Macbeth, Staatsoper
Macbeth, Staatsoper
Foto: Monika Rittershaus
Mordpläne auf dem Wohnzimmerteppich
Wer könnte dieser Verlockung widerstehen? Macbeth (Simon Keenlyside) wird eine große Karriere vorhergesagt. Er soll König werden. Jedenfalls flüstern ihm das die Hexen ein, während er mit seinem Freund Banco unterwegs ist. Als er nach Hause kommt, erzählt er davon seiner Frau (Nino Machaidze), die sofort alles daran setzt ihren noch zögerlichen Mann zu Taten zu drängen, zu blutigen Taten. Anders als bei Shakespeare hat dieses Paar bei Regisseur Tobias Kratzer in der Hamburger Staatsoper ein Kind. Das spielt auf dem Wohnzimmerteppich mit einem Auto, während seine Eltern sich über Mordpläne unterhalten. Seine Mutter bastelt ihm zum Abschluss dieser Szene eine Krone aus Papier und setzt sie ihm auf den Kopf. Nicht Kinderlosigkeit ist hier der Antrieb für die Machtgier, sondern die Sicherung der Position für die nächste Generation. Doch natürlich kommt alles ganz anders.
Hoch ragt das hölzerne Rund auf der Bühne in die Höhe, mit Sitzpodesten auf den einzelnen Stufen wie in einem Amphitheater. Denn der Chor, der hier die dritte Hauptrolle spielt, ist immer präsent. In verschiedenen Funktionen. Mal steht er für die Hexen, mal für das Volk, mal für die Flüchtlinge, mal für das Schicksal, mal für die Kommentatoren. Er ist in ständiger Bewegung, immer bemüht das Geschehen zu beeinflussen. Dennoch entscheiden die handelnden Personen selbst. Und haben am Ende auch die Konsequenzen zu tragen.
Nachdem Macbeth seine erste Mordtat vollbracht (und bald die zweite befohlen) hat, plagen ihn die Geister seines Gewissens. Während seines Empfangs als neuer Herrscher sieht er den alten König Duncan und auch Banco wieder lebendig vor sich. Denn Kratzer lässt alle Ermordeten die ganze Zeit auf der Bühne immer präsent liegen, bis sie zum Ende voller Leichen ist. Wenn dann auch noch die Kinder von Macduff (eindrucksvoller Auftritt: Dovlet Nurgeldiyev) auf Boden liegen, ergreift auch die bisher eiskalt agierende Lady Macbeth die Reue. Sie erkennt, wozu ihre Machtgier geführt hat. Zu diesem Zeitpunkt haben sie und ihr Mann sich auf die Podeststufen verzogen und betrachten das Geschehen von außen. Sie blicken von oben auf das Leid, das sie nicht nur dem Volk, sondern auch nahestehenden Menschen angetan haben. Doch erst die Kinderleichen vermögen das Herz der Lady richtig zu erschüttern. Unruhig läuft sie auf den Stufen hin und her, während ihr Mann schon völlig apathisch auf einem Fleck zusammengesunken ist. Unter ihnen alles verwüstet, einzig aus dem Grund, ihre Macht zu erlangen und zu behalten.
Das wird besonders deutlich, als der bisher schwarz gewandete Chor seine Umhänge abstreift und sich in Unterhemden und T-Shirts auf den Boden legt. Als Gruppe der schottischen Flüchtlinge singen sie von ihrem unterdrückten Vaterland und recken ihre Arme bittend empor. Das ist eine ergreifende Szene, die von der hervorragenden Chordirektion durch Alice Meregaglia zeugt. Sie lässt den 72-köpfigen Staatsoperchor zu der bestimmenden Kraft dieses Abends werden, indem sie ihn nicht in die verschiedenen Rollen aufsplittet, sondern in den wechselnden als Ganzes auftreten lässt. So behält er über die ganze Aufführung seine angemessene, stets präsente Wucht.
Tobias Kratzer hat darauf verzichtet, seine zweite Spielzeit mit einer herausfordernden Überraschung zu beginnen. Er zeigt stattdessen einen Opernklassiker von Verdi in einer menschelnden Interpretation. Angekündigt als Thriller transferiert er den Stoff auf den Boden eines Wohnzimmerteppichs. Hier könnte sich eine Familienidylle entfalten, wie Kratzer in einem imaginären Zwischenspiel zeigt, doch genau dort schmieden die Eltern vor ihrem Kind ihre Mordpläne. Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Und wird sich noch weiter fortsetzen, wie die letzte Szene zeigt. Wieder haben die Hexen ihren Auftritt. Dieses Mal zeigen sie nicht auf Macbeth, sondern auf Bancos Sohn. Es wird also weitergehen mit dem Morden.
Kratzer hat mit seiner Version von Macbeth an der Staatsoper Hamburg einen unter dem Dirigat von Giampaolo Bisanti musikalisch überzeugenden und in sich stimmigen, aber keineswegs spektakulären Abend geschaffen. Das Bühnenbild verändert sich über die drei Stunden nicht, nur an einer Stelle fällt schottischer Regen auf die Szenerie. Er zeigt die Protagonisten als kleinbürgerlich denkende Menschen, die ganz aus ihrem Eigeninteresse agieren. Staatsmännisches Denken sucht man hier vergeblich. Mit fatalen Folgen für alle, auch für sie selbst. Diese eigentlich banale Erkenntnis durchzieht den ganzen Abend. Was ihn allerdings besonders macht, ist die Personifizierung ihrer Beweggründe, Ausflüchte und Rechtfertigungen durch den Chor, der sie wie ein Gedankenschwarm bedrängt und dem sie sich stellen müssten. Das ist eindrucksvoll und macht auch bildlich deutlich, wie manipulierbar Menschen sind, was sie aber keineswegs der Verantwortung für ihre Handlungen enthebt.
Birgit Schmalmack vom 21.10.26
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