hamburgtheater

..... Kritiken für Hamburg seit 2000

You came, you saw - Ein No Escape Room

Der reale Horror in Dauerschleife


Dies ist keine Fiktion, sondern die Realität. Die Türen bleiben offen, ein Ausstieg ist im Theater jederzeit möglich, ganz anders im realen Leben. Da gab es für die Beteiligten kein Entrinnen. Es geht um die Anschläge nach dem Anschlag. Letztere wurden von Neonazis ausgeübt, erstere von den staatlichen Organen. Institutioneller Rassismus scheint hier fest verankert zu sein. Das zeigt der Abend von Ayşe Güvendiren. Bei ihr ist es der Horrorclown aus der Serie „Saw“, der den Ton gleich von Anfang an vorgibt. Auch geht es um eine Serie, denn es ist ein Abend in sieben Teilen. Sieben Mal versagt der Staat, weil bei der Aufklärung von Verbrechen in die völlig falsche Richtung ermittelt und er damit die Opfer erneut zu seinen Opfern macht, indem er ihnen seinen Schutz versagt.

Zugegeben, sie geben sich Mühe, sie scheuen keinen Aufwand. Sie richten tatsächlich ein Jahr lang einen Dönerladen in Köln ein, damit sie den vermeintlichen „Dönermorden“ im ausländischen kriminellen Milieu auf die Spur kommen. Sie weiden die Leiche eines Getöteten völlig aus, um dann ohne Ergebnis, ohne jeden Kommentar oder gar Entschuldigung den Angehörigen die menschlichen Überreste für die islamische Bestattung zuzusenden. Sie konfrontieren die Witwe eines Ermordeten mit den angeblichen Fotos einer erfundenen zweiten Familie, um die Ehefrau zum Sprechen zu provozieren.

Alles keine Neuigkeiten, die diese Arbeit hier zusammenstellt, aber in ihrer Fülle und unablässigen Reihe doch erschreckend. Der reale Horror. Dennoch darf man sich fragen, ob die übermäßig klare Strukturierung des Abends durch immer die gleiche Reihenfolge aus Clownsrede, Szene, Zwischenmusik nicht doch ein wenig Abwechslung vertragen hätte. Außerdem wären ein paar der zum Teil bevormundenden Kommentare des allwissenden Clowns verzichtbar gewesen. Das Ende zeigt, was dem Abend noch gutgetan hätte. Zum Schluss singt das Ensemble ein türkisches Lied über die Frage des Menschlichen. Das ist genau, das was hier gefehlt hat.

Birgit Schmalmack vom 27.4.26

hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000