Die Abweichlerin, Schauspielhaus
Die Abweichlerin, Schauspielhaus
© Lalo Jodlbauer
Autorinnenschaft übers eigene Leben gewinnen
Eine Frau ganz in schwarz betritt die Bühne, sie schleift einen schweren Sack hinter sich her. Ist es etwa ein Leichensack? Sie zieht den Reißverschluss auf und zum Vorschein kommt eine kleine Person, ebenfalls ganz in schwarz, wie sie selbst mit einem über den Kopf gebundenen Tuch mit zwei Sehschlitzen. Es ist die tote Lise. Oder doch sie selbst? Denn ein Teil von ihr stehe jetzt hier, in Gestalt der Autorin Tove Ditlevsen, um Lises Geschichte zu erzählen. Also eigentlich ihre eigene. Denn die Figur Lise sei leicht mit Tove zu verwechseln. "Was natürlich kein Zufall ist“.
Ihr sei schon immer die Fiktion lieber als die Realität gewesen. Denn in dieser war sie nie gut genug. Ihre Mutter machte der kleinen Lise von Beginn an deutlich, dass sie eine Abweichlerin sei, eine die den üblichen Normen des Wohlgefallens nicht entspreche. So verkroch sie sich in ihrer eigenen Welt. Das wurde schließlich ihr Beruf. Sie wurde Schriftstellerin. Merkwürdigerweise sogar eine sehr erfolgreiche. Was sie wohl am meisten selbst überraschte. Jedenfalls schmunzelt Lina Beckmann immer wieder ihr Publikum an, wenn sie ihre Geschichte auf der Bühne des Schauspielhauses erzählt.
Sie agiert dabei wie eine Puppenspielerin, die ihre Figuren ganz nach Belieben in den Zimmern des Schaukastens auf der Drehbühne hin- und herschiebt. Da ist einerseits ihr Noch-Ehemann Vilhelm, der sie wegen einer jüngeren verlassen hat. Und ihr Sohn Tom, den sie mit Liebe und Aufmerksamkeit überschüttet. Nach einem Selbstmordversuch weilt Lise gerade in der Psychiatrie. Auf Ratschlag einer Mitpatientin gibt sie noch in der Klinik eine Kontaktannonce auf, um der Passivität zu entkommen. Sie braucht schließlich einen neuen Mann im Haus, nicht zuletzt für ihren Sohn Tom (Daniel Hoevels). So zieht bald darauf das kleine Männchen Kurt (Mirco Kreibich) bei ihr ein. Mit dem weiß sie zwar nichts anzufangen und er auch nichts mit ihr, aber Tom mag ihn glücklicherweise. Also bleibt es bei diesem Arrangement. Als Tom sein erstes Mädchen mit nach Hause bringt, ist jedoch auch Lise klar, dass er nicht mehr der Siebenjährige ist, der begeistert seine Ärmchen nach ihr ausstreckt und Mama ruft, sondern jemand, der sie bald schon nicht mehr brauchen wird. So trifft sie ihre Vorbereitungen. Sie packt ihre Tasche mit ungewöhnlichem Bedacht und klemmt sich den Schlafsack unter den Arm. Ihr bis zum Rand gefülltes Schlaftablettenglas, das sie sich als Notreserve besorgt hatte, ist mit eingesteckt.
Die dänische Autorin Tove Ditlevsen hat 1975 ihr letztes Buch „Vilhelms Zimmer“ veröffentlicht, ein Jahr bevor sie Selbstmord beging. Der Regisseurin Karin Henkel ist eine geniale Umsetzung auf der Bühne gelungen. Das liegt nicht nur an einem überzeugenden Konzept, sondern nicht zuletzt an ihrer Hauptdarstellerin. Lina Beckmann ist die Idealbesetzung für Lise/Tove. Obwohl sie detailliert die Gründe für ihren bevorstehenden Selbstmord darlegt, ist dieser Abend keineswegs keiner, der hauptsächlich anstrengt, sondern einer, der mit viel Selbstironie und Humor anschlussfähige Tiefenbohrungen ins Leben vornimmt, die kein Klischee unhinterfragt lassen. Henkel gelingt es, mit ihrem Konzept Lise zum selbstbestimmten und bestimmenden Subjekt werden zu lassen. Sie gewinnt im wahrsten Sinne die Autorenschaft über ihr Leben zurück, indem sie sich selbst in ihr eigenes Buch einschreibt und den sie umgebenden Figuren ihre Rollen und Handlungen nach ihrer Erinnerung zuweist. Wenn diese drohen ihr Eigenleben zu entwickeln, steigt sie schnell in den Schaukasten und stellt sie wieder an ihren Platz. Sie hält hier die Zügel in der Hand, auch die über ihren eigenen Tod.
Beckmann verkörpert dabei die hochsensible und intelligente Schriftstellerin, die nicht nur ihre Umgebung gnadenlos zu analysieren versteht, sondern genauso auch sich selbst. Die Dreierrolle aus erfolgreicher Autorin, Mutter und Ehefrau misslingt Lise vielleicht auch deswegen, weil dies in einer Männerwelt nicht vorgesehen ist. Doch Henkel ist klug genug, keine der zahlreichen Überlegungen, die diese Geschichte zulässt, in den Vordergrund zu stellen. Sie traut ihrem Publikum zu, eigene Erkenntnisse zu ziehen. Mit einer so präsenten, sympathischen und authentischen Hauptdarstellerin wie Lina Beckmann kann dies gelingen, da sie in Sekundenschnelle von tiefster Trauer zu schmunzelndem Augenzwinkern wechseln kann. Ein Highlight auf der Schauspielhausbühne.
Birgit Schmalmack vom 19.5.26
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