Bachelor 2026 Regie, Thalia
Abschlussjahrgang Regie Schauspiel 2026
© Ali Khademi
Von den nie verheilenden Wunden
Die diesjährigen Bachelorarbeiten Regie der Theaterakademie Hamburg standen unter dem Motto Gerechtigkeit, bzw. dem Fehlen derselben.
„Weil eben das Blut, das aus den nicht verheilten Wunden der Vergangenheit tropft, zur Tinte wird, mit der sie sich in der Gegenwart fatal fortschreibt.“ Das sagt die Autorin und Hauptfigur Sivan Ben Yishai, wenn sie in „Wounds Are Forever (Selbstportrait als Nationaldichterin)“ durch die Jahrhunderte reist, um den Katastrophen der Vergangenheit zu begegnen. Da erlebt sie die Grauen der Vernichtung durch die Deutschen, die Schrecken nach der Migration nach Russland, die Verwerfungen im vermeintlichen sicheren Hafen Israels und nun die Herausforderungen ausgerechnet als Neuzugezogene in Berlin. Ihre Verwandtschaft kann diese Wahl nur schwer nachvollziehen. Doch Sivan forscht nun genau hier den Wunden der Vergangenheit nach. Als Nationaldichterin, wie sie ironisch anmerkt. Das Stück wird von der Absolventin Marlene Reiter mit ihren drei Darstellerinnen Bella Krieger, Ofir Shabtay Levin, Hannah Payr Viola in einem reduzierten Theaterraum umgesetzt. Ganz dem assoziativen Text entsprechend springen die Drei zwischen den Sprecherinnenrollen hin und her. Alle sind sie mal die Hauptfigur Sivan, oft auch alle gleichzeitig. Reiter versteht es den poetischen Text, der zwischen Deutsch, Englisch, Arabisch und Hebräisch hin- und herspringt, so umzusetzen, dass dessen eindringliche Botschaft verständlich wird. Sie verzichtet klugerweise auf eine Vergegenständlichung und lässt ihn für sich sprechen. Dennoch wird das noch nicht getrocknete Blut der vergangenen Wunden nicht zu einem trockenen Text, sondern wird durch die Schauspielerinnen zum Leben erweckt.
Der kleine Fisch mochte nicht einsehen, dass die kleine Bucht, in die ihn das Schicksal verschlagen hatte, alles sein sollte, was er im Leben erreichen konnte. Er vertraute darauf, dass der Mond ihm schon den Weg weisen würde in das weite Meer, wo mehr Platz und Freiraum auf ihn warten würde. Doch er muss auf seiner Reise feststellen, dass hier viele Gefahren auf ihn lauern, mit denen er nicht gerechnet hat.
Viel Erfolg, wünschten die drei adrett gekleideten und freundlich lächelnden Frauen zur Begrüßung von „Khane-mān“. Sie überreichten den Hereinkommenden kleine Häppchen mit einer Deutschlandflagge dekoriert. Viel Erfolg beim Bestehen der Einbürgerungstestfragen. Mindestens 350 haben sie auf Lager und befragen nun ihr Publikum, das sogleich verdächtig stumm bleibt.
Die Geschichte vom kleinen Fisch, der sich aufmacht, um in ein besseres Leben zu schwimmen, wird für die drei Frauen, nachdem sie ihre Moderatorinnenkleidung gegen Monteursanzüge getauscht haben zu einer Metapher für die vielen Erfahrungen von Menschen, die aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen sind und nun mit den vielfältigsten Problemen zu kämpfen haben. Dazu schrauben sie die drei Gitterzäune immer wieder neu auf dem Theaterboden fest. Mal werden diese Metallwände zu Beamtenstuben, mal zu Gefängniszellen, mal zu Grenzzäunen. Unglaublich klug und variantenreich arrangiert Regisseurin Niyousha Azari ihr Stück anlässlich ihres Abschlusses an der Theaterakademie. Sie hat sich dafür eine Idealbesetzung ausgesucht. Ihre drei Schauspielerinnen Leonida Gashi, Aschif Kasem und Antonia Elisa Sandrock sind grandios. Sie haben eine Präsenz, die vom ersten Moment gefangen nimmt und die die Spannung bis zur letzten Szene hält. Denn so wie der kleine Fisch nie dort ankommen wird, wo er sich hingeträumt hat, so erkennen auch die drei Auswandernden: Sie werden ihr Leben wohl in einem Ort namens Dazwischen führen müssen. Sie werden sich damit abfinden müssen, dass ein Ankommen nie erreichbar sein wird. Auch wenn sie sich zwischendrin gegenseitig darin überbieten können, wer von ihnen am deutschesten geworden ist. Die, die am 1.Januar in der Elbe anbaden geht? Oder diejenige, die abends mit einer Butterbrotstulle völlig zufrieden ist?
Größer hätte der Kontrast zur nächsten Abschlussarbeit mit dem Titel "MARIA BÄRBEL ELIZABETH WELTFRIEDEN STUART" (nicht grundlos alles in Versalien) nicht sein können. Die Jungregisseurin und Autorin Anna Maria Kluth spricht zwar auch wie die beiden vorher gezeigten von Wunden, die nicht heilen wollen. Doch bei ihr sind sie so klaffend und schmerzhaft, dass ein Entkommen nur in der totalen, auch der eigenen, Vernichtung denkbar ist. Die Hoffnungslosigkeit spricht schon aus den ersten Zeilen. Heute sei ein so schöner Tag, dass die Vier sich die Pistole an die Schläfe halten und sich umbringen müssen. Doch vorher müssen sie noch die ganze Welt vernichten. Darauf läuft das Stück mit brachialer Konsequenz hinaus. Als Assoziationsrahmen nimmt Kluth sich dafür den Konflikt zwischen den beiden Königsrivalinnen Elisabeth und Maria Stuart. Doch auch wenn die Kostüme historisierende Elemente aufweisen, kippen die Figuren immer wieder ins Jetzt. Es geht um den Selbstmord der Mutter, das Gefangenhalten eines neunjährigen Kindes und dessen Missbrauch, aber auch um die Zerstörung der Umwelt, die ein Leben auf diesem Planeten auch jenseits der eigenen Traumata unmöglich macht. So wird von den Spielenden alles verbal attackiert, mit Bühnenrequisiten ins Publikum gefeuert und gef***t, was das Zeug hält. In der totalen Verzweiflung muss keine Rücksicht mehr auf vermeintliche Regeln genommen werden. Brüche gibt es hier nicht mehr. Hoffnung nirgendwo. Keine Rettung, keine Läuterung. So schreien die Schauspielenden alles heraus, aber nicht zur Erleichterung, sondern einfach zur Zustandsbeschreibung. Das ist anstrengend für alle, auch für das Publikum, denn alles geht stets voll auf die Zehn.
Nur in der allerletzten Szene stehen die Vier plötzlich nebeneinander ganz still auf der Bühne, die inzwischen völlig verwüstet ist, und legen unaufgeregt Bericht darüber ab, wie sie nun alles Leben auf der Erde nacheinander auf bestialische Art und Weise umbringen. Und ganz am Schluss sich auch selbst vernichten. Dann sind sie weg und auch zum Schlussapplaus kommt keiner zurück. Eine zugegebenerweise sehr konsequente Inszenierung, die alles auf eine Karte setzt und die nach dem letzten Ton wohl nur zwei Reaktionen erlaubte: Entweder man war als Zuschauende begeistert oder abgestoßen.
Birgit Schmalmack vom 30.6.26
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