vorsichtigen Erkundungen. Mal wird sie zum kleinen Kind, mal zu jungen Frau, mal zum stolzen Mann. Je nachdem, welche Bilder gerade durch die Interviewpassagen oder die Filmbilder auf der Rückwand hinter ihr aufzutauchen scheinen. Auf den schwarzweißen Projektionen ist der Aralsee zu sehen und Propaganda- Aufnahmen der ertragreichen Landwirtschaftlichen Massenproduktion in den sowjetischen Zeiten. Es sind Bilder von einer glücklichen, stolzen Landbevölkerung, die riesige Machinen bedienen und auf großen Flächen unglaubliche Mengen an Getreide, Baumwolle und Früchten für das große Reich produzieren. Man sieht unablässig fahrende Laster Lebensmittel abtransportieren. Die Gesichter der Menschen sehen europäisch und nicht asiatisch aus. Ist das etwa das Land, nach dem die Spätaussiedler später in Deutschland wieder Sehnsucht haben werden? „Meine Eltern haben hier so hart arbeiten müssen, keine Abschlüsse wurden anerkannt und leben jetzt im Alter von Sozialleistungen,“ sagt Schleicher. Umso größer die Erwartungen an die nächste Generation. Der erneute Neuanfang soll sich gelohnt haben.

Dann soll der schwere Teppich weg. Doch er entwickelt sich zur Bürde. Der Versuch ihn in einen Plastiktütenkoffer zu stopfen, misslingt. Ein weißes, rot gesticktes Kleid kommt darunter zum Vorschein. Seine Spitze ist schon halb zerfetzt, seine Verzierungen hängen in Streifen von der Schulter herab. Unter ihm steckt ein weiteres Kleid, mit schwarzweißen Fotos bedruckt. Man muss es anziehen, seinen Stoff spüren, mit den Erinnerungen darunter auseinandersetzen. Schleicher geht durch alle Reihen und lässt die Zuschauenden teilhaben an den Bildern, die plötzlich aufscheinen. Was steckt in mir, woher kommen Gefühle der Verbundenheit, wo kann ich mich abgrenzen, was gehört davon zu mir? Schleichers Arbeit gibt einen Einblick in die Geschichte und Emotionslage der Russlanddeutschen, die vielleicht einigen im Publikum nicht vertraut sind. Sie tut das mit großer Ruhe, Sachlichkeit und Neugier, ohne jeden Pathos. Ihre Sympathie überträgt sich sofort auf das Publikum.

Birgit Schmalmack vom 8.10.26

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