Der jüngste Tag, Heizkraftwerk
Der jüngste Tag, Altes Heizkraftwerk
Foto: Silviu Garba
Brecht lässt grüßen
Der Tresen, das Bierglas, selbst die Zigarre, alles ist zweidimensional. Alles aus schwarzer Pappe gefertigt. Verfremdung ist hier Programm. Doch der Zug, der die Wende bringt, ist dreidimensional. Auf Spielzeuggröße geschrumpft rattert er auf Schienen kurz unter der Decke des Theaters Altes Heizkraftwerk in das Unglück, das alles verändert. Der bis dahin hoch angesehene Stationsführer hat das Signal nicht rechtzeitig gesetzt. Der Güterzug knallt mit einem Personenzug zusammen. Mit Todesfolge für 18 Menschen. Danach ist nichts mehr wie zuvor. Die Meinungen der Dorfbewohner kippen schnell, denn die Volksseele kocht. Sofort ist der Schuldige ausgemacht, ebenso schnell wieder aus der Schusslinie, als eine junge Frau eine Falschaussage zugunsten des Stationsführers macht.
Dieses späte Stück von Ödön von Horvath nimmt gesellschaftliche Umbrüche in den kritischen Blick. Was er hier messerscharf in seiner genau beobachteten Dorfstudie analysiert, könnte von heute sein. Ganz ohne soziale Medien verbreiten sich in dem kleinen Dorf die Gerüchte, die bald schon zu Tatsachen erklärt werden.
Im Laufe des Stückes leert sich die Bühne zunehmend. Die Dorfidylle wird Stück für Stück dekonstruiert und alle schwarz-weißen Möbel hinausgetragen. Zum Schluss ist nur noch der Stationsführer auf der nun leeren Bühne zu sehen. Er läuft und läuft auf der Stelle. Er will seinem Schicksal davonlaufen. Seitdem die Leiche seiner einzigen Zeugin gefunden worden ist, wird er verfolgt. Läuft er vor seiner vermeintlichen Verurteilung weg oder vor seinen eigenen Schuldgefühlen? „Ich war doch immer ein zuverlässiger Arbeiter“, ist sein Mantra seit dem Unglück. War wirklich die junge Frau schuld, die ihn vor der Signalsetzung mit einem Flirt abgelenkt hat? Oder hat er sich bereitwillig ablenken lassen?
Es ist ein Stück über Schuld, Gerüchte, Beeinflussung, Vorverurteilung und gesellschaftliche Folgeerscheinungen. Horvath zeichnet die Figuren sehr präzise. Da ist die um 13 Jahre ältere Frau des Stationsführers (Sandra Kanthak) die in Depressionen versinkt, weil sie vom Dorfklatsch heimgesucht wird. Da ist der Drogist (Hans Hansen), der sich dem Dorftratsch gerne entzieht und dadurch zum Außenseiter wird. Da ist ihr Ehemann, der zwischen seinen eigenen Erwartungen an Treue und Pflichterfüllung und denen der Dorfbewohner hin- und hergerissen ist. Nach dem Unglück scheitert er daran, sein Selbstbild mit den Tatsachen in Übereinstimmung zu bringen. Da ist die junge Frau (Carla Ochmann), die zwar mit einem Schlachter verlobt ist, sich aber dennoch zu dem Stationsleiter hingezogen fühlt. Sie schwankt zwischen passiver Rollenerfüllung und aktiver Selbstbestimmung hin- und her. Sie lügt, um ihre Schuld zu tilgen, und gerät damit noch tiefer in die Verantwortungsspirale hinein. Und da sind alle Dorfbewohnende, die sich in ihren Haltungen als überaus flexible Wendehälse entpuppen. Hauptdarsteller Jarno Soukup als Stationsvorsteher bleibt in seinem Spiel ganz bei sich und leidet still. Fast alle anderen Figuren agieren dagegen eher plakativ, so dass sie ver- und auch entfremdet wirken. Das ist beabsichtigt, erleichtert aber das Einfühlen in die Figuren, die uns doch eigentlich so ähnlich sind, nicht immer.
Dennoch: Regisseur und Intendant Thorsten Diehl hat hier den richtigen Riecher gehabt und ein Stück auf seine Bühne auf dem Postgelände in Altona gebracht, das genau den Nerv der Zeit trifft. Er verzichtet klugerweise auf eine zusätzliche Aktualisierung, denn die braucht das Stück nicht. Er entwickelt zusammen mit seinem Team so viele Ideen für die Inszenierung, dass das Zuschauen eine Freude ist. Da sind nicht nur der kleine Zug, die eingerichtete Wohnung des Stationsvorstehers auf der Galerie, die komplette Ausstattung aus schwarzer Pappe und der ausgefeilte Soundtrack, sondern auch die surreal anmutenden, verfremdeten Live-Projektionen auf die Rückwand. Zusätzlich werden alle vorhandenen Räumlichkeiten voll ausgenutzt. Während des Unglücks ziehen sich die Schauspielenden auf die nebelige Hinterbühne zurück, für die Verzweiflung der Ehefrau nach dem Weggang ihres Mannes wird die Seitenbühne bespielt und für die Suchaktion nach dem vermeintlichen Mörder huschen alle über die Galerie.
Um das bisher kaum bekannte Stück „Der jüngste Tag“ zu entdecken, lohnt sich also auf jeden Fall ein Besuch im Alten Heizkraftwerk. Im September sind weitere Spieltermine angesetzt.
Birgit Schmalmack vom 16.7.26
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