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Jane Eyre, Theater Das Zimmer

Jane Eyre, Theater Das Zimmer

Foto: Patrick Bieber

Auf Augenhöhe

Die kleine Jane wird auf einen Hocker gestellt und vor der ganzen Internatsgemeinschaft gedemütigt. Sie sei verdorben, so verkündet es der Schulleiter. Diese Szene steht am Anfang des Theaterabends im Theater Das Zimmer, bei dem Anke Bautzmann und Lena Anne Schäfer alle Rollen übernehmen, die den Roman „Jane Eyre“ auf die Laufstegbühne in der Mitte des kleinsten Hamburger Theaters bringen. Sie stehen sich auf kleinen Podesten am Ende des Laufstegs gegenüber. Völlig gleich angezogen und frisiert. Ein schlichtes blaues Kleid zu geflochtenen Zöpfen. Das ist folgerichtig, denn in Brontës Roman geht es um den kritischen Blick einer Frau auf ihre damalige, von Männern geprägte Gesellschaft.
Jane kam nach dem Tod ihrer Eltern in das Haus ihres Onkels, wo sie als arme Verwandte schikaniert wurde. In dem kleinen Mädchen wächst ein sicheres Gespür für Ungerechtigkeit, das sie sensibel für jede Form der Zurückweisung macht. Nach der Internatszeit bekommt sie eine Stelle als Gouvernante auf Thornfield. Als der Hausherr Mr. Rochester sie fragt, ob er als Älterer nicht ihren Respekt verdient hätte, entgegnet sie kess: „Ihr Anspruch auf Überlegenheit hängt davon ab, welchen Gebrauch Sie von Ihrer Zeit und Ihrer Erfahrung gemacht haben.“ Verblüfft fängt Rochester an, sich für die junge eigenwillige Frau zu interessieren und macht ihr schließlich einen Heiratsantrag.
Es sind diese Szenen, in denen Jane ihren Gesprächspartnern auf Augenhöhe ohne Ansehen von Rollen- oder Standesunterschieden begegnet, die verblüffen. Eine junge Frau ohne Geld und gesellschaftliche Stellung, die selbstbewusst ihren Weg geht und ihren eigenen Ansprüchen treu bleibt, dass ist in der viktorianischen Gesellschaft ungewöhnlich. So verwundert es auch nicht, dass der Roman von Charlotte Brontë zunächst unter einem männlichen Pseudonym erscheinen musste, um überhaupt publiziert zu werden.

Regisseur Jona Manow hat eine Bühnenfassung des Romans geschaffen, die gekonnt schlaglichtartig wichtige Situationen aus dem Leben von Jane in den Blick nimmt. Wie sie ihr Leben selbstbewusst in die eigenen Hände nimmt und immer wieder von ihrem freien Willen geprägte Entscheidungen trifft, zeigt sich, wenn Bautzmann und Schäfer zu den jeweiligen Gegenübern von Jane werden. Auf ihren Gesichtern spiegeln sich dann nicht nur Janes klare Haltung, sondern auch die zunächst überraschte Verblüffung und der allmählich gewonnene Respekt ihrer männlichen Gesprächspartner. Wenn Jane in ihrem Zimmer nachts merkwürdige Gestalten hört und sieht, kann es an diesem Abend auch kurz gruselig werden. Wenn die Trauung in der Kirche vor der Pause jäh von einer Stimme aus dem Off unterbrochen wird, ist die Spannung im Zuschauerraum spürbar hoch. Und wenn der Schluss wieder den Bogen zur Eingangsszene aufnimmt, wird es noch einmal ganz leise und innig. So liefert der Abend einen Einblick in die Persönlichkeit einer sehr ungewöhnlichen, eigenwilligen und selbstbestimmten Frau, die auch 180 Jahre nach der ersten Veröffentlichung ihrer Geschichte noch viele interessante Aspekte bereithält.

Birgit Schmalmack vom 3.6.26

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